Londoner Ergebnisse

Der Papst wird abgedankt

Von Anne Reimers, London
 - 10:00

Bei den Londoner Auktionen mit Gegenwartskunst lief zwar nicht alles ganz wie geplant, aber jedenfalls besteht weiterhin starkes Käuferinteresse, wenn Qualität und Preis stimmen. Sotheby’s legte seinen bisher besten Oktober-Umsatz für einen Zeitgenossen-Abend in London im Oktober vor: Insgesamt 50,3 Millionen Pfund wurden mit 38 (von 43) Losen erzielt. Ein „Untitled“ Cy Twomblys, das Spitzenlos, wurde zur unteren Taxe bei 5,55 Millionen Pfund zugeschlagen. An zweiter Stelle steht David Hockney mit seiner rotleuchtenden Landschaft „15 Canvas Study of the Grand Canyon“. Ein Privatsammler am Telefon bot 5,2 Millionen Pfund (Taxe 3,8/5 Millionen): Das ist der zweithöchste Preis für Hockney in einer Auktion bisher; der Rekord liegt bei 9,4 Millionen Dollar.

Unverkauft blieb Basquiats schwarzer Kopf auf blassbeiger Leinwand, „Bronze“ (5/7 Millionen) – ein Verlust, denn Sotheby’s hatte die Garantie dafür selbst übernommen. Sammler bevorzugen deutlich kraftvollere Arbeiten Basquiats, wie „Remote Commander“, das knapp unter der Taxe für 2,5 Millionen Pfund in eine amerikanische Privatkollektion wandert. Fotografien von Wolfgang Tillmans sind nach seinen Ausstellungen in der Tate Modern und der Fondation Beyeler sehr gefragt: Sein abstraktes „Greifbar 26“ in Blau stieg auf 450 000 Pfund (150 000/ 200 000) durch ein Online-Gebot. Ein „Spin Painting“ von Damien Hirst blieb, unter der Taxe, für 350 000 Pfund an seinem externen Garantiegeber hängen. Für Josef Albers gab es einen neuen Rekord: Die blau-lila-rote „Homage to the Square: Temperate“ von 1957, prominent hinter dem Rostrum angebracht, stieg auf 1,9 Millionen Pfund (700 000/ 1 Million). Mit der italienischen Abteilung am selben Abend spielte Sotheby’s mit 31 (von 45) Losen 18,4 Millionen Pfund ein. Das Toplos, Alighiero Boettis monumentales Stickbild „Addizione“, stellte mit zwei Millionen Pfund einen weiteren Rekord auf.

Bei Christie's Toplos wird es still im Saal

Am folgenden Nachmittag setzte Phillips mit 34 (von 36) Losen 23,9 Millionen Pfund um. Am teuersten wurde Sigmar Polkes „Tänzerin“ von 1984, eingeliefert aus einer deutschen Sammlung; sie erzielte 2,8 Millionen Pfund (2,5/3,5 Millionen). Andy Warhols „Knives“ wurden für 2,2 Millionen vermittelt. Auf Platz drei und vier rangieren der Rumäne Adrian Ghenie und der Brite Hurvin Anderson, dem wegen seiner Turner-Preis-Nominierung ein neuer Rekord sicher war: Ghenies „The Collector 4“ von 2009 stieg auf 1,7 Millionen Pfund (1/1,5 Millionen). Für Andersons „Peter’s Series: Back“ von 2008 fiel erst bei 1,5 Millionen Pfund (600 000/ 900 000) der Hammer.

Christie’s bot ein deutlich höherkarätiges Zeitgenossen-Programm als Sotheby’s. Das Haus hatte mit Francis Bacons „Study of Red Pope 1962. 2nd Version, 1971“ das mit Abstand höchstdotierte Werk im Angebot. Man hatte so viel Vertrauen in dieses wichtige Bild, dass keine Garantie arrangiert worden war. Als das Los zum Aufruf kam, wurde es still im Saal. Der Auktionator Jussi Pylkkänen verlangte ein erstes Gebot von wenigstens 58 Millionen Pfund – jedoch vergeblich. Trotz dieses Schocks entspannte sich die Stimmung, wenigstens im Publikum, schnell, und zwei Lose später wurde Hurvin Andersons „Country Club: Chicken Wire“ zum Rekord von 2,2 Millionen Pfund an eine Dame im Saal vermittelt. Gleich danach ging Peter Doigs Waldlandschaft „Camp Forestia“ für 13,5 Millionen (14/18 Millionen) weg. Teurer wurde nur ein „Red Skull“ von Basquiat: Die Einlieferer, ein amerikanisches Sammlerpaar, werden den Erlös der „Kipp“-Foundation schenken, die in Amerika Schulen fördert. Sie beobachteten das Geschehen von der ersten Reihe aus. Mindestens drei Bieter zeigten Interesse, und der Hammer fiel bei 14,5 Millionen Pfund (Taxe um 12 Millionen).

Die Vermittlung der ihre Flügel weit ausbreitenden Stahlplastik „A Case for an Angel I“ von Antony Gormley war eines der Highlights des Abends: Der japanische Unternehmer Yusaku Maezawa, der Gormley ein paar Tage zuvor in seinem Atelier besucht hatte, übernahm das Werk, ohne Gegengebote, zum Rekordpreis von 4,5 Millionen (5/7 Millionen). Es wird in sein Museum wandern, wie er noch während der Auktion auf Instagram bekanntgab. Gormley hat gerade eine Solo-Schau im Long Museum in Schanghai. Maezawa ist auch für den jüngsten Basquiat-Weltrekord von 110,5 Millionen Dollar verantwortlich. Weitere Rekorde gab es unter anderen für Howard Hodgkin, Amy Sillman und Grayson Perry. Dagegen kommt der Wiederaufbau der „Marke“ Damien Hirst nicht so richtig auf die Beine: Christie’s versuchte es mit der Installation „Love Lost“, einem gynäkologischen Stuhl im für Hirst typischen Wassertank; sie blieb unverkauft (1,2/1,8 Millionen).

Nach der Auktion rang man nach einer Erklärung für den Rückgang des Bacon-Gemäldes: Francis Outred, bei Christie’s der Leiter der Zeitgenossen-Abteilung, sprach von drei oder vier Sammlern, die im Voraus ihre Absicht erklärt hatten, auf das Bild zu bieten. Hätte nur einer von ihnen den Startschuss gegeben, meint Outred, wäre ein Bietgefecht in Gang gekommen. Man habe hohe Erwartungen – sprich, eine wohl zu hohe Taxe – auf den Bacon gesetzt und sei voller Zuversicht, für das Werk in Kürze ein gutes Zuhause zu finden.

Dennoch hohe Verkaufsraten

Die Verkaufsrate nach Losen war mit 83 Prozent trotzdem stark, 54 von 65 Losen wurden vermittelt. Christie’s spielte mit 99,5 Millionen Pfund doppelt so viel ein wie Sotheby’s. Bei dem folgenden „Italian Sale“, der sich auf das 20. Jahrhundert konzentriert, wurden 25 von 31 Losen für 32,19 Millionen Pfund verkauft. Für in der Kunstgeschichte etablierte Namen, die bisher aber kaum auf dem Auktionsmarkt auftauchten, wie Franco Angeli und Mario Schifano, stiegen die Preise.

Wie sieht nun der Umsatz dieser Londoner Woche mit Gegenwartskunst im Vergleich aus? Phillips setzte mit seiner Tag- und Abendauktion 28,79 Millionen Pfund um. Sotheby’s spielte mit vier Auktionen 86,5 Millionen Pfund ein. Christie’s prescht an die Spitze mit dem Umsatz von 179,6 Millionen Pfund – fast das Doppelte der Oktober-Woche 2016. Dazu tragen – neben den üblichen drei Formaten Abendauktion, Tagauktion und Italienische Kunst – zwei zusätzliche Themen-Auktionen bei. Es war der Plan von Christie’s, den im Juni durch die gestrichene Auktion entgangenen Umsatz wettzumachen. Er könnte, trotz des gescheiterten Bacons, aufgegangen sein.

Quelle: F.A.Z.
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