Stargardt-Auktion

...zu viel Größenwahnsinnige, viel zu wenig Torf!

Von Camilla Blechen
 - 10:00

Mit dem Schätzpreis von 90 000 Euro sprengt ein Album mit unkommmentierten Zeichnungen den Rahmen von 850 weit moderater taxierten schriftlichen Hinterlassenschaften von Malern, Musikern, Gelehrten und Feldherrn, die am 13. und 14. März bei Stargardt in Berlin zur Versteigerung gelangen. Zusammengestellt hatte die 26 Blätter von elf Künstlern, die sich um 1830 in Rom aufhielten, der als Zeichner dilettierende Hannoveraner August Kestner. Als Ehrengabe für seinen Landsmann August Wilhelm Rehberg sollte das Konvolut an dessen zweijährige Rundreise durch Italien erinnern. Kestner, der als Diplomat und Mäzen in den Ateliers der Deutschrömer aus und ein ging und darüber hinaus Kontakte zu dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen unterhielt, wurde bei der Wahl des Materials bei Eduard Magnus, Carl Wilhelm Götzloff, Carl Adolf Senff, Wilhelm Ahlborn, Friedrich Nerly und Johannes Riepenhausen fündig.

In niedrigeren Preisregionen bewegen sich die Offerten im musikalischen Bereich, der Spezialität des Hauses. Mit 40 000 Euro beziffert, erscheint Richard Wagners Kompositionsskizze zur hochdramatischen vierten Szene des zweiten Akts von „Tannhäuser“, in dem der vom Landgrafen Angeklagte sich mit der Bitte „Erbarm’ Dich mein!“ an dessen Nichte Elisabeth wendet. Ebenfalls 40 000 Euro bringen soll die Urschrift von Franz Schuberts Vertonung der Saga des „Zürnenden Barden“. Für 20 000 Euro abrufbar ist Felix Mendelssohn Bartholdys „Lied ohne Worte“, für 16000 Euro sein „Frühlingslied“ („Leise zieht durch mein Gemüth/ Liebliches Geläute“), das auf Heinrich Heine zurückgeht.

Ein Meisterstück der Diplomatie?

Vermittelnd in den Streit zweier Pariser Musikalienhändler um die Verlagsrechte an der Oper „Iphigenie in Aulis“ mischte sich im Frühjahr 1775 deren Autor Christoph Willibald Gluck ein. Sein Brandbrief an den Sekretär der k. u. k. Botschaft in Paris, eine der seltenen schriftlichen Verlautbarungen des Komponisten, wird für 25 000 Euro angeboten. Leben und Werk des umtriebigen Johannes Brahms dokumentieren nicht weniger als zwölf Lose: Ein Albumblatt mit sechs Takten aus der „Schönen Magelone“ soll 16 000 Euro bringen.

Unter den Autographen der Schriftsteller fesselt vor allem der – auf 12 000 Euro taxierte – Briefwechsel von Thomas Bernhard mit der Hamburger Pianistin Ingrid Bülau. In neun – bis auf einen – unpublizierten Briefen gibt der berühmte, sonst eher scheue Autor vielgelesener Bücher und vielgespielter Theaterstücke seinem Unmut über missliebige Zeiterscheinungen Ausdruck: „zuviel Bacon auf der Welt, zuviel Hundertwasser, zuviel Literatur, zuviel Größenwahnsinnige; viel zuwenig Torf!“ Doch es gibt auch Positives: „Das Kalkwerk ist mir jetzt alles. Bis März werde ich daran arbeiten müssen ohne Unterbrechung... Es ist alles recht dynamisch – und damisch...“

Mehr als dreißig Jahre lang ermutigte Thomas Mann den nach einem Selbstmordversuch früherblindeten Romancier Adolf von Hatzfeld zur Fortsetzung der literarischen Produktion (Taxe 20 000 Euro). Rätselhaft bleiben zwölf Stichworte, die der Geheime Rat Goethe einmal auf „grünliches Konzeptpapier“ kritzelte: „Farbenspiel“, „Hausgeist“, „Heimweh“, „Serenade“, „Notturno“, „Domum Lacrymarum“ (4000).

In der Sektion Bildende Kunst geht es in ausführlichen Dankschreiben von Kandinsky, Klee, Nolde und Schmidt-Rottluff immer wieder um die Aktivitäten von Alois Schardt, der sich vehement für den Aufbau von Sammlungen moderner Kunst in staatlichen Museen einsetzte, ehe ihm die Nationalsozialisten das Direktorenamt der Berliner Nationalgalerie entzogen (Taxen 1600 bis 8000 Euro).

Die Abteilung Geschichte rückt mit stattlichen Preisen Preußen in den Mittelpunkt: Den Einsatz von 7500 Euro fordert ein 1736 in Ruppin an seinen „Allergnädigsten König und Vahter“ Friedrich Wilhelm I. gerichteter Brief des preußischen Kronprinzen, in dem der junge Friedrich gelobt, anstehende Schulden zu bezahlen, und ein wenig verklemmt Freude über den avisierten Besuch seines Erzeugers äußert. In einem von Sehnsucht nach ihrem „lieben Engel“ Friedrich Wilhelm III. überquellenden Brief (6000) bittet die Königin Luise den erst unlängst angetrauten Gatten, ihren Schwiegervater auf die Geburt seines ersten Enkels vorzubereiten: „Wie du dich dabey zu benehmen hast daß weiß ich nicht, gemeldet muß es ihm aber werden.“ Das letzte Wort nach den Stimmen des preußischen Hochadels hat die Sozialdemokratin Clara Zetkin, deren Ruf nach dem „Vormarsch der Werktätigen in roter, revolutionärer Einheitsfront zur Kultur des Kommunismus“ (1600) in den Ohren klingt.

Quelle: F.A.Z.
Camilla Blechen
Redakteurin im Feuilleton.
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