Jahresgaben 2016

Schwebende Tiere und volle Taschen

Von Felicitas Rhan
 - 10:00

Wer in diesem Jahr einen Blick auf die Jahresgaben der deutschen Kunstvereine wirft, kommt an der Arbeit von Kasia Fudakowski in der GAK (Gesellschaft für aktuelle Kunst) Bremen buchstäblich nicht vorbei. „Blinking Bonkers“ ist ein absurd-dadaistisches Mobile, das aus fünfzehn lebensgroßen Augenlidern aus Keramik samt Kunstwimpern besteht. Bei jedem sachten Schaukeln blinzelt das Ensemble der in Berlin lebenden Künstlerin und weckt Assoziationen: etwa an frühe Augenfarbtafeln mit bemalten Glasaugen, die seit den zwanziger Jahren zum Bestimmen von Rassemerkmalen verwendet wurden, oder an die Foltermethode, die Augenlider des Opfers künstlich aufzuhalten, bekannt aus Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“ (Auflage 5 + 2 AP; je 970 Euro). Harmloser erscheint die Skulptur von Marie Lund, ebenfalls in der GAK: Die dänische Künstlerin hat für „Hand Full“ ihre Hosentaschen in Bronze gegossen. Die zwei kleinen Kissen sind gefüllt mit Alltäglichkeit – Kleingeld, Feuerzeug, Nähte und Falten lassen sich im Stoff erkennen (2 Unikate; je 2400 Euro).

Auch Alexandra Bircken hebt Gewöhnliches auf den Sockel. Ihr „Held“ zeigt im Kunstverein Hannover zwei Arbeitshandschuhe – abgenutzt und verschlissen, dennoch edel wirkend – in Neusilber (Auflage 7 + 2 AP; 5800 Euro). Dagegen herrscht im Badischen Kunstverein in Karlsruhe Aufstand: Die 2009 entstandene „RevolutionstapeteIII“ von Danica Dakić verbindet die Pflanzenornamentik von Eichenblättern mit der Figur einer bewaffneten Kämpferin. Entstanden ist der Linoldruck auf handgeschöpftem Papier während eines Aufenthalts der Künstlerin in Mexiko Stadt (Edition 3/8; 950 Euro).

Vier Drachen und eine Kamelherde

Jon Rafman überzeugt im Westfälischen Kunstverein in Münster auf spektakuläre Art: Für die aktuelle Jahresgabe hat er von einer seiner, auf der diesjährigen Berlin Biennale ausgestellten „Vore“-Skulpturen – das sind sich verschlingende Tierpaare – eine Miniatur-Ausgabe herstellen lassen. In „L’Avalée des avalés, Rhino/Bear“ von 2016, einer 26 Zentimeter langen Bronze, hat ein Nashorn bereits die Hälfte eines ausgewachsenen Bären verschluckt (Auflage 5 + AP; 6500 Euro).

Ebenfalls für Münster hat Raphaela Vogel die Mini-Version einer Installation mittels 3D-Drucker angefertigt: Beim Schmuckstück „In festen Händen“ baumeln an einer Goldkette zwei fünf Zentimeter breite Bronzelöwen, die zwei Perlen an Nasenringen tragen (Auflage 7 + 3 AP; 1600 Euro). Auch für den Dortmunder Kunstverein schuf die Meisterschülerin von Peter Fischli eine Arbeit: Vier aufziehbare Spielzeugdrachen versuchen vergeblich, sich voneinander zu entfernen, scheitern kläglich an ihren zusammengebundenen Plastikschwänzen in „Fourtress“ (3 ähnlich Unikate; 1000 Euro). Überhaupt scheint man sich im Dortmunder Kunstverein ganz den Tierdarstellungen verschrieben zu haben, denn bei Phillip Zachs plastischem Stillleben „Will“ schlängelt sich eine durchsichtige Nylonwurst, einem schwangeren Wurm gleich, gefüllt mit kleinen Kügelchen aus Polystyrol, über ein beiges Baumwolltuch (10 ähnliche Unikate; 350 Euro), und Arjan Stockhausen hält einen gelben „Langen Tiger (...)“ in Öl und Acryl auf Papier fest (Unikat; 700 Euro).

Tierisch weiter geht es auch im Kölnischen Kunstverein: Peter Millers amüsante Fotografie „The Unicorn’s Birthday Party“ von 2016 zeigt den kläglichen Versuch eines Esels, sich bei einer Einhorn-Geburtstagsfeier zu integrieren – sein fehlendes Horn ersetzt er durch ein Partyhütchen (Auflage 5 + AP; 1800 Euro). Die aus Tallin stammende Katja Novitskova hat für den Hamburger Kunstverein einen Digitaldruck auf Alu-Dibond geschaffen, auf dem sich eine Kamelherde bei Nacht und Computeranimationen aus der Molekularbiologie zusammenfügen und überlagern: „Mapping potential (camals at night)“ ist eine visuell-poetische Veranschaulichung der Datensammelwut unseres Planeten (Auflage 10 + 2 AP; 800 Euro).

Noch ernstere Töne schlägt der Frankfurter Kunstverein mit seiner Jahresgabe an: Auf dem Digitaldruck von Regina José Galindos Performance „Secreto de Estado“ wird der nackte Körper der Künstlerin als Leichnam inszeniert (Auflage 6; 500 Euro). Owen Gumps Schwarzweißfotos stehten in der Tradition der amerikanischen Landschaftsfotografie und untersuchen die Weite als Stoff ideologischer Formungen und als Schauplatz menschlichen Expansionsstrebens. 2016 entstand die Serie „The Narrows“ in einem Industriepark in Nevada (Auflage 10 + 2 AP; 650 Euro).

Quelle: F.A.Z.
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