Londoner Ergebnisse

Selbstbildnis mit Kater

Von Anne Reimers, London
 - 10:00

Die Londoner Abendauktionen mit Impressionismus und Moderne gelten als der erste große Markttest des Jahres. Sotheby’s wie Christie’s haben ihn erfolgreich bestanden – mit Hilfe weniger, dafür hochaktiver Sammler. Sie sitzen über die ganze Welt verteilt, doch der marktfrische Nachschub aus alten Sammlungen kommt meist aus Europa oder den Vereinigten Staaten. Frische machte auch das teuerste Los der Woche so attraktiv, Picassos leuchtende „Femme au béret et à la robe quadrillée (Marie-Thérèse Walter)“ aus dem Jahr 1937. Man erhoffte wenigstens 35 Millionen Pfund dafür; bei 44 Millionen fiel der Hammer. Im Saal schien sich Mark Poltimore, der Chairman von Sotheby’s in Russland, am Telefon für seinen Kunden durchgesetzt zu haben. Der „Guardian“ meldete jedoch am nächsten Tag, der Käufer sei Harry Smith, der Londoner Direktor der Kunstberatungsfirma Gurr Johns, der im Saal mitgeboten hatte und den Kauf der britischen Zeitung gegenüber bestätigte. Tatsächlich kaufte Smith an zwei Abenden dreizehn Picassos, für mehr als hundert Millionen Pfund (F.A.Z. vom 3. Februar). Dabei war auch das Spitzenlos von Christie’s, der blaue „Mousquetaire et nu assis“ von 1967, das er zur unteren Taxe von zwölf Millionen Pfund bekam. Über seine Kunden machte Smith keine Angaben. Christie’s hatte vierzehn Werke aus dem Nachlass des 1979 gestorbenen Hamburger Bankiers Wilhelm Reinold über drei Auktionen verteilt. Am Abend kam neben Kirchner, Munch, Heckel oder Nolde auch Kokoschkas „Katze“ von 1910 unter den Hammer – und ging für 620 000 Pfund (Taxe 350 000/450 000) an einen Telefonbieter. Ein Beckmann und ein Feininger von Reinold blieben liegen. Zum zweitteuersten Los bei Christie’s wurde erwartungsgemäß eine junge Sängerin „Dans les coulisses“ in der Pariser Oper von Edgar Degas: Sie ging bei acht Millionen Pfund (8/12 Millionen) wohl an ihren Garantiegeber, der kurz vor der Auktion noch eingesprungen war. Francis Picabias spielerische Komposition aus aufgeklebten Pinseln und Farbtopfdeckeln „Sans titre (pot de fleurs)“, war sehr umworben und stieg auf 2,5 Millionen Pfund (900 000/1,2 Millionen). Hannah Höchs „Selbstbildnis mit Katze Ninn“, laut Katalog aus deutschem Besitz und direkt bei der Künstlerin erworben, war mit 200 000 bis 300 000 Pfund bewertet. Bei nur einem einzigen Gebot wurde das Gemälde weit darunter bei 120 000 Pfund zugeschlagen; langfristig sicher eine gute Investition, angesichts der zunehmenden Wertschätzung der Künstlerin.

Am folgenden Abend bei Sotheby’s entfachten, neben Picasso, zwei kleine Raritäten von Dalí im Surrealismus-Angebot die intensivsten Bietgefechte. Bei beiden setzte sich derselbe asiatische Bieter am Telefon durch. Er bezahlte 2,25 Millionen Pfund (1,2/1,8 Millionen) für das vielsagende Werk „Gradiva“, mit einer Frau in zerfetztem Kleid, deren Eingeweide in Form einer roten Rose offenliegen. Dalís „Maison pour Érotomane“ übernahm er für drei Millionen Pfund (1,2/1,8 Millionen). Das futuristisches Gemälde von Umberto Boccioni, „Testa+Luce+Ambiente“ erzielte zuvor einen Rekord mit 7,9 Millionen Pfund (5,5/7,5 Millionen).

Gute Umsätze mit Impressionismus und Moderne

Christie’s setzte mit Impressionismus und Moderne samt Surrealismus 149,59 Millionen Pfund um. Impressionismus und Moderne allein spielten mit 51 (von 65) Losen 114,1 Pfund ein, innerhalb der Schätzung von 95,35 bis 139,80 Millionen Pfund. Bei Sotheby’s waren für Impressionismus und Moderne 91,23 bis 111,35 Millionen Pfund angepeilt: Der Picasso steuerte neun Millionen Pfund mehr als erwartet bei, zu einem Umsatz von 118,9 Millionen. Das täuscht etwas darüber hinweg, dass acht von 26 Losen unverkauft blieben. Zusammen mit dem Surrealismus spielte Sotheby’s am Abend 136 Millionen Pfund ein.

Die Abendauktionen mit Zeitgenossen legten noch bessere Ergebnisse vor. Christie’s, Sotheby’s und Phillips verkauften jeweils über 90 Prozent ihrer Lose. Christie’s setzte mit 60 von 65 angebotenen Werken 137,45 Millionen Pfund um: Das beste Ergebnis für eine Auktion mit Zeitgenossen in Europa jemals. Das Spitzenlos, Warhols „Six Self Portraits“ (16/20 Millionen), erreichte fast seine obere Taxe mit einem Hammerpreis von 19,9 Millionen, während Basquiats „Multiflavours“ nahe der unteren Taxe für 10,5 Millionen wegging. Francis Bacons „Three Studies for a Portrait“ (10/15 Millionen) blieb mit neun Millionen unter der Erwartung. Umworben war Peter Doigs Haus im Schneesturm, „Charley’s Space“ (6/8 Millionen), aus der Sammlung von Donald R. Sobey, der vor kaum zwölf Jahren 820 800 Pfund (mit Aufschlägen) gezahlt hatte. Es stieg auf 9,5 Millionen.

Sotheby’s zog mit einem Umsatz von 109,29 Millionen Pfund für 55 von 58 Losen nach. Zwanzig Lose waren mit einer Hausgarantie oder unwiderruflichem Gebot durch eine dritte Partei abgesichert, von diesen wurden elf erst kurz vor Auktionsbeginn bekanntgegeben. Peter Doigs „The Architect’s Home in the Ravine“ (14/18 Millionen), seit 2002 schon zum fünften Mal bei einer Auktion aufgerufen, ging für 13,2 Millionen wohl an den Garantor. Erst im Februar 2016 zahlte der Einlieferer 11,2 Millionen mit Aufschlägen. Aus einer deutschen Sammlung kam Gerhard Richters abstraktes Gemälde „Gelbgrün“ (7/10 Millionen), entstanden 1982 und auf der Documenta 7 ausgestellt. Es hatte keine Garantie nötig, ein Telefonbieter bewilligte 9,5 Millionen. Richters kleineres „1025 Farben“ (5/7 Millionen) aus dem Jahr 1974 ging für 6,4 Millionen an den Galeristen Brett Gorvy. Ein Bietgefecht entfachte Christopher Wools grau-schwarze Abstraktion der „Erasure“-Serie „Untitled“ (4,2/6,2 Millionen) aus der Sammlung des Verlegers Benedikt Taschen. Andrew Fabricant von der New Yorker Galerie Richard Gray setzte sich mit 9,1 Millionen Pfund durch.

Mit einem Paukenschlag beendete Phillips die Zeitgenossenwoche: Die Abendauktion erzielte 97,84 Millionen Pfund, fast das Siebenfache des Umsatzes vor einem Jahr in London und den höchsten Umsatz des Auktionshauses (der Hauptsitz in New York schreibt gewöhnlich die größeren Zahlen). 44 von 48 Losen im kombinierten Angebot von Moderne und Zeitgenossen wurden verkauft. Mark Bradfords mehr als zehn Meter breite, silbrig glänzende Collage „Helter Skelter I“ (6/8 Millionen) erzielte mit 7,5 Millionen einen Rekord. Picasso und Matisse waren die weiteren Stars des Abends. Picassos schlafende Muse Marie-Thérèse Walter, „La Dormeuse“, schoss unter Geboten von mehreren Händlern weit über seine Taxe von 12 bis 18 Millionen Pfund hinaus. Das marktfrische Bild, gemalt 1932, ist ein fehlendes Puzzlestück der neuen Tate-Modern-Ausstellung, die ganz der Arbeit Picassos aus ebendiesem Jahr gewidmet ist. Es ging für 37 Millionen an einen anonymen Privatsammler. Zuvor hatte schon Matisse’ frühe Bronzeskulptur „Nu allongé (Aurore)“ (5/7 Millionen), gegossen 1908, mit 13 Millionen Pfund triumphiert.

Quelle: F.A.Z.
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