Kunstmarkt
Jahresbilanz Ketterer

Pure Freude für die Marchioness

Von Brita Sachs
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Auf Kunst des deutschen Expressionismus ist weiterhin Verlass, wie die Ergebnisse von Ketterers Herbstauktion mit Klassischer Moderne belegen. Besonders imponierten die Steigerungsraten ausgerechnet der kleinsten Werke: Drei Postkarten waren das, von Brücke-Künstlern gemalt und jede auf 15 000 bis 20 000 Euro geschätzt – eine Rechnung ohne die Bieter: eine „Liegende Frau im Bett“ von Heckel kletterte auf 38 000, Kirchners „Rudernder Akt“ auf 40 000 und Pechsteins „Tänzerin“ gar auf 50 000 Euro. Von Pechstein stammten zwei weitere Glückslose: „Rote Häuser“, gemalt 1922, übertrafen mit 350 000 Euro die Obertaxe um 50 000 und ein später kühlfarbener „Wintermorgen“ von 1952 stellte, dank einer Dame im Saal, mit 430 000 Euro den bei 90 000 Euro vermuteten Wert in die Ecke.

Geradezu bescheiden wirken da die Hammerpreise von 155 000 Euro (Taxe 150 000/260 000) für Kandinskys frühes Strandbild bei Tunis und von 140 000 (140 000/180 000) für Gabriele Münters im Mai 1924 geschilderte Murnauer Hauptstraße mit bayerischer Beflaggung. Mackes 1910 gemalte „Kinder am Brunnen II“ aber blieben schon beim Aufruf von 240 000 Euro (300 000/400 000) auf der Strecke. Einmal mehr ungeschlagen war Nolde: 1935 vereinte er eine Clematisranke und eine ägyptische Bronze aus seinem Besitz auf einem Gemälde, das Robert Ketterer für 580 000 Euro (500 000/700 000) einem norddeutschen Sammler zuschlug; mit Aufgeld beläuft sich der Preis auf 725 000 Euro.

Schwächer ging es bei den Zeitgenossen zu

Vom frühen Picasso beeindruckt wirkt ein schmaler „Junger Mann mit blauer Kappe“: Um 1923 malte ihn der Pole Eugeniusz Zaks in Paris, jetzt verdoppelte er mit 125 000 Euro die untere Schätzung. Bei den Plastiken landete Kolbes 1919/1920 modellierte „Auferstehung“ vorn; die Mädchenfigur stieg, obgleich ein postumer Guss, auf 124 000 Euro (40 000/60 000).

Die Kunst nach 1945 fuhr den ersten Erfolg ein mit Baumeisters abstraktem „Phantom mit Rot“ von 1953, als ein Sammler in der Schweiz 290 000 Euro (250 000) bewilligte. Als Knüller erwies sich Helen Frankenthalers „Marchioness“ von 1978: Seit dem Ankauf 1980 privat gehängt, entfachte das marktfrische Breitformat ein internationales Bietgefecht, das mit dem Hammerschlag bei 500 000 Euro (250 000/350 000) – zum bislang höchsten Auktionsergebnis der Künstlerin in Europa – an ein Privatgebot aus Luxemburg fiel. Zwei farbsprühende Arbeiten von Sam Francis sorgten gleichfalls für Turbulenzen, „Over orange (SF58-058)“ ging für 380 000 Euro nach Israel, „White line (SF59-283)“ bekam für 360 000 Euro ein Bieter hierzulande (je 150 000/200 000). Die Zero-Mannschaft führte diesmal Mack an, die in Schwarz auf Orange prangende „Dynamische Struktur“ spielte 200 000 Euro (200 000/300 000) ein und Ueckers steinbewehrte „Handlung“ von 1988 stieg auf 175 000 Euro (100 000/150 000). Als übertrieben erwies sich die Taxe von 300 000 bis 400 000 Euro für eine „Superficie bianca“ von Castellani; der Zuschlag erging bei 270 000 Euro.

Ein violettes Kissen Gotthard Graubners hingegen reüssierte mit 155 000 Euro (80 000/120 000).
Schwächer standen Angebot und Nachfrage bei den Zeitgenossen da, Imi Knoebels „Kreuz und quer“ in Acryl auf Aluminium von 2007 erhob sich mit 102 000 Euro (60 000/80 000) weit über den Rest. Viel Zuspruch fand die kleine feine Sammlung eines Münchner Architekten. Wie erwartet, besetzte Joseph Albers’ „Study for Hommage to the Square“ in Gelb und Silbergrau hier die Spitze, für 310 000 Euro (180 000/240 000) zieht sie an Amerikas Ostküste. Auf Platz zwei landete eine übermalte Fotografie Gerhard Richters von 1992 mit 120 000 Euro zur dreifachen Untertaxe, gefolgt von Knoebels „Purer Freude 84“ von 2003 mit 100 000 Euro (60 000/80 000).

Begonnen hatte Ketterers Herbstsaison mit Kunst des 19. Jahrhunderts und einem schönen Erfolg für Franz von Stuck. Sein „Ödipus löst das Rätsel der Sphinx“ von 1891, das lang als Leihgabe bei Karl Mays Witwe Klara in der Radebeuler Villa Shatterhand hing, stieg dank hartnäckigen Einsatzes einer Sammlerin aus Bayern auf 330 000 Euro (180 000/240 000).

Quelle: F.A.Z.
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