Kunstmarkt
Salzburger Galerien

Kunstfest in Salzburg

Von Brita Sachs

Bevor es hinter dem großmächtigen Portal des alten Rehlingenschen Anwesens am Mozartplatz die Treppe zur Galerie Salis & Vertes hinaufgeht, werfe man unbedingt einen Blick in den Hof. Denn dort verbreitet ein unverschnörkeltes Barock-Ensemble stillen Charme, dem ein weinberanktes Kapellchen die Krone aufsetzt.

Versteckte Idyllen wie diese, die hinter hübschen Fassaden auf Entdeckung warten, retten die Lust an Salzburgs Altstadt sogar über die Wochen hinweg, in denen Touristenmassen sie an den Rand des Kollapses bringen. Ihre neuen Räume am Mozartplatz bezog die Galerie Salis & Vertes pünktlich zum 25. Geschäftsjubiläum und füllte sie - jetzt, wo die Festspielausstellungen Salzburgs Galerienszene wieder das Beste abverlangen - mit großen Klassikern der Moderne: Kandinskys „Weiße Segel“ in Rapallo (585.000 Euro) künden 1906 von ferne die Kunst des „Blauen Reiters“an, die Jawlensky dann einen „Schattigen Weg“ als strotzend roten Fleck unter komplementär grüne Bäume hinbreiten lässt (385.000 Euro).

Picasso hängt in diesem kleinen Museum auf Zeit und Kokoschka, auch Chagall und Albers mit einer wüstenglutgelben Hommage ans Quadrat (450.000). Lüpertz' „Salzburger Abendspaziergang“, den Thomas von Salis dem Professor an der Sommerakademie von 1983 im Atelier abkaufte, kam nach vielen Jahren zurück; jetzt kostet der surreale Trupp vor abendsonnenfarbenem Fond 98.000 Euro. (Bis 31. August.)

Oasen-Atmosphäre

Die Internationalität großer Kunst überträgt Thaddaeus Ropacs Galerie auf der anderen Seite des Flusses am Mirabellpark in die Jetztzeit. Oasen-Atmosphäre herrscht auch hier, im Stammhaus des agilen Galeristen. Und es lohnt ein Blick in den Skulpturenhof, wo Sylvie Fleurys giftfarben schillernde Riesenpilze prächtig gedeihen. Im Innern der hellen, klassizistischen Villa findet eine hochkarätige Künstlerversammlung in Gestalt von Selbstporträts statt. Man Rays goldgerahmter Spiegel von 1957 mit dem Titel „self-portrait“ macht mit seiner gewitzten Frage nach dem eigentlichen Autor eines Kunstwerks den Anfang (150.000 Dollar).

Zehn Jahre später malt Francis Bacon furios sein zweites Gesicht tiefer Verstörung (4,8 Millionen Dollar). Baselitz dann geht 1973 nackt und kopfüber auf Distanz zum eigenen Leib, als einem beliebigen Sujet zum Auftragen von Farbe auf Leinwand; das frühe Exempel seiner Fingermalerei akzeptiert nur Museumsangebote. Stolz verweist man auf Raritäten von Valie Export und Anselm Kiefer; und Warhol gibt sich auf einem Siebdruck von 1977 als doppelt Belichteter (280.000 Dollar). Wie Donald Baechler und Stephan Balkenhol machten sich viele Künstler eigens für die Ausstellung ans Bild vom Ich, und nicht selten kam statt eines Konterfeis eine Art Identifikation mit dem eigenen OEuvre heraus - Wolfgang Laib etwa, Spezialist für feine Naturstoffe, lieferte ein Regal voller duftender Dreiecke aus Bienenwachs (220.000 Euro). (Bis 28. August.)

Warhol, Beuys und Minelli

In der Galerie Rudolf Budja trägt ein doppelter Siebdruck-Warhol bereits einen roten Punkt, aber eine türkisäugige Lady von 1985 wäre für 1,3 Millionen Euro noch zu haben. In Budjas Warhol-Ausstellung zu dessen zwanzigstem Todesjahr blicken auch Beuys (300.000 Euro), Mapplethorpe und Liza Minnelli in die einer Bar oder einem Boudoir ähnlich ausstaffierte Etage - die außerdem aus der „German Monuments“-Reihe den „Hamburger Michel“ beherbergt, mit bester Provenienz: aus dem Nachlass des Bonner Galeristen und Warhol-Verlegers Hermann Wünsche nämlich, der die Serie 1980 angeregt hatte (1,1 Millionen Euro).

Denkmodelle zur Ansicht

Auf seiner eigenen Festspielwolke segelt Jan Fabre: Noch steckt er mitten in den Probearbeiten zur Uraufführung seines für Salzburgs Bühnensommer geschaffenen „Requiem für eine Metamorphose“, da eröffnet das Rupertinum schon eine Ausstellung mit Skizzen und Modellen zu dieser und anderen Theaterarbeiten des Multimedia-Künstlers. Seinen Durchbruch erlebte der Belgier um 1980 mit dem Konzept „Blaue Stunde“ - Symbol des Übergangs und der Melancholie -, für das er Gläser, Möbel, Räume und ein ganzes Schloss in wahrer Sisyphusarbeit mit Kugelschreibern blau zustrichelte: In der Galerie Mario Mauroner ist die wunderbare, 1990 erfolgte Verwandlung von Schloss Tivoli bei Mechelen in großformatigen Fotos auferstanden, die das blaue Wunder übers Jahr mit seinem wechselnden Licht begleiten (Cibacrome, Unikate 2007; je 33.000 Euro).

Schon seit Jahresbeginn prangt eines der nachtblau übermalten Tivoli-Fotos als offizielles Markenzeichen der Festspiele auf Programmen und Plakaten. Doch nur die Originale zeigen ihr typisches Changieren ins Rot, das der einfachen Tinte eine pretiöse Anmutung gibt (78.000 Euro). Die Mauroner-Dependance am Ignaz-Rieder-Kai zeigt derweil Fabres berühmte, selten ausgestellte „Denkmodelle“ - das sind kleine Bühnen und Guckkästen, in denen es skurril bis absurd zugeht, wenn etwa Münz-Männchen die „Moneyperformance“ tanzen (ab 16.500 Euro). (Bis 1. September.)

Frische aus den 80er Jahren

Die österreichische Kunst feiert fast ein eigenes Festival dank mehrerer Spezial- und Gruppenschauen. Die Galerie Welz gibt Siegfried Anzinger einen Soloauftritt mit Bildern aus den Achtzigern vom einst Jungen Wilden. Die krude, expressive Figurenmalerei, in der Anzinger damals „Kopfjäger“ und andere grimmige, verschlossene Gestalten auf die Leinwand fegte, hat nichts an Frische und Kraft verloren. Die Distanz von zwei Jahrzehnten legt offen, wie wenig es um rebellischen Gestus ging, wie sehr vielmehr um die Aura von Mysterien, die noch immer zum Dialog herausfordern. Anzingers etwas spätere Terrakotten zeigen einen Maler, der mit größter Leichtigkeit die dritte Dimension erobert. (Gemälde kosten von 38.000 bis 68.000 Euro, Arbeiten auf Papier ab 7500 Euro, Plastiken von 4800 Euro aufwärts.). (Bis 1. September.)

In ihre 300. Ausstellung lädt die Galerie Altnöder. Gewidmet ist sie Highlights der „Art Austria“, von Anzinger bis Otto Zitko. Ein wirklich nicht um Leserlichkeit bemühtes „Schriftbild“ Oswald Oberhubers (11.000 Euro) von 1952 gibt den Auftakt für eine bunte Melange, die durch die vergangenen fünfzig Jahre einer Szene steuert, die sich einiges zugutehält auf ihren im doppelten Sinn des Worts „eigenartigen“ Charakter. Diesen pointierten die Wiener Aktionisten am schärfsten: Neben Arnulf Rainers „Fußspuren“ in Öl auf Karton (44.000 Euro) tritt Hermann Nitschs spitzengesäumtes Chorhemd, das einen Blutschwall seiner achtzigsten Aktion 1984 in Prinzendorf in die Vitrine rettet (20.000 Euro). (Bis 15. September.)

Wiener Gastspiel

Eimerweise rote Farbe ergoss sich hingegen über das Hemd eines riesigen „Schüttbilds“ von Nitsch, das Heike Curtze für 70 000 Euro anbietet. Die Wiener Galeristin ist die Einzige, die den kurzlebigen Trend überdauerte, der viele Wiener und Münchner Kollegen auf Festspieldauer ein Gastspiel in Salzburg geben ließ. Sie inszeniert nun „Spannungsfelder“ mit ihrer heimischen Stammcrew: Da fehlen weder Günther Brus' versponnene Buntstiftzeichnungen noch neue Fotoübermalungen von Arnulf Rainer. Jünger wird es mit Petra Sterry: „Sexi Singa Sad / Money Makes Him Mad / Many Madels Maul / Phillin Famost Phall“ - so geht, weiß auf schwarz, eines ihrer Sprachspiele, die neugierig machen auf surreale Objekt-Kombinationen der Grazerin.

Vorfreude weckt „Austria plus/minus 50“ in der Galerie Ruzicska. Immerhin stehen hinter dem Gemeinschaftsauftritt der etwas lau als „mittlere Generation“ Angekündigten acht Blue Chips des internationalen Kunstmarkts - mit dabei: Herbert Brandl und Peter Kogler, Erwin Wurm, Heimo Zobernig und, auch Teilnehmer der aktuellen Documenta, Gerwald Rockenschaub. Ein paar Tage muss man sich noch gedulden, denn diese Ausstellung eröffnet am 18. August.

Quelle: F.A.Z., 11.08.2007, Nr. 185 / Seite 41
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