Londoner Auktionen

Mit Beckmann und Kandinsky Kopf an Kopf ins Rennen

Von Anne Reimers/London
 - 09:53

Es sind die zeitgeschichtliche Bedeutung und die peinvolle Wucht, die das Gewicht der infernalischen Folterszene „Hölle der Vögel“ von Max Beckmann ausmachen. Das Gemälde ist das Starlos der Moderne-Auktion bei Christie’s am 27. Juni. Beckmann begann mit der Arbeit daran im Jahr 1937 im Exil in Amsterdam, wo er bis zu seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebte. Am Tag der Eröffnung der Ausstellung „Entartete Kunst“ und einen Tag nach Hitlers Hetzrede gegen die Avantgarde-Künstler war er mit seiner Frau gerade noch den Nazi-Schergen entkommen. Hunderte seiner Werke wurden konfisziert. „Hölle der Vögel“ ist eins der wenigen seiner Bilder, die sich eindeutig auf die nationalsozialistische Schreckensherrschaft beziehen.

Vor monströsen Gestalten im Hintergrund, den Arm zum Hitlergruß ausgestreckt, steigt eine vierbrüstige Figur aus einem pinkfarbenen Ei empor, die den Gruß erwidert. Mit langen Messern bewaffnete Vögel im knallbunten Federkleid stolzieren arrogant durch die Szene, während sich einer von ihnen daranmacht, einem in Ketten gelegten Mann den nackten Rücken aufzuschlitzen. Die alptraumhafte Szene kann als zeitlose Allegorie gelesen werden, doch der direkte Zeitbezug ist unübersehbar. Es war Käthe von Porada, Beckmanns Förderin und Sammlerin, Modejournalistin für die „Frankfurter Zeitung“ und Tochter eines jüdischen Bankiers, die das Bild kurz nach seiner Fertigstellung 1938 übernahm und in das Esszimmer ihrer Pariser Wohnung hängte.

Unter dem Motto „Actual Size“

Christie’s nennt für die „Hölle der Vögel“ eine Erwartung „in the region of“ dreißig Millionen Pfund. Der Auktionsrekord für ein Werk Beckmanns liegt beim Zuschlag von 20,5 Millionen Dollar (mit Aufgeld 22,55 Millionen Dollar), für sein „Selbstbildnis mit Horn“ im Mai 2001 bei Sotheby’s in New York. Der Käufer des großartigen Selbstporträts aus dem Jahr 1938 war der New Yorker Kunsthändler Richard Feigen, damals in der ersten Reihe des Auktionssaals. Er agierte für Ronald Lauder und dessen „Neue Galerie“ in New York, wo es sich heute befindet. Die „Hölle der Vögel“ wurde jetzt aus der Privatsammlung von Richard Feigen eingeliefert, wo das Bild sich seit 1983 befand. Feigen war sich der programmatischen Bedeutung des Werks und seiner Verantwortung als Sammler wohlbewusst; zu seiner Ausstellungsgeschichte zählen zuletzt der Louvre in Paris und das Metropolitan Museum in New York. Der nächste Besitzer wird diese Tradition hoffentlich weiterführen.

Den Auftakt der Londoner Versteigerungs-Suite macht aber Sotheby’s mit seiner Abendauktion am 21. Juni. Das übliche Format Impressionismus und Moderne wurde diesmal mit einer kuratierten Sektion kombiniert. Unter dem Motto „Actual Size“ kommen dort 35 Lose aus verschiedenen Epochen unter den Hammer, die nicht größer als eine Katalogseite sind, mit Taxen von 20 000 bis zu sechs Millionen Pfund. Der Auktionskatalog zeigt also die „tatsächliche Größe“; Cézanne und Picasso stellen die Spitzenlose. Daran schließt sich der klassische Teil an: dominiert von Wassily Kandinskys abstrakter Komposition „Bild mit weißen Linien“ aus dem Jahr 1913, für die mindestens 27 Millionen Pfund erwartet werden.

Das „Bild mit weißen Linien“ wurde von den Erben des Kölner Sammlers Wilhelm Hack eingereicht. Ihm folgt in dichtem Abstand Mirós „Femme et Oiseaux“ von 1940, das mehr als 23 Millionen Pfund einbringen soll: Für beide Gemälde ist mit unwiderruflichen Geboten der Verkauf garantiert. Für Kandinskys farbenfrohe Ansicht „Murnau – Landschaft mit grünem Haus“, seit den zwanziger Jahren nicht mehr verkauft, wünscht sich Sotheby’s fünfzehn bis 25 Millionen Pfund. Marktfrische bleibt eben das Zauberwort. Daneben leuchtet noch eine wunderbare Flusslandschaft von Théo van Rysselberghe (Taxe 7/10 Millionen Pfund).

Neue Strategien und Altbewährtes

Der aktuelle Auktionskalender sieht bei Christie’s anders aus als gewohnt: Während die Moderne-Auktionen bei Sotheby’s, wie üblich, eine Woche vor den Zeitgenossen stattfinden, richtet Christie’s unter dem Slogan „20th Century Week“ mehrere Moderne-Auktionen in der Folgewoche aus, wenn bei Sotheby’s und Phillips die Zeitgenossen versteigert werden: Guillaume Cerutti, der neue Vorstandschef von Christie’s, hat die Londoner Zeitgenossen-Auktionen der Sommersaison bis auf weiteres gestrichen; es bleiben der Februar- und der Oktober-Termin, zur Londoner Frieze-Messe (F.A.Z. vom 1. April). Stattdessen wird nun, neben der Abendauktion mit Moderne und Impressionismus, „Modern British and Irish Art“ mit einer eigenen Abendauktion am 26. Juni aufgewertet; allerdings treten nur zwei Lose mit einer Schätzung über einer Million Pfund an.

Während Christie’s seine Aktivitäten in Asien und Amerika ausweitet, und an europäischen Standorten kürzlich rund 250 Stellen gestrichen hat, wendet sich der Londoner Stammsitz offenbar stärker der heimischen Kunst zu – passend zur politischen Entwicklung hier. So wurde schon der 250. Geburtstag des global agierenden Hauses in französischem Besitz mit der Jubiläums-Auktion „Defining British Art“ zelebriert, und nicht mit einer Schau internationaler Kunst. Parallel zur Schließung der zweiten Londoner Dependance in South Kensington wurden Online-Auktionen mit niedrigerpreisigen Objekten ausgeweitet. Dementsprechend findet neben der üblichen Tagauktion eine Online-Auktion mit 97 Losen überwiegend französischer Moderne, mit Schätzungen zwischen tausend und 50 000 Pfund, statt. Der Abend bei Christie’s mit Impressionismus und Moderne bietet, neben dem herausragenden Beckmann, weitere Höhepunkte: Picassos charmante „Femme écrivant (Marie-Thérèse)“ (25/40 Millionen), Schieles „Einzelne Häuser (Häuser mit Bergen)“ (verso „MönchI (Fragment“) (20/30 Millionen) und Van Goghs Rückenansicht eines Schnitters bei der Getreideernte als „Le moissonneur (d’après Millet)“ (12,5/16,5 Millionen). Insgesamt werden an diesem Abend 136,7 bis 192,3 Millionen Pfund für 33 Lose erwartet; das Haus holt damit also zum großen Schlag aus: Im Juni 2016, wenige Tage vor dem Brexit-Referendum und unter dem Eindruck eines schrumpfenden Auktionsmarkts, hatte die Erwartung bei 38,27 bis 56,57 Millionen Pfund für 36 Lose gelegen. Der zusätzliche Abendtermin mit britischer und irischer Kunst soll 17,44 bis 26,53 Millionen Pfund einbringen. Für die gesamte Woche mit Kunst des 20. Jahrhunderts rechnet sich Christie’s 175 bis 250 Millionen Pfund aus.

Sotheby’s verspricht sich von seinen zwei Wochen im Zeichen der Moderne und der Zeitgenossen einen Gesamtumsatz von 205 bis 277 Millionen Pfund; Dazu gehört auch die der britischen Kunst gewidmete Tagauktion „London to St.Ives“. Der Abend mit Impressionismus und Moderne soll, zusammen mit „Actual Size“, 129,9 bis 170,5 Millionen Pfund umsetzen.

Quelle: F.A.Z.
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