Rockefeller-Auktionen

Mythos und Marketing

Von Anne Reimers
 - 10:00

Der Reichtum und Einfluss der Rockefellers ist mythisch verankert im Bewusstsein Amerikas. Und diesen Mythos verkaufte Christie’s in der vergangenen Woche erfolgreich in New York. Unter dem Motto „Live like Rockefeller“ wurde in einer sechsmonatigen Kampagne die Kunstsammlung von Peggy und David Rockefeller, Enkel des Ölmagnaten John D.Rockefeller, angepriesen. Dazu kamen die über verschiedene Wohnsitze verteilten Möbel, Kunsthandwerk, Porzellan und weiterer Hausrat, von Lampenschirmen bis zu Manschettenknöpfen. Die Leute kamen in Scharen: 80.000 Besucher sollen sich Highlights der Sammlung in Hongkong, London, Paris, Los Angeles, Peking, Schanghai und zuletzt bei Christie’s im New Yorker Rockefeller Center angesehen haben.

„Mehr als 500 Millionen Dollar“ waren zuvor als Gesamtschätzung angegeben worden. Manche Kommentatoren verstiegen sich zu Voraussagen von bis zu einer Milliarde. Am Ende der Woche waren spektakuläre 833 Millionen Dollar für sämtliche der 550 Kunstwerke und tausend weitere Objekte eingespielt: So etwas heißt „White Glove Sale“. Der bis dahin höchste Umsatz mit einer Privatsammlung waren die 443 Millionen Dollar, die Christie’s 2009 mit der Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé in Paris erzielte. 900 der Lose kamen in Saal-Auktionen unter den Hammer, sie spielten 828 Millionen Dollar ein; der Rest kam online hinzu. Gleich am ersten Abend brachten die 44 wertvollsten Werke europäischer Malerei und Skulptur des 19. und 20. Jahrhunderts 646 Millionen Dollar ein.

Das Spitzenlos war Picassos junge nackte „Fillette à la corbeille fleurie“ von 1905, ehemals in der Sammlung von Gertrude Stein. Geschätzt auf hundert Millionen Dollar, entfachte es allerdings nicht das erhoffte Bietgefecht: am Ende wohl wegen des problematischen Sujets und weil ihm doch der starke Erkennungswert der Rosa Periode fehlt. Das Porträt ging für 102 Millionen, mit Aufgeld sind das 115 Millionen Dollar, an den Garantiegeber. Die „New York Times“ berichtet, Käufer sei die Händlerfamilie Nahmad, die allerdings nur kommentierte, dass das Werk als Leihgabe an das Musée d’Orsay in Paris im Herbst in der Ausstellung „Picasso: Blue and Rose“ zu sehen sein werde.

Zauberformel aus drei Komponenten

Für Monets 160 mal 180 Zentimeter große „Nymphéas en fleur“, ein attraktives, aber nicht eines der besten Seerosen-Bilder, wurden fünfzig bis siebzig Millionen erwartet; ein Sammler bot die Rekordsumme von 75 Millionen Dollar dafür. Matisses laszive „Odalisque couchée aux magnolias“, gemalt 1923 in Nizza, soll David Rockefellers liebstes Werk gewesen sein: Sie stellte mit 71,5 Millionen Dollar (Taxe 70/90 Millionen) einen neuen Matisse-Rekord auf. Der Monet wie der Matisse wurden am Telefon der in Asien stationierten Expertin Xin Li vermittelt.

Manets kleines Blumenstillleben „Lilas et Roses“ von 1882 stieg auf 11,25 Millionen (7/10 Millionen) und Gauguins kraftvolle „Fleurs dans un vase“ sogar auf siebzehn Millionen Dollar (5/7Millionen). Allerdings gingen ein paar Werke deutlich unter Taxe und dem Preis weg, den David Rockefeller einst bezahlte. So erwähnt der Nachrichtendienst Bloomberg, dass Rockefeller bei einer Christie’s-Auktion 2006 inklusive Aufgeld 856.000 Dollar (800.000/1,2 Millionen) für Pierre Bonnards Straßenszene „Boulevard des Batignolles“ gezahlt habe; nun kam ein Bieter mit dem Bruttoeinsatz von 250.000 Dollar davon.

Am zweiten Abend stieg ein Porträt George Washingtons, von Gilbert Stuart gemalt 1795, überraschend auf zehn Millionen Dollar, gegenüber der Schätzung von 1,2 Millionen. Zwei amerikanische Landschaften, „Near Abiquiu, New Mexico“ (3/5 Millionen) von Georgia O’Keeffe und „Cape Ann Granite“ (6/8 Millionen) von Edward Hopper, wurden für je 7,2 Millionen Dollar zugeschlagen. Diego Riveras „The Rivals“, eine folkloristische Szene, stellte mit 8,4 Millionen Dollar (5/7 Millionen) den Rekord für ein lateinamerikanisches Kunstwerk auf. Spitzenlos beim Porzellan wurde ein „Marly Rouge“-Dessert-Service aus Sèvres, für Napoleon I. entworfen. Es stellte mit 1,5 Millionen Dollar (150.000/250.000) einen Rekord für Porzellan des 19. Jahrhunderts auf.

Dass mancher Bieter mehr aus Faszination am Lebensstil denn aus Interesse an Kunst und Kunsthandwerk mitmischte, überrascht nicht. Im Freien speisen wie ein Rockefeller kann nun jedenfalls der Käufer des heißumkämpften Picknickkorbs: Die Taxe lag bei 10.000, der Hammer fiel bei 170.000 Dollar. Insgesamt zehn Prozent aller Lose wurden nach Asien vermittelt, 73 Prozent gingen an Käufer innerhalb Amerikas. Andere mögen wertvollere Sammlungen zusammengetragen haben, doch es ist unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit wieder eine so umfangreiche Kollektion mit solcher Strahlkraft unter den Hammer kommen wird – obendrein zu ausschließlich philanthropischen Zwecken. Qualität, gepaart mit Mythos und Marketing, erwiesen sich als die Zauberformel.

Quelle: F.A.Z.
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