Kunstmarkt um 1933

Mit dem Rols Roys nach Zürich zu Goguin und Delakroa

Von Stefan Koldehoff
 - 09:57

Hat sich die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 positiv oder negativ auf den deutschen und den europäischen Kunstmarkt ausgewirkt? Über diese Frage wird seit einigen Jahren auch deshalb kontrovers diskutiert, weil die Antwort einen entscheidenden Einfluss auf Verhandlungen über die Restitution von Kunstwerken haben kann. Der sogenannte „marktübliche Preis“ für ein Kunstwerk und die Frage, ob das entsprechende Geld auch beim Verkäufer ankam und ob dieser frei darüber verfügen konnte, sind entscheidende Kriterien für die Beurteilung von Verkaufsumständen.

Vor allem betroffene Museen und ihre Rechtsanwälte verweisen häufig darauf, dass die veränderte politische Situation in Deutschland sich nicht negativ auf die Kunstpreise ausgewirkt habe. Verschiedene Studien bestätigen diese Einschätzung. Sie beziehen sich aber in aller Regel auf die vierziger Jahre – und häufig auf den Pariser Kunstmarkt, der auch noch florierte, nachdem deutsche Truppen im Juni 1940 in die französische Hauptstadt einmarschiert waren und mit ihr auch große Teile des Landes besetzt hatten. Dass deutsche Museumsdirektoren – häufig auch im Auftrag und nicht selten auch in Begleitung privater Sammler – von 1940 an gern zu regelmäßigen Einkaufstouren nach Paris fuhren, trug dazu bei. Ein Brief des Malers Alexej Jawlensky, den die Autographenhandlung Kotte in Rosshaupten zurzeit für 4800 Euro anbietet, bestätigt nun, dass die Marktsituation zunächst nicht so äußerlich stabil war. Jawlensky befand sich im August 1933 zu einem Kuraufenthalt in Baden in der Schweiz. An seine Sammlerin Antonia („Tony“) Kirchhoff in Wiesbaden – „Liebe gnädige Frau“ – berichtete er von verschiedenen Ausflügen mit seinem Arzt: „Sehr reich, hat ein wunderbares Auto (Rols Roys) und hat mich ein paar Mal nach Zürich im Auto genommen. Er schofiert wunderbar und wir fuhren Zeit zu Zeit 100 und 110 Kil. schnell. In Zürich haben wir eine wunderbare Ausstellung gesehen (Franzosen): Renoir, Cezanne, Van Gogh, Goguin, Monet, Delakroa, Corot und andere. Wunderbar. Aber die Preise sind so billig geworden!“

Von Deutschland in die neutrale Schweiz

Die Ausstellung, die Jawlensky gesehen hatte, fand vom 14. Mai bis zum 8. August im Kunsthaus am Heimplatz statt; die Eindrücke, die er eine Woche später aufschrieb, waren also noch frisch. Der Titel „Französische Maler des XIX. Jahrhunderts“ deutete zunächst nicht darauf hin, dass es sich um eine Verkaufsausstellung handelte; auch im Katalog fanden sich keine Hinweise. Tatsächlich diente die Bilderschau dazu, Kunstwerke aus Deutschland in der neutralen Schweiz in Sicherheit zu bringen unter dem Vorwand, es handle sich nur um temporäre Leihgaben. Von den 103 gezeigten Werken hatte, wie die Kunsthistorikerin Christina Feilchenfeldt in dem Band „Echoes of Exile“ belegt, allein 37 der Kunsthändler Walter Feilchenfeldt aus Berlin nach Zürich geschickt. Siebzehn dieser Bilder gehörten der Berliner Galerie Paul Cassirer, die Feilchenfeldt seit dem Suizid Cassirers im Jahr 1926 gemeinsam mit Grete Ring leitete; die anderen zwanzig brachte er für Kunden ins Exil. Zu den weiteren Leihgebern der Ausstellung zählten unter anderen Max Liebermann, Estella Katzenellenbogen und Bruno Cassirer. Entsprechende Initiativen gab es unter anderem auch in den Museen von Basel und Winterthur.

Welche Preise bei der Züricher Ausstellung im Sommer 1933 erzielt wurden, ist nur in wenigen Fällen öffentlich geworden. Jawlenskys Eindruck, die Preise seien „so billig geworden“, scheint aber plausibel: Denn natürlich kündigten Ausstellungen wie diese auch deutlich an, dass es aus Deutschland in der Folgezeit ein großes Angebot qualitativ hochwertiger Kunstwerke geben würde – und dass es sich viele Besitzer womöglich nicht würden leisten können, die Preise nach oben zu schrauben.

Schon bald stabilisierte sich der Markt aber, nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland selbst, wo der „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ (SD) berichtete: „Ferner ist zu beobachten, dass infolge der sich bietenden guten Verdienst- und Absatzmöglichkeiten neben dem Kunsthandel nunmehr auch andere Unternehmen oder Personen sich mit dem Vertrieb von Bildern befassen. So meldet u.a. München, dass in Kempten (Allgäu) 3 Schreibwarengeschäfte, 2 Porzellangeschäfte und 1 Maßschneiderei neuerdings den Verkauf von Bildern aufgenommen hätten. Ebenso befasse sich ein früherer Vertreter einer Treibstoff-Firma jetzt mit dem An- und Verkauf von Bildern.“ Im September 1941 forderte der SD die deutschen Medien deshalb dringend auf, „von Auktionen, die außerordentlich hohe Ergebnisse haben, dem dt. Volk keine Kenntnisse“ zu geben: Der „Staat wird, wie bei dem Kampf gegen die überhöhten Aktien, dafür sorgen, daß derartige inflationistische Erscheinungen, wie sie auf Auktionen zutagetreten, in Zukunft unterbleiben“.

Quelle: F.A.Z.
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