New Yorker Auktionen

Einsame Pflüger, Melonengesichter

Von Sarah Pines, New York
 - 10:00
zur Bildergalerie

Die prestigereichen November-Auktionen in New York beginnen bei Christie’s und Sotheby’s traditionell mit Impressionismus und Moderne. Einmal mehr gehören zu den Angeboten beider Häuser prominent Werke von Pablo Picasso, Claude Monet, Marc Chagall oder René Magritte.

Bei Sotheby’s kommen in der Abendveranstaltung am 14. November 67 Lose zum Aufruf. Mit der höchsten Erwartung versehen ist eine „Buste de femme au chapeau“, die Picasso am 27. Mai 1939 gemalt hat; die Schätzung dafür liegt bei achtzehn bis 25 Millionen Dollar. Picasso hat auf dem Bild die Gesichter seiner beiden Geliebten Dora Maar und Marie-Thérèse Walter übereinandergeschichtet, sie fließen vor dem Blick des Malers und Betrachters beinahe ineinander – wie sie im Leben einander abgelöst haben. Das Porträt hat die Anmutung einer angeschnittenen Wassermelone. Ebenfalls je achtzehn bis 25 Millionen Dollar sollen zwei Werke von Monet einspielen: „Les glaçons, Bennecourt“ von 1893 mit treibenden Eisschollen und die zwanzig Jahre später entstandenen, durchsonnten „Les arceaux de roses, Giverny“.

Auf Chagall ruhen große Hoffnungen

Einen weiteren Höhepunkt stellen Chagalls „Les Amoureux“ von 1928 dar. Wichtige Werke von Chagall aus den zwanziger und dreißiger Jahren sind selten auf dem Markt. Seine „Liebenden“ zeigen ein Paar in schwebender Umarmung, den Maler selbst und seine Frau Bella Rosenfeld. Die französischen Farben leuchten wie rotplüschige Opernsessel oder bunte Macarons, sie stehen für die Freude, die Chagall in Paris empfand, bevor er 1941 aus Europa in die Vereinigten Staaten ausreiste. Das Bild erwarb direkt nach einer Entstehung die Pariser Galerie Bernheim Jeune; sie verkaufte es an Privat, bis heute ist es im Besitz derselben Familie. Die Taxe von zwölf bis achtzehn Millionen Dollar hofft auf einen neuen Rekordpreis für den Künstler, 1990 erzielte Sotheby’s für Chagalls „Anniversaire“ durch japanisches Gebot 14,9 Millionen Dollar. Hochdotiert sind auch ein typischer Magritte, „Le banquet“ von 1955/57 (Taxe 12/18 Millionen Dollar), und eine ebenso klassische „Nature morte“ von Paul Cézanne, um 1890 entstanden (7/10 Millionen). Ergänzt wird das Angebot unter anderem von einem schönen, konzentriert stillen Gemälde Vilhelm Hammershøis, einem Interieur mit einer Frau in Rückenansicht am Piano, in der Strandgade30 in Kopenhagen (2,5/3,5 Millionen).

Auch unter den 68 Losen, die Christie’s am Abend zuvor, dem 13. November, präsentiert, firmiert ein enorm dekorativer Magritte: „L’empire des lumières“ von 1949 ist das erste Bild aus der Serie gleichen Titels, an der er insgesamt fünfzehn Jahre lang arbeitete. Nelson A.Rockefeller kaufte es im Jahr 1950, nun soll es vierzehn bis achtzehn Millionen Dollar bringen. Sein Sujet sind die berühmte dunkle Straße mit der erleuchteten Laterne und gepflegten Häuserfassaden, durch deren geschlossene Fensterläden Licht schimmert, darüber aber ein strahlend blauer Himmel mit weißen Wölkchen. Das Spitzenwerk des Abends ist freilich Fernand Légers gut neunzig mal siebzig Zentimeter großer „Contraste de formes“ von 1913. Das Ölbild auf Leinen befand sich seit 1956 im Besitz der Familie des New Yorker Kunstsammlers Hans Arnhold. Nun wird es erstmals überhaupt versteigert. Die Preisvorstellung, auf Anfrage, lautet 65 Millionen Dollar; das würde einen neuen Auktionsrekord für Léger bedeuten. Stilistisch bewegt sich das signifikante Bild auf der Grenze zwischen Kubismus und Abstraktion.

Ein charmanter Matisse kommt mit „Les régates de Nice“ von 1921 zum Aufruf, wo durch die geöffnete Terrassentür Segelboote zu sehen sind, die übers Wasser gleiten (12/18 Millionen). Monet ist bei Christie’s mit einer schönfarbigen „Matinée sur la Seine“ aus dem Jahr 1897 vertreten (15/25 Millionen), und Picasso lässt auf dem kleinen Querformat „Le repos“ seine Freundin Marie-Thérèse Walter einmal mehr schlummern (10/15 Millionen).

Wichtige Lose kommen aus der Sammlung des texanischen Ehepaars Nancy Lee und Perry R. Bass, in dessen Haus in Fort Worth eine der größten Privatsammlungen der Vereinigten Staaten mit Impressionismus, Moderne und Nachkriegskunst beheimatet war. Das Hauptwerk aus der Brass-Kollektion ist der „Laboureur dans un champ“ von Vincent van Gogh. Es ist eine Landschaft im frühen Morgenlicht der aufgehenden Sonne mit einem einsamen Pflüger, wie sie Van Gogh im September 1889 aus dem Zimmer der Nervenanstalt Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy-de-Provence aus seinem Fenster heraus sehen konnte. Das bedeutende Gemälde, das seit 35 Jahren nicht mehr auf dem Markt war, trägt jetzt, auf Anfrage, eine Erwartung „in the region of“ fünfzig Millionen Dollar. Ebenfalls aus Brass-Besitz kommt eine gut 130 mal 160 Zentimeter messende „Peinture“ von Joan Miró, vom Künstler auf den 4. April 1933 datiert. Die schwungvoll witzige Komposition trägt eine Schätzung von achtzehn bis 25 Millionen Dollar.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenClaude MonetPablo PicassoNew YorkUSASotheby's HoldingsDollar