Art Basel Hong Kong

Nur das Beste aus Ost und West

Von Felicitas Rhan/Hongkong
 - 09:45

Nachts verschluckt der Nebel die Hochhäuser von Hongkong, doch ihre Lichter leuchten hindurch. In den Straßenschluchten fahren die doppelstöckigen Trams, die von den Bewohnern liebevoll „Ding Dings“ genannt werden. Zwei dieser Straßenbahnen hat der chinesische Künstler Kingsley Ng zur fahrenden Camera Obscura umgebaut: Im abgedunkelten Innern zeichnet sich die Silhouette der Millionenstadt ab – auf dem Kopf stehend.

Ngs Arbeit trägt den Titel „Twenty-Five Minutes Older“ und gehört zum Rahmenprogramm der Art Basel Hong Kong, für die die Besucher ins Convention and Exhibition Center am Victoria Harbour strömen. Pünktlich zum fünften Geburtstag waren die Tickets schon vorher fast ausverkauft; 2016 zählte die Messe 70 000 Gäste, das will man wiederholen: „Das wird ein Meilenstein-Jahr!“, sagt Marc Spiegler voraus, der Direktor der Art Basel (in Basel, Miami Beach und Hongkong). Diesmal versammeln sich 242 Galerien, darunter 29 Neuzugänge, aus 34 Ländern in den Messehallen 1 und 3, auf zwei Etagen. „Etwa die Hälfte der Aussteller kommt aus Asien, stark vertreten durch China, Hongkong, Japan, Singapur, Südkorea und Taiwan“, erklärt Adeline Ooi, seit 2014 Direktorin der Art Basel in Asien.

„Money creates taste“

In den Augen vieler Galeristen ist die Messe mittlerweile zur ebenbürtigen Schwester von Miami geworden. Immer mehr Kunsthändler wittern in Asien und besonders im chinesischen Markt das große Geld. Zahlreiche Galerien verkündeten schon an den ersten beiden, den VIP vorbehaltenen Messetagen Verkäufe nach Asien, häufig in chinesische Privatsammlungen. Begrüßt wird man auf der Messe von der Großfamilie des chinesischen Künstlers Gonkar Gyatso, dargestellt in Familienfotos auf lebensgroßen Pappaufstellern, bei der Galerie Pearl Lam, Hongkong. Die Arbeit ist Teil der Sektion „Encounters“, die Großinstallationen vereint. Anders als die Sektionen „Art Unlimited“ in Basel oder „Parcours“ in Miami sind die siebzehn Encounters-Projekte in die Messehallen integriert, plaziert in den breiten Gängen zwischen den Kojen, was bei den Besuchern für Verschnaufpausen mit Selfie-Garantie sorgt. Besonders beliebt als Fotomotiv, wenngleich makaber, ist die Installation von Shen Shaomin, bei Osage Gallery, Hongkong: Völlig realistisch und lebensgroß hat er die kommunistischen Staatsoberhäupter Lenin, Mao Zedong, Kim Il Sung und Ho Chi Minh in gläsernen Särgen nachgebildet, und Fidel Castro liegt auf einem Krankenbett. Als der chinesische Künstler, Jahrgang 1956, seine Arbeit 2009 fertigstellte, war der kubanische Revolutionsführer noch am Leben.

Am Stand der Galerie Sprüth Magers stehen drei Marmorhocker von Jenny Holzer (je 150000 Dollar); „Money creates taste“ ist auf die Sitzfläche von einem gefräst. Getreu diesem Motto schiebt sich das Publikum durch die Gänge. Contemporary Fine Art aus Berlin konnte bereits am ersten Tag neben dem aktuellen, farbenprächtigen Gemälde „Bain de Soleil“ von Dana Schutz (200 000 Dollar) eine der zarten Papierarbeiten von Ni Youyu (38 000 Dollar) verkaufen. Wunderbar filigrane Bilder mit Mischwesen aus Tusche und Tinte erschafft die indische Malerin Nalini Malani, bei der Vadehra Art Gallery aus Delhi (3500 bis 11 500 Dollar). Am Stand von Natalie Obadia aus Paris begeistern die kunstvollen Skulpturen von Rina Banerjee die Betrachter: Aus Muscheln, Netzen, Federn, Hörnern und anderen Fundstücken kreiert die in Kalcutta geborene Künstlerin fremdartige Wesen und Gebilde (Preise von 45 000 bis 60 000 Dollar). Sie wird im Mai auf der Venedig-Biennale ausstellen.

Johann König aus Berlin ist in diesem Jahr zum ersten Mal auf der Art Basel Hong Kong; er kann sich nur freuen: „Es läuft sehr gut, wir sind zufrieden“, erklärt er. Zwei 2016 entstandene Fresken auf Stahl der Französin Camille Henrot konnte König gleich an den ersten beiden Messetagen verkaufen (je 90 000 Euro), außerdem Jorinde Voigts großformatiges goldenes Triptychon „Cavallini-Algorithmus“ von 2015 (155 000 Euro). Auch bei den anderen deutschen Teilnehmern läuft es rund: Eigen+Art aus Leipzig/Berlin präsentiert neben Neo Rauchs großem Gemälde „Das Messen“ von 2014 (verkauft für 440 000 Euro), kleine monochrom-weiße Arbeiten von Carsten Nicolai, die mit feinen Laserlinien durchschnitten sind (21 000 bis 24 000 Euro). „Wir kommen gern hierher, nun bereits zum siebten Mal. Mittlerweile kennen die asiatischen Sammler unser Programm“, erklärt Anna Schwanz, Direktorin der Galerie.

Comeback für Murakami

Auch Gisela Capitain aus Köln ist zum wiederholten Mal mit von der Partie. Vor zwei Jahren, erzählt die Galeristin aus Köln, habe sie hier ihren Künstler Samson Young kennengelernt. „Jetzt ist er allerdings zu beschäftigt mit den Vorbereitungen für die Biennale in Venedig“, daher habe sie keine Arbeiten von ihm dabei. Dafür überzeugt die wunderbare „Untitled“-Katzenzeichnung von Gillian Carnegie aus dem Jahr 2013 (12 000 Dollar), dasselbe Motiv gibt es in Öl von 2011 (60 000 Dollar). Am Stand von Hauser & Wirth aus Zürich hängt das 1930 entstandene, hinreißende Porträt „Ida“ von Francis Picabia, das sich in der Sammlung von Gertrude Stein befand (950 000 Dollar). Picabia ist mit zahlreichen Werken auf der Messe vertreten; das gesteigerte Interesse könnte auch an der gerade beendeten Retrospektive im MoMa in New York liegen.

Die schweizerische Galerie Gmurzynska hat Christo ein „Kabinett“ eingerichtet – es handelt sich dabei um die aus Miami Beach übernommene Sektion „Cabinet“ mit kleinen Einzelschauen innerhalb der Kojen: Zwei frühe Werke, „Package“ von 1963 (4 Millionen Dollar) und „Red Package“ von 1968 (3 Millionen Dollar) werden angeboten. Auch bei der gerade neu eröffneten Galerie Lévy Gorvy – von Dominique Lévy gemeinsam mit dem ehemaligen Christie’s-Präsidenten und Asien-Spezialisten Brett Gorvy (F.A.Z. vom 10. Dezember 2016) – geht es hochpreisig zu: Takashi Murakami feiert mit einem aktuellen, drei mal 4,5 Meter messenden Wimmelbild in Acryl für 1,8 Millionen Dollar sein Comeback: Gegenüber hängt in ähnlichen Dimensionen Roy Lichtensteins „Cosmology“ von 1978, für achtzehn Millionen Dollar.

Meditative Schneebilder vom Regisseur Abbas Kiarostami

Gagosian trumpft mit Alexander Calders riesigem schwarz-roten Mobile „Rouge Triomphant“ von 1959/63 auf, für dreißig Millionen Dollar. David Zwirner, New York, hat bereits zwei der drei eigens für die Messe angefertigten Werke vom Belgier Luc Tuymans verkauft (für je 1,5 Millionen Dollar). Und Pace aus London hat ein ansehnliches blaues Teller-Bild von Julian Schnabel aus dem Jahr 2014 für 1,5 Millionen Dollar im Angebot. Sowohl Zwirner als auch Pace wollen Anfang 2018 neue Galerieräume im Hongkonger Wolkenkratzer „H Queen’s“ beziehen, der sich aktuell noch im Bau befindet.

Vermehrt tauchen die einprägsamen Arbeiten des Südkoreaners Do Ho Suh auf der Messe auf; die Galerie STPI aus Singapur hat einige davon in asiatische Privatsammlungen verkauft (20 000 bis 35 000 Dollar). Beliebt sind auch Yoshitomo Naras großäugige Mädchen mit Pagenfrisur; Pace Print, New York, hatte bereits wenige Stunden nach Eröffnung mehrere Exemplare abgegeben (55 000 und 65 000 Dollar).

Fast gänzlich abwesend ist die Fotografie: Unter den wenigen Arbeiten fällt Bernd Oppls Dreier-Set „Helix (a,b,c)“ von 2016 bei Krinzinger, Wien, auf (7000 Euro). Das Kabinett von Rossi & Rossi, London/Hongkong, zeigt die 2002 entstandene, meditative Schnee-Serie des 2016 gestorbenen Regisseurs Abbas Kiarostami aus Teheran (je 12 000 Euro). Die Galerie Kukuje aus Seoul, die sich einen Stand mit Tina Kim aus New York teilt, hat ihre Box ganz den Abstraktionen der koreanischen Dansaekhawa-Bewegung, also der monochromen Malerei, gewidmet; dass diese längst kein Geheimtipp mehr ist, zeigen ihre Verkäufe: Arbeiten von Kwon Young-Woo gehen für 45 000 bis 50 000 Dollar weg, die von Lee Ufan für 270 000 bis 320 000 Dollar. Und bei Urs Meile, Luzern/Peking, überzeugt ein Affenbild des für seine feinen Tuschmalereien von Tieren berühmten Shao Fan. In China gelten die Tiere als Glücksbringer, bei Meile hat der Zauber schon gewirkt: Er hat seinen Affen für 170 000 Dollar verkauft.

Art Basel Hong Kong, Convention and Exhibition Center Hongkong, noch bis zum heutigen Sonntag.

Geöffnet von 11 bis 18 Uhr, Eintritt 47 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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