Londoner Auktionen

Hohe Erwartungen

Von Anne Reimers/London
 - 10:00

Die erste Oktoberwoche, in der die Messen „Frieze“ und „Frieze Masters“ stattfinden, hat sich zum wichtigsten Termin im Jahr für die Londoner Zeitgenossen-Auktionen entwickelt. Das machte zuletzt auch die Entscheidung von Christie’s deutlich, einen der drei Londoner Termine für Gegenwartskunst, nämlich den im Sommer, zu streichen, um den Oktober auszubauen. Christie’s und Sotheby’s bemühen sich, mit immer mehr thematisch kuratierten Formaten angehende und etablierte Sammler für neue Sammelgebiete zu begeistern. Entsprechend ist auch das Programm der kommenden Woche ausstaffiert: Neben den üblichen Nachmittags- und Abendauktionen hat Sotheby’s eine „Bauhaus“-Veranstaltung zusammengestellt. Christie’s bietet zusätzlich kleinformatige Arbeiten unter dem Titel „Up Close“ an und „Masterpieces of Design and Photography“.

Am 5. Oktober macht Sotheby’s mit seiner Abendauktion den Anfang. 92 Lose internationaler und italienischer Kunst werden aufgerufen, mit einer oberen Gesamttaxe von 91,87 Millionen Pfund. Die gesamte Woche soll bis zu 107,9 Millionen Pfund erwirtschaften; im Oktober 2016 waren es 83,5 Millionen. Christie’s zieht alle Register, um den durch den gestrichenen entgangenen Umsatz zu kompensieren; 95 Werke für erwartete 172,44 Millionen Pfund – also mit deutlich höherem Durchschnittspreis pro Los als bei Sotheby’s – wurden für die Abendauktion inklusive italienischem Kontingent am 6. Oktober eingeliefert. Fünf Versteigerungen sollen Christie’s insgesamt 203,2 Millionen Pfund einbringen, mehr als das Doppelte der 91,09 Millionen Pfund im Oktober vor einem Jahr. Phillips peilt für seine Abendveranstaltung am 6. Oktober einen Umsatz von bis zu 24,35 Millionen Pfund für 36 Lose an. Im Oktober 2016 lag der Umsatz bei 17,8 Millionen für ein schlankeres Angebot; zusammen mit den 182 Losen der Tagauktion soll die Woche 21,9 bis 31,18 Millionen Pfund einbringen.

Wie sieht das Angebot also aus?

Bei Sotheby’s markiert eine marktfrisches Bild von Cy Twombly mit den typischen, in Bleistift gezogenen Schriftfragmenten und Spuren in Ölfarbe auf weißem Grund – ein „Untitled“, entstanden 1962 in Rom, versehen mit einer Erwartung von 5,5 bis 7,5 Millionen Pfund – die Spitze des Angebots. Nachdem ein Basquiat-Gemälde im Mai mit 110,5 Millionen Dollar zum teuersten, je bei einer Auktion verkauften amerikanischen Kunstwerk avancierte und weil gerade in London eine große Basquiat-Retrospektive im Barbican Centre eröffnete, darf ein Werk von ihm nicht fehlen: Der Weiß auf Schwarz gepinselte Kopf „Bronze“ auf einer mit Holzlatten eingefassten, blass-beigen Leinwand aus dem Jahr 1982 soll fünf bis sieben Millionen Pfund bringen. David Hockneys große Ausstellung in der Tate Britain, die im Mai zu Ende ging, war ein durchschlagender Publikumserfolg. Ein amerikanischer Leihgeber lies das dort gezeigte Werk „15 Canvas Study of the Grand Canyon“ (Taxe 3,8/5 Millionen Pfund) gleich in London, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Als Spitze der italienischen Sektion firmiert Alighiero Boetti mit einem seiner gewebten Bilder in riesigem Format: „Addizione“, gefertigt 1982 in Kabul, misst 242 mal 248,2 Zentimeter (1,7/2,5 Millionen).

An der Spitze des Abends bei Phillips reckt sich auf einer einen Meter hohen Leinwand eine graziöse „Tänzerin“ von Sigmar Polke, die mit 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund ausgezeichnet ist. Das Bild aus der begehrten Raster-Serie, entstanden im Jahr 1994 und dem Künstler direkt abgekauft vom jetzigen Einlieferer, kommt aus einer ungenannten deutschen Sammlung. Blutrote Messer auf schwarzem Grund, „Knives“ von Andy Warhol (2/3 Millionen), nehmen den zweiten Rang ein; sie wurden 2011 bei Phillips in New York schon einmal zum Hammerpreis von drei Millionen Dollar vermittelt. Werke von Ai Weiwei, Albert Oehlen, Adrian Ghenie und eine gut drei Meter breite Fotografie des nächtlich leuchtenden Sehnsuchtsorts „Los Angeles“ von Andreas Gursky (1,4/1,8 Millionen) runden das Angebot ab. Auch ein Gemälde auf collagierten Zeitungsseiten von Sarah Lucas, „Supersensible“ aus den neunziger Jahren (100 000/150 000), zählt zu den Highlights des Angebots.

Francis Bacon gehört längst zum Standardprogramm fast jeder Zeitgenossen-Auktion: Christie’s hat einen besonderen Leckerbissen aus der mehr als fünfzig Werke umfassenden Päpste-Serie im Programm: „In the region of“ sechzig Millionen Pfund werden für „Study of Red Pope 1962. 2nd Version“ erwartet. Es ist das einzige Gemälde, in dem die Figur des Papsts und Bacons Partner George Dyer sich ein Bildfeld teilen. Bacon vollendete das Gemälde wenige Monate vor seiner großen Schau im Grand Palais in Paris im Oktober 1971, die dann in die Kunsthalle Düsseldorf wanderte. Es befindet sich seit 1973 im Besitz derselben Familie und wurde seit 45 Jahren nicht mehr öffentlich gezeigt. Außerdem ist von Bacon im Angebot „Head with Raised Arm“ (7/10 Millionen), ein marktfrisches Porträt von Papst PiusXII. aus dem Jahr 1955.

Fans von Peter Doig kommen ebenso auf ihre Kosten bei Christie’s, allerdings werden vierzehn bis achtzehn Millionen Pfund verlangt: „Camp Forestia“, eine nächtliche, kanadische Waldlandschaft mit weißer Holzhütte, entstand für Doigs Ausstellung „Answered Prayers“ 1996 bei der Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin. Basquiats knalliger „Red Skull“ (12 Millionen) wechselte schon mehrfach den Besitzer und wurde aus einer amerikanischen Sammlung eingereicht. Der Shooting Star Adrian Ghenie hat sich mit seinen Interpretationen historisch bedeutsamer Momente eine feste Position im Angebot oberhalb der Millionengrenze erobert: „Turning PointI“ aus dem Jahr 2009, basierend auf einer aus Stanley Kubricks Film „Dr.Strangelove“ von 1964 herausgeschnittenen Szene, trägt ein Preisschild von zwei bis vier Millionen Pfund.

Hurvin Anderson bei allen Auktionshäusern im Programm

Zu den weiteren Highlights bei Christie’s gehören – neben einem Rothko aus der Kunstsammlung von Antoni Tàpies – größere Arbeiten von Frank Auerbach, Jenny Saville und Cecily Brown. Spitzenlos in der Italien-Sektion ist ein „Concetto spaziale. In Piazza San Marco di notte con Teresita“, entstanden1961 und Teil von Lucio Fontanas Venedig-Serie (um 8 Millionen). Es schwingt da ein romantischer Ton mit auf der schwarzen durchlöcherten Leinwand, in die glitzernde Steine aus Muranoglas eingesetzt sind.

Der Brite Hurvin Anderson ist der Mann der Stunde: 1965 als Kind jamaikanischer Eltern in Birmingham geboren, gehört er in diesem Jahr zu den vier für den Turner-Preis nominierten Künstlern (F.A.Z. vom 27. September). Alle Auktionshäuser haben ihn selbstverständlich im Programm – und die Preise gleich heraufgesetzt. Dabei ist das frühe „Mount Royal (Lac des Castors)“ bei Christie’s (400 000/600 000): Es markiert die glückliche Investition in einen noch unbekannten Künstler, als die Einlieferin 1998 das Gemälde bei der Abschluss-Schau der Kunststudenten des Londoner Royal College of Art kaufte.

Quelle: F.A.Z.
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