Kunstmarkt
Altmeister-Auktion

Schau uns in die Augen, Fremde

Von Rose-Maria Gropp
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Die junge Frau erscheint unglaublich gegenwärtig, sie schaut, als habe sie gerade etwas verstanden, will es vielleicht nicht recht glauben, dem Betrachter muss sie in ihrer Empfindung ein Rätsel bleiben. Ihr Blick aus den Augenwinkeln hat schon die Zeitgenossen gefesselt, das verrät die Provenienz im Katalog. Ihr erster Verehrer war KarlI. aus dem Haus Stuart, König von England, Schottland und Irland. Ihr Schöpfer ist Orazio Gentileschi, der seinerzeit in London tätig war. Der König gehörte zu seinen Auftraggebern; 1636/37 ist das Bildnis im Inventar von Whitehall Palace erwähnt.

Es hing, wie im Katalog erläutert, in einem kleinen Raum zwischen dem Privatgemach Karls I. und einer langen Galerie. Nach der Hinrichtung des Königs im Jahr 1649 und der Veräußerung seiner Sammlungen tauchte die geheimnisvolle Unbekannte öffentlich erst 1930 wieder auf, jetzt bei Colin Agnew. Vermittelt in Privatbesitz, kehrte sie 1988 zur Londoner Traditionshandlung Agnew’s zurück und ging 1989 in eine amerikanische Privatsammlung. Vermutlich diese hat das Werk nun bei Sotheby’s eingeliefert, sein Erlös gilt der Abteilung Europäische Malerei und Skulptur des Philadelphia Museum of Art.

Am 25. Januar kommt das Bild als „Head of a Woman“ in der New Yorker Abendauktion mit Alten Meistern als Spitzenlos zum Aufruf, versehen mit einer Schätzung von zwei bis drei Millionen Dollar. Am selben Ort hatte Orazio Gentileschi vor einem Jahr seinen bisher größten Triumph gefeiert. Seine tatsächlich monumentale „Danae“, vor der Londoner Zeit im Jahr 1615 für die Sauli-Familie in Genua entstanden, ging beim Zuschlag von 27 Millionen Dollar – also samt Aufgeld für 30,5 Millionen Dollar – an das Getty Museum in Los Angeles: mit riesigem Abstand der höchste Preis, der jemals für ein Werk von Orazio Gentileschi bezahlt wurde, dem Vater der berühmten Artemisia, der auch auf dem Kunstmarkt langsam aus dem Schatten seiner Tochter zu treten scheint.

Attraktiv in New York sind noch Adam de Costers caravaggeske „Junge Frau, die einen Spinnrocken vor eine Kerze hält“ und ein Küchenstillleben, das der Katalog Diego Velázquez zuschreibt, jeweils taxiert auf 1,5 bis zwei Millionen Dollar.

Quelle: F.A.Z.
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