Leonardos „Salvator Mundi“

Er ist wieder da

Von Stefan Koldehoff
 - 10:00

Selten ist über ein Kunstwerk aus dem höchsten Preissegment des internationalen Kunstmarkts so viel bekanntgeworden wie über dieses Gemälde, das Christie’s am 15. November in New York versteigern will – versehen mit einer Schätzung von hundert Millionen Dollar. Das Bild wird von einigen maßgeblichen Experten Leonardo da Vinci zugeschrieben: ein Trophäenbild, das entsprechende Bietgefechte auslösen könnte. Die Taxe allerdings wirft vor dem Hintergrund der Geschichte des Gemäldes Fragen auf, denn sein ursprünglicher Preis lag noch vor wenigen Jahren deutlich höher.

Durch Prozesse, an denen nach wie vor Gerichte und Behörden in Monaco, der Schweiz, den Vereinigten Staaten und Singapur beteiligt sind, wurde öffentlich, was sein aktueller Besitzer, der aus Russland stammende Investor und Multimilliardär Dimitri Rybolovlev, ursprünglich einmal für die Darstellung von Jesus Christus in der Rolle des Welterlösers, des „Salvator Mundi“, bezahlt hat: 127,5 Millionen Dollar überwies er laut Gerichtsunterlagen an den Genfer Kunsthändler, -transporteur und Betreiber von Zollfreilagern, Yves Bouvier. Von ihm erwarb Rybolovlev über Jahre hinweg Werke von Van Gogh, Monet, Degas, Picasso und Rothko, für einen insgesamt hohen dreistelligen Millionenbetrag.

Sammler bezahlte einst deutlich mehr für das Gemälde

Seit einer Silvesterparty 2014 in New York streiten Rybolovlev und Bouvier allerdings vor Gericht um die Frage, ob der Händler dem Sammler zugesagt hatte, ihm Kunstwerke für eine Kommission von nur zwei Prozent des ursprünglichen Kaufpreises zu vermitteln – oder ob Bouvier auch nicht unerhebliche Aufschläge vornehmen durfte. An jenem Jahreswechsel in Manhattan erzählte der Kunstberater Sandy Heller Rybolovlev nämlich, sein Kunde, der Hedgefonds-Manager und Großsammler Steve Cohen, habe gerade für 93,5 Millionen Dollar einen Akt von Modigliani verkauft. Rybolovlev war zumindest überrascht: Er hatte den Modigliani kurz danach von Yves Bouvier erworben – für deutlich höhere 118 Millionen Dollar.

Daraufhin ließ Rybolovlev weitere Nachforschungen auch zu anderen Bildern seiner Sammlung anstellen. Teile davon gehörten inzwischen seinem, über Panama auf den British Virgin Islands gegründeten, Familientrust namens „Xitrans Finance Ltd.“; andere waren offiziell in den Besitz von Rybolovlevs Tochter übergegangen. Im Jahr 2009 nutzte Rybolovlev die Offshore-Gesellschaft, um auch Kunstwerke nach Singapur und London zu verlagern: Seine Frau Elena hatte die Scheidung eingereicht und von einem Schweizer Gericht zunächst die Rekordsumme von 4,5 Milliarden Dollar zugesprochen bekommen, die später reduziert wurde.

Bouvier bestreitet jedes Fehlverhalten und weist auch zurück, dass es jemals eine Vereinbarung gegeben habe, der gemäß er nur zwei Prozent hätte berechnen dürfen. Er sei bei diesen Geschäften kein Makler gewesen, sagte Bouvier dem Magazin „The New Yorker“: „Meine Firma war der Verkäufer.“ Bei den zwei Prozent habe es sich nur um den Ersatz seiner eigenen Kosten, etwa für Verwaltungsgebühren, Versicherung und Transportkosten, gehandelt. Das habe auch für das Leonardo-Gemälde gegolten, für das er, Berichten zufolge nach Vermittlung von Sotheby’s, zwischen 75 und achtzig Millionen Dollar an ein Händlerkonsortium unter Leitung von Robert Simon gezahlt habe.

Widersprüche in Provenienzgeschichte und Datierung

Den 2005 wiederaufgetauchten „Salvator Mundi“ hatten über Jahre mehrere Experten untersucht und dann Leonardo zugeschrieben. Bei anderen blieben Zweifel – auch weil die Restaurierungsunterlagen nicht zugänglich gemacht wurden. Der an der Uni Leipzig lehrende Kunsthistoriker Frank Zöllner etwa wies früh auf Widersprüche in Provenienzgeschichte und Datierung hin – und darauf, dass das Bild so stark restauriert worden sei, dass eine seriöse Zuschreibung kaum möglich sei. In seinem revidierten Leonardo-Werkverzeichnis führt er das Bild deshalb mit der bislang wohl ausgewogensten Beurteilung als „Leonardo da Vinci und Werkstatt (?)“. Trotz mancher Zweifel nahm der Kurator Luke Syson das Bild 2011 in seine vielbeachtete Leonardo-Ausstellung in der Londoner National Gallery auf – gegen die Stimmen einiger Kollegen und nach der Zusage des dreiköpfigen Händlerkonsortiums, die Walnussholztafel stehe nicht zum Verkauf.

Davon war nach der Ausstellung schon bald nicht mehr die Rede: 2012 wurde das Bild ins Dallas Museum of Art gebracht und dem neuen Direktor angeboten: dem Vernehmen nach zunächst für 200, später dann für 150 Millionen Dollar. Den Preis, den das Haus schließlich zusammenbekam, lehnte das Konsortium als zu niedrig ab. Die Berliner Gemäldegalerie, die ebenfalls kontaktiert wurde, unterbreitete erst gar kein Angebot. Schließlich erwarb Yves Bouvier das Bild und bezahlte bar und mit einem Picasso-Gemälde. Anschließend zeigte er den Leonardo in dessen Apartment an der Fifth Avenue in New York Dimitri Rybolovlev. Er habe in Gegenwart des Bilds ein Zittern gespürt, wird der russische Sammler zitiert.

127,5 Millionen Dollar also bezahlte Rybolovlev nach Angaben seiner Anwälte für den Leonardo. Aus der „New York Times“ erfuhr er angeblich später, dass das rund fünfzig Millionen mehr waren, als Bouvier dafür bezahlt haben soll. Warum der Sammler nun bereit ist, auf 27,5 Millionen Dollar zu verzichten, ist nicht die einzige Frage, die sich nach der Ankündigung der Auktion von Christie’s in Händlerkreisen stellt. Das Gemälde wird mit einer „Third-Party-Guarantee“ angeboten: Christie’s hat also auf jeden Fall einen Käufer dafür, der es zu einem vorher vereinbarten, nicht veröffentlichten Preis erwerben wird. Ob dieser Garantiegeber Bouvier heißt und ob es sich dabei um eine Vereinbarung mit Rybolovlev handelt, um im Rechtsstreit um dessen Kunstkäufe einen Vergleich einzuleiten, bleibt zunächst reine Spekulation. Der diskretere Weg wäre ein private sale gewesen, hinter verschlossenen Türen. Christie’s wurde nun aber mit einer öffentlichen Versteigerung beauftragt – und macht damit zugleich öffentlich, dass überhaupt ein erneuter Verkauf stattfindet.

Quelle: F.A.Z.
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