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Spitzen auf Wiener Art

Von Nicole Scheyerer/Wien
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Unbehelligt von den politischen Wellengängen des vergangenen Jahres konnten die Wiener Auktionshäuser ein hervorragendes Ergebnis einfahren. Das Dorotheum freut sich besonders über den höchsten Umsatz, den es in der Sparte Alte Meister jemals erwirtschaftet hat. Das will tatsächlich etwas heißen, konnte damit doch das Jahr 2010 mit Frans FranckensII „Der Mensch zwischen Tugend und Laster“ überflügelt werden, das für sechs Millionen Euro versteigert wurde. Das Ranking der Spitzenlose 2016 führt mit 1,1 Millionen Euro die prächtige „Geburt Christi“ von Hans Memling Werkstatt an; das 99 mal 72 Zentimeter große Tafelbild wandert, etwas unterhalb seiner Taxe, zurück in seine Heimat Flandern. Es ging an einen bedeutenden belgischen Privatsammler, der nicht genannt werden will, obwohl er das Gemälde bald in einer Ausstellung präsentieren wird.

Hatten 2015 die Zeitgenossen die Wiener Bestenliste dominiert, so gelang jetzt den Alten Meistern, dank des entsprechenden Angebots, ein beachtlicher Aufschwung. Das Dorotheum besetzt somit noch fünf weitere Ränge unter den zehn höchsten Zuschlägen: Im Oktober sorgte Tintorettos „Schlacht zwischen Philistern und Israeliten“ für einen Kampf an den Telefonen, der erst bei 750 000 Euro einen Sieger fand; veranschlagt waren 300 000 bis 400 000 Euro. Ein zweites Bild, das trotz des Zusatzes „Werkstatt“ preislich hoch stieg, kommt aus Rubens’ Studio; für das aus Belgien stammende „Urteil des Paris“ läutete die Dorotheums Klingel bei 650 000 Euro (Taxe 400 000/600 000). Im Jubiläumsjahr von Hieronymus Bosch kam eine Höllen-Darstellung eines Nachfolgers gerade recht: Für das Gemälde mit den infernalischen Monstern, das den rechten Flügel vom Triptychon „Der Garten der Lüste“ im Prado zum Vorbild hat, bewilligte ein Bieter 430 000 Euro (200 000/300 000). Hohen Schauwert bewies auch der neuentdeckte, farbschöne „kreuztragende Christus“, den Guido Reni auf eine 49 mal 36 Zentimeter große Kupfertafel malte; das um 1595 entstandene Frühwerk wurde zur unteren Taxe von 400 000 Euro zugeschlagen. Den neunten Platz teilen sich mit dem Höchstgebot von jeweils 312 000 Euro weitere Altmeister: Die bestens erhaltene „Belebte Hafenszene auf der Schelde vor Antwerpen“ hat Jan Brueghel d. Ä. um 1590 in Italien auf Kupfergrund geschaffen (250 000/350 000), und Huybrecht Bueckeleers lebhaft komponierte „Heilige Familie mit der heiligen Anna“ wurde jüngst in einer süddeutschen Privatsammlung wiederentdeckt (150 000/200 000).

Die südlichen Nachbarn punkteten

In der Abteilung Klassische Moderne konnte im November ein neues Umsatzniveau erreicht werden. Dafür sorgte auch Marc Chagall mit seinem Bouquet-Bild „Fleurs“ von 1924. Der in starken Kontrasten komponierte Strauß fand bei 850 000 Euro (750 000/1 Million) einen neuen Besitzer. Bereits im Frühjahr hat das Dorotheum ebendiesen Preis für ein viel niedriger bewertetes Ölbild erreicht: James Ensors heiteres Spätwerk „Baptême de masques“ verführte mit seinen Perlmuttfarben zu einem Bietgefecht, das bei 850 000 Euro (300 000/500 000) endete. Weil in die Sparten-Hitparade des Dorotheums 2016 unter der Rubrik „Klassische Fahrzeuge“ gleich drei Oldtimer brausten – angeführt von einem roten Mercedes 300 SL Roadster, Baujahr 1958 für beachtliche 950 000 Euro –, sahen die Zeitgenossen schwächer aus, als sie tatsächlich waren: Mit dem Zuschlag von 600 000 Euro setzte sich im Juni ein blaues, nur ein Mal geschlitztes „Concetto Spaziale, Attesa“ von Lucio Fontana an ihre Spitze, Platz fünf der Toplose. Fontanas Kollege Enrico Castellani rundet mit seiner „Superficie Bianca“ für 312 000 Euro die Liste ab. Dennoch handelt es sich um die beste Zeitgenossen-Auktion in der Geschichte des Hauses, bei der auch gute Preise für Tom Wesselmann, Günther Uecker und Maria Lassnig erzielt wurden.

Als wichtige Anlaufstelle für italienische Einlieferer und Käufer setzte das Dorotheum mehrfach neue Rekorde. Eine neue Bestmarke schaffte Carla Accardis Hinterfolie-Malerei „Biancobianco“ von 1966 mit stolzen 190 000 Euro; Accardis Landsmänner Rodolfo Aricò und Emilio Scanavino wurden ebenfalls kräftig aufgewertet. Doch die südlichen Nachbarn punkteten nicht nur bei den Alten Meistern und Zeitgenossen, sondern auch beim 19. Jahrhundert. Die höchste Steigerung erfuhren drei Werkskizzen mit Figuren der Merlin-Sage, die der Wiener Secessionist Josef Engelhart für einen Fries zur Weltausstellung 1904 in St.Louis produzierte; die auf je 8000 bis 14 000 Euro geschätzten Zeichnungen gingen für sensationelle 190 000 Euro. Der Name Reinhold Hofstätter war 2016 im Dorotheum wichtig. Der Wiener Kunsthändler (1927 bis 2013) besaß in der Wachau das Schloss Schwallenbach, dessen 400 Objekte umfassenden Bestand an Möbeln und Skulpturen das Haus ebenso erfolgreich versteigerte wie Hofstätters Geschäftsdepot: In Schwallenbach hing Ferdinand Georg Waldmüllers „Abschied“; das sehnsuchtsvoll aus dem Fenster einer Bauernstube blickende Mädchen erreichte 175 000 Euro (150 000/200 000).

An die Auktion eines Schlossinventars machte sich auch die Konkurrenz im Kinsky. Unter dem Motto „Jagd in der Kunst“ kamen dort Bilder, Objekte und Möbel des Ehepaars Carl-Anton und Marie Goess-Saurau unter den Hammer, die zuvor das Schloss Pfannberg in der Steiermark schmückten. Zu den Spitzen gehört ein spätbarockes Bild, in dem Martin Johann Schmidt sich im Kreise seiner Familie darstellt; der Zuschlag erfolgte bei 190 000 Euro. Zwei höfische Deckelbecher aus geschnitztem Steinbockhorn waren erst für 48 000 Euro zu haben.

Das Kinsky kann sich 2016 nur auf Platz sechs der Wiener Bestenliste einordnen: Der 35 mal 34 Zentimeter große „Obstgarten“ von Richard Gerstl ist eine Rarität, denn von dem jung gestorbenen Frühexpressionisten kommt höchst selten etwas auf den Markt; das mit 250 000 bis 500 000 Euro bewertete Bild spülte 530 000 Euro in die Kassen. Die Klassische Moderne und die Zeitgenossen lieferten ansonsten die besten Ergebnisse. Koloman Mosers üppiges Querformat „Stiefmütterchen mit Blumentöpfen“ von 1910 wurde von den Bietern auf 270 000 Euro gehoben. Je 260 000 Euro spielten ein gezeichneter Frauenakt von Egon Schiele (180 000/360 000) und eines der typischen Bilder Alfons Waldes vom „Auracher Kirchl“ ein. Für den Zwischenkriegsmaler Josef Floch bedeuteten 220 000 Euro für sein Ölgemälde „Mutter mit Kind“ einen neuen Spitzenpreis. Eine Bestmarke erzielte auch die Tiermalerin Norbertine Bresslern-Roth, deren quadratisches Bild „Einsames Floß“ mit einem Panthers 165 000 Euro (70 000/140 000) einbrachte. Von Maria Lassnig gingen das Selbstporträt „Herbstbild“ von 1983 und eine Komposition mit aufgereihten Köpfen an den Start, die für je 300 000 Euro zugeschlagen wurden.

Quelle: F.A.Z.
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