Sammlungsausstellung

Sag niemals, genug ist genug!

Von Brita Sachs
 - 10:02

In der prächtigen Altstadt von Memmingen liest man Namensschilder wie „Hinter dem Salzstadel“, „Fuggerbau“, „Buchdruckergasse“ und steht staunend vor mächtigen Patrizierpalais und stattlichen Bürger- und Zunftbauten, sämtlich Zeugnisse eines bedeutenden Gewerbe- und Umschlagplatzes, zu dem Salz- und Fernhandel die oberschwäbische Stadt im Mittelalter gemacht hatten. An ein grausiges Kapitel der Stadthistorie mahnt der „Hexenturm“. Und Erinnerungen an Momente, in denen Memmingen Geschichte schrieb, halten Tafeln wie jene am Haus der Kramerzunft wach, wo 1525 die „zwölf Bauernartikel“ das Signal zum Bauernkrieg gaben.

Damals malte hier auch Bernhard Strigel seine zwischen Gotik und Renaissance angesiedelten Gemälde für den Kaiser und für die Kirchen seines Heimatorts. Aber an bedeutender Malerei war es das dann schon fast in Memmingen: Die Stadt kommt einem auch heute nicht unbedingt in den Sinn, wenn es um zeitgenössische Kunst geht. Angesichts der leistungsstarken mittelständischen Industrie Schwabens, die auch am Wirtschaftsstandort Memmingen prosperiert, wäre eigentlich Interesse an diesem Bereich der Kunst zu erwarten, und Axel Lapp, Leiter der Mewo Kunsthalle am Ort, arbeitet daran, die etwas kunstlahme Region auf den Geschmack zu bringen.

Strategisch operierende Vorkämpferin

Alles Zeug dazu hat die aktuelle Ausstellung der Halle. Über dem Eingangsportal steht noch immer „Postamt“, das Denkmalamt will es so. Im Innern des neben dem Bahnhof gelegenen Neorenaissancebaus von 1901 aber kommt an seiner jetzigen Nutzung kein Zweifel auf: „Never Enough“ steht dort in Riesenlettern – und wovon hier jemand nie genug bekommt, offenbaren die Kunstwerke drumherum. Monika Sprüth, die international aktive Galeristin von hohem Renommee und Bahnbrecherin einer langen Riege ebenso bedeutender Kunstschaffender, brachte Arbeiten von siebzehn Künstlern aus ihren privaten und den Beständen der Galerie als ermunternden Gruß in die Stadt, in der sie geboren wurde und ihre Kinderjahre verbrachte.

Als Monika Sprüth 1983 ihre Galerie in der Kunstmetropole Köln eröffnete, betrieb sie mit Nachdruck die Sache der Künstlerinnen, die – im damaligen Kunstbetrieb und auf dem Kunstmarkt noch deutlich stärker unterrepräsentiert als heute – in ihr eine strategisch operierende Vorkämpferin fanden. Die Idee, ihre Messestände auf dem Kölner Kunstmarkt in den achtziger Jahren mehrmals unter dem Titel „Eau de Cologne“ den Künstlerinnen vorzubehalten, sorgte für das kalkulierte Aufsehen.

Auch jetzt gehört den Frauen der Auftakt: Rosemarie Trockel mit einem frühen Strickbild „What – If Could – Be“ und einem starken Foto-„Cluster“ aus diesem Jahr teilt sich den Raum mit LED-Textbändern von Jenny Holzer und Marilyn-Monroe- Porträts von Barbara Kruger, mit den zwei in Werbeästhetik darauf projizierten Gefühlszuständen „Love“ und „Hate“. Viel Platz bekamen Cindy Shermans Selbstporträts in wechselnden Rollen, eine lange Folge der frühen schwarzweißen „Filmstills“ und farbige Großformate ihrer manchmal bizarren Rollenspiele. Monika Sprüth wählte für Memmingen vorrangig Künstler, mit denen die Galerie seit den Anfängen verbunden ist. Zum Beispiel Andreas Schulze, ihm galt 1983 die Eröffnungsschau, aus demselben Jahr stammt das große Gemälde einer liegenden Acht aus dicken bunten Kugeln. Schulzes skurrile Lampenobjekte beleuchten ein aus Farbkringeln gebautes Bildnis seiner Galeristin sowie das eigene Porträt, auf dem eine Nerd-Brille in grauen Schachtelungen den Stellvertreter mimt.

Gurken als Kunden im Mortadella-Teppichgeschäft

Sollte eine städtisch betriebene Kunsthalle überhaupt Ausstellungen von Kunsthändlern zeigen, in denen Privates und Handelsgut schwer zu trennen sind? Man sei hier weit genug entfernt von den Kunsthandelszentren, sagt Axel Lapp, „schließlich brauchen Künstler wie Andreas Gursky oder Louise Lawler Memmingen nicht für ihre Karrieren“; die haben sie ohnehin längst in der Tasche. Tatsächlich haben die Künstler und ihre Galeristin einander große Erfolge beschert. Nach dem Zusammenschluss mit der Galerie von Philomene Magers im Jahr 1998 eröffnete das starke Team Sprüth/Magers neue Standorte, zunächst in München, später in Berlin, in London und zuletzt in Los Angeles; Büros in Köln und Hongkong unterhalten sie außerdem.

Der Tross zieht mit: Die konzeptuellen Fotokunstmeister der Düsseldorfer Schule von Bernd und Hilla Becher nicht anders als Walter Dahn, Axel Kasseböhmer oder George Condo, dessen Gemälde „Listen to Maternal Voices (Portrait of Monika)“ von 1985 der Galeristin in seiner spezifisch witzig deformierenden Art ein Denkmal setzt. Alighiero e Boetti bekam ein eigenes Kabinett im alten Postamt eingerichtet, ebenso Fischli Weiss, deren fast vier Jahrzehnte alte „Wurstserie“ unverändert zum Lachen anstiftet angesichts der Gewürzgürkchen als Kunden im Mortadella-Teppichgeschäft. Die strengen, viel Metall zeigenden Objekte von Reinhard Mucha fanden einen großartigen Platz dort, wo man aus dem Fenster auf die Bahngleise schaut. Mucha und Monika Sprüth verbindet neben der Kunst auch eine regelrecht glühende Leidenschaft für Fußball. So reist die Galeristin nicht nur zu Verwandtenbesuchen nach Memmingen, sondern soll vor kurzem sogar zum Regionalligaspiel des FC Memmingen gegen den TSV 1860 München vor Ort gewesen sein, wo man dann leider eine herbe Niederlage hinnehmen musste. Dass also im großen Œuvre von Thomas Demand Monika Sprüths Wahl auf „Kabine“ fiel, ist gewissermaßen logisch: Denn das, wie stets bei Demand, Realität suggerierende, akribisch gebaute Papiermodell für diese Fotoarbeit zeigt die Umkleidekabine der Fußball-Weltmeisterschaft von 1954 – für deutsche Fans aufs Engste verbunden mit dem „Wunder von Bern“.

Never Enough: Monika Sprüth und die Kunst.

In der Mewo Kunsthalle, Memmingen; bis zum 3.September.

Quelle: F.A.Z.
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