Pariser Auktionsmarkt 2016

So sieht Bestform in Frankreich aus

Von Bettina Wohlfarth/Paris
 - 10:09

Mit dem Auktionsjahr 2016 konnten in Paris eigentlich alle zufrieden sein, denn es gab nicht nur steigende Umsatzzahlen, sondern auch außergewöhnlich spannende Auktionsmomente. Christie’s behauptet seine Führungsposition und erreicht mit 244,6 Millionen Euro einen gegenüber 2015 um etwa 4,5 Prozent gestiegenen Umsatz. Mit 220 Millionen Euro und einer Steigerung von 4,3 Prozent nimmt Sotheby’s den zweiten Platz ein. In den vergangenen Jahren hatte das französische Haus Artcurial nach und nach zu den beiden internationalen Firmen aufgeschlossen; nun gibt es keinen Zweifel mehr: Weit ab vom Mittelfeld wird an der Spitze des französischen Markts in Zukunft ein Dreikampf stattfinden. Bei einer Steigerung von zehn Prozent erreichte Artcurial, der erst 2002 gegründete Newcomer, einen Umsatz von 210,1 Millionen Euro – und bereitet den historischen Giganten harte Konkurrenz.

Paris hat als ehemalige Weltstadt der Kunst traditionell ein vielseitiges Auktionsprogramm, wobei neben Altmeistern, Impressionismus, Moderne oder Gegenwart die Sparten asiatische und afrikanische Kunst, Art déco, Design und seit einigen Jahren auch Urban Art oder Comics regelmäßig ihre Stärke beweisen. Jedes Jahr ist Paris auch wieder der Ort für die Zerstreuung phantastischer Sammlungen.

Der Marmor-Torso eines tanzenden Fauns

Zu den herausragenden Momenten gehörte die Versteigerung der Sammlung von Zeineb und Jean-Pierre Marcie-Rivière bei Christie’s. Im Laufe von Jahrzehnten hatte das Sammler- und Mäzenatenpaar ein Pariser Stadtpalais mit Möbeln und Kunst aus mehreren Jahrhunderten bestückt. Madame bevorzugte einen eher klassizistischen Stil, der ihre Beletage schmückte: Der römische Marmor-Torso eines tanzenden Fauns erreichte 2,5 Millionen Euro, damit das Zehnfache seiner Taxe. Monsieur umgab sich im Stockwerk darüber mit moderner und zeitgenössischer Kunst. Zu seiner Sammlung gehörten Künstler wie Nicolas de Staël, Cy Twombly oder Richard Serra. „Man in Blue VII“ von Francis Bacon kam bei einer Taxe von fünf bis acht Millionen für 5,3 Millionen Euro unter den Hammer.

Sotheby’s hatte mit dem Nachlass des Malers, Bildhauers und Dekorateurs Bernard Boutet de Monvel (1881 bis 1949) ebenfalls ein besonderes Ereignis im Programm. Zum Aufruf kamen Entwürfe, Zeichnungen und Gemälde des Künstlers, aber auch Möbelstücke und Dekorationsgegenstände, die sämtlich aus dem Wohnhaus mit Atelier stammten, das Bernard Boutet de Monvel 1924 im Pariser Viertel Saint-Germain gekauft hatte. Seine Frau und später auch seine Tochter beließen das Haus bis zu dieser Auktion nahezu unverändert. Das Gemälde „Portrait du Maharadjah d’Indore“ von 1934 wurde bei 2,1 Millionen Euro zugeschlagen, während Boutet de Monvels hochelegantes „Autoportrait Place Vendôme“ nach einem enthusiastischen Bietgefecht für 1,45 Millionen Euro abgegeben wurde und so die obere Taxe fast verfünffachte.

Die sensationellsten Ergebnisse wurden bei den Auktionen für asiatische Kunst erreicht: Sotheby’s hatte schon bei seiner Juni-Offerte die obere Gesamttaxe verdreifacht und 10,7 Millionen Euro eingespielt. Im Dezember prasselten dann Rekorde: Die fünf Zentimeter kleine Jadefigur eines dickbäuchigen Fabeltiers, das gelassen dasitzt und in eine Frucht beißt, kam bei Sotheby’s auf 3,6 Millionen Euro, gegenüber einer Taxe von 100 000 bis 150 000 Euro.

Drachen auf der Suche

Bei Christie’s wurde die Dezember-Offerte mit Asiatika auf zwei bis drei Millionen geschätzt, am Ende lag der Umsatz bei 22,5 Millionen Euro. Das eigentliche Spitzenlos, eine polychrome Holzstatuette aus dem 13. Jahrhundert, die den weiblichen Bodhisattva Guanyin darstellt, wurde bei einer Taxe von 200 000 und 300 000 schließlich für 4,5 Millionen Euro abgegeben. Nachgerade unfassbar endete nur kurze Zeit später das Bietgefecht um eine seltene Bronzestatue des Buddha Vairocana aus dem 10. Jahrhundert, das sich bis auf zwölf Millionen Euro hochschaukelte: Etwa das Sechzigfache der Schätzung von 1500 00 bis 200 000 Euro. Aber es sollte noch besser kommen, denn im Drouot wurde am selben Tag bei Pierre Bergé & Associés ein zehn Quadratzentimeter großes Siegel aus der Qianlong-Epoche bei 17,5 Millionen Euro (Taxe 800000/1 Million) zugeschlagen. Auf seinem rötlichen Speckstein tummeln sich neun ineinander verschlungene Drachen auf der Suche nach der heiligen Perle.

Nach solchen Höhenflügen nehmen sich die Pariser Preise für die klassischen Segmente geradezu vernünftig aus. Bei den Altmeister-Auktionen lag wie 2015 Louise Moillon ganz vorne. Ihr Stillleben „Korb mit Zwetschgen“ von 1629 ging bei Sotheby’s für 950 000 Euro an einen amerikanischen Sammler: ein Weltrekord für die Künstlerin, die in Paris in eine Malerfamilie geboren wurde und ihr Leben lang meist kleinformatige, wunderbar samtige Früchtestillleben malte. Zwei Marmor-Statuetten „Trauernder“, die Jean de Cambrai Anfang des 15. Jahrhunderts für das Grab des Duc de Berry geschaffen hatte, wurden bei Christie’s für 4,4 Millionen Euro dem Louvre zugeschlagen. Das französische Museum hatte sein Vorkaufsrecht geltend gemacht.

Neuer Weltrekord für ein Sammler-Auto

Bei den Impressionismus- und Moderne-Auktionen war es ein Zeichen für einen, zumindest stagnierenden Markt, dass etwa Werke von Pierre Bonnard, Marc Chagall oder Fernand Léger mit Taxen zwischen einer und zwei Millionen Euro bei Sotheby’s im Juni glattweg zurückgingen. Ein „Grand nu à la baignoire“ von Bonnard, der bei Christie’s auf drei bis fünf Millionen geschätzt worden war, wechselte für nur 1,5 Millionen Euro den Besitzer.

Wenn es jedoch um ein außergewöhnliches Werk geht, sind die Reaktionen entsprechend anders: So kam bei Artcurial das wichtige frühe Gemälde „Nu sur nu“ von Marcel Duchamp für eine Million Euro (Taxe 500 000/700 000) unter den Hammer. Und Sotheby’s konnte im Dezember mit James Ensors „Squellette arrêtant masques“ ein selten aufregendes Moment bieten: Das Ölgemälde von 1891 ist eine Wiederentdeckung im Werk des belgischen Künstlers; eine Familie aus seiner Geburtsstadt Ostende hatte es 1922 direkt vom Maler gekauft. Es war seither, ohne je ausgestellt worden zu sein, in dieser Familie verblieben. Ensor war von den Themen Tod und Masken geradezu besessen. Im Skelett, das den Maskenfiguren die Stirn bietet, soll sich der Künstler selbst dargestellt haben. Das Gemälde ist nur 33 auf 55 Zentimeter groß und gehört zu seinen Hauptwerken. Fünfzehn Bieter kämpften in einem spannenden Gefecht um das außergewöhnliche Werk, das schließlich für einen Rekordpreis von 6,4 Millionen Euro (1/1,5 Millionen) in eine europäische Sammlung überging. In den Veranstaltungen mit Nachkriegskunst und Zeitgenossen erreichten Jean Dubuffets „Trime burine“ aus der Sammlung Marina Picasso bei Christie’s 2,5 Millionen Euro (2/3 Millionen), während bei Sotheby’s Simon Hantaïs „m.a.4 (Mariale)“ für erstaunliche 3,8 Millionen (1,5/2 Millionen) reüssierte und Pierre Soulages’ „Peinture 162× 130 cm, 14décembre 1958“ das Rekordergebnis von 4,5Millionen Euro (2/3 Millionen) erzielte. Das Gemälde „63-F-5-1963“ des französischen Abstrakten Martin Barré erzielte bei Artcurial mit 570 000 Euro das Dreifache der oberen Taxe, ein bemerkenswertes Ergebnis für diesen Maler.

Wie 2015 wurde der höchste Preis auf dem französischen Auktionsmarkt jenseits der Kunst erzielt. Bei Artcurial stellte im Februar ein knallroter Ferrari 335 Sport Scaglietti aus dem Jahr 1957 mit 28 Millionen Euro einen neuen Weltrekord für ein Sammler-Auto auf. Und auch kein Auktionsjahr ohne Kuriositäten: Bei Christie’s kam eine etwas rostige Pistole für – sage und schreibe – 360000 Euro (50 000/70 000) unter den Hammer. Allerdings handelte es sich um keine geringere als die, mit der Paul Verlaine am 10. Juli 1873 in Brüssel auf Arthur Rimbaud geschossen hatte. Die beiden hatten sich, wie so oft, heftig gestritten, Rimbaud wollte nach Paris zurückkehren, da zielte Verlaine mit zwei Schüssen auf den jungen Dichter: „Das ist für dich, weil du mich verlassen willst!“, soll er gerufen haben. Das Ergebnis waren zehn Tage Krankenhaus für den einen, zwei Jahre Gefängnis für den anderen.

Quelle: F.A.Z.
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