The Armory Show New York

Zwischen Amazonas und Amazon

Von Niklas Maak, New York
 - 16:00

Ein wenig sah es in Manhattan in den vergangenen Tagen so aus, als hätten sich ein paar Künstler in der Stadt verteilt, um eine große, surreale Performance aufzuführen: Obwohl die Sonne schien und man im Hemd durch die 55. Straße zu den Piers 92 und 94 hinunterlaufen konnte, wo die Armory Show stattfand, fuhren plötzlich Schneeschieber am Hudson River entlang, Busfahrer kontrollierten die Schneeketten an ihren Vehikeln, und auf den Anzeigetafeln, die sonst über Staus im Midtown Tunnel informieren, erschienen die absurd wirkenden Worte „Winter Storm“; Manhattan döste in der Märzwärme und zog sich gleichzeitig die dickstmögliche Winterjacke an. In einer der Hallen am Pier warf eine Künstlerin Konfetti in die Luft, und plötzlich gab es draußen, wie als Antwort, einen sehr effektvollen Gewitterdonnerschlag – und dann setzte ein Schneesturm die Stadt binnen kurzem komplett unter Schneematschwasser und trieb die Mengen in die trockenen Hallen der Armory, wo sie mit quietschenden, durchnässten Schuhen zu den Ständen wateten.

Die Armory konnte diesen Zustrom gut gebrauchen, hieß es doch zuletzt, die Energie der traditionellen, in dieser Form jetzt zum 24. Mal stattfindenden Messe sei ein wenig erlahmt. Dazu kam die Affäre um den bisherigen Leiter der Messe, Benjamin Genocchio, der nach Anschuldigungen, Mitarbeiterinnen sexuell belästigt zu haben, zurücktreten musste und durch Nicole Berry ersetzt wurde, die vorher für die Expo Chicago arbeitete. Im Abgrenzungskampf gegen andere Messen ist die diesjährige, noch bis zum Sonntag laufende Armory noch entschiedener zu einem Ort geworden, der auffallend viel Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anbietet. Im Pier 92 geht es zu wie in einem Museum – am Eingang will eine von Gabriel Ritter kuratierte thematische Schau, die um die Themen „Technologie und Körper“ kreist, die neueste Produktion unter einer These bündeln, dahinter kommt dann das, was im Museum die Sammlungspräsentation wäre – Stände von Galerien, die Bekanntes und Unbekanntes der fünfziger bis siebziger Jahre anbieten. „Technologie und Körper“ ist ein ziemlich vages Thema, in das Tony Ourslers neue Skulpturen (Bildschirme, die Augen und Münder zeigen, in Glasluftballonköpfen) genauso hineinpassen wie Anne Libbys mild apokalyptische Gemälde von Frauen mit Gasmasken (bei Night Gallery, ab 6000 Dollar); Erkenntnisse darüber, wie die Kunst die technologische Revolution spiegelt und kommentiert, sind aber kaum zu gewinnen.

Vergessenes wird wieder sichtbar gemacht

Überzeugender ist die „Insights“ genannte Abteilung, die sich den musealen oder musealisierbaren Namen des 20. Jahrhunderts widmet. Der Hunger des Kunstmarkts nach verkaufbarem Material, der der Qualität der Gegenwartskunst nicht zwingend gut bekommen muss, hat hier einen positiven Effekt: Auf der Suche nach Sachen, die man verkaufen kann, werden zwar auch die letzten Lithographien noch wie Offenbarungen präsentiert, aber viele Galerien spülen eben auch zu Unrecht Vergessenes wieder an die Oberfläche: So gibt es nicht nur kleine Arbeiten von Cy Twombly (bei Susan Sheehan für 145 000 Dollar) und die Edition einer einer zarten Paris-Zeichnung von David Hockney aus dem Jahr 1972 zu sehen (signiert, für 48 000 Dollar bei Ingram), sondern Wiederentdeckungen wie den Maler David Park, die abstrakt-expressionistischen Großkalligraphen Shiru Morita und Inoue Yuichi oder den Kalifornier Fred Eversley, in dessen transluzenter Kunstharz-Skulptur der Optimismus der frühen siebziger Jahre wie eine Fliege im Bernstein eingeschlossen scheint (bei Peter Blake, für 200 000 Dollar). Eine Entdeckung ist auch der chinesische Maler Huang Rui, der in den achtziger Jahren mit expressionistischen und konzeptuellen Gemälden als einer der Ersten gegen die offizielle Pekinger Kunstdoktrin opponierte (bei 10 Chancery Lane Gallery aus Hongkong). Bei aller gedämpft-musealer Anmutung sind auch jüngere Galeristinnen wie Mariane Ibrahim aus Seattle in New York vertreten; sie zeigt Arbeiten von Lina Viktor, die Symbole aus den verschiedensten Kulturkreisen als goldene Reliefs nachbilden lässt und zu einer Art Warburgschem Formenatlas zusammensetzt. Unter den Galerien, die Neues zeigen, kommen viele aus dem deutschsprachigen Raum: Dittrich & Schlechtriem vertreten Julian Charrière, der sich in seinem „Future Fossil Space“ mit einer bolivianischen Salzwüste befasst, in der das für die Produktion von Elektroautos notwendige Lithium abgebaut werden wird. Bei Ropac gibt es eine „Nicole II“ von Alex Katz (500 000 Dollar), in dessen Spätwerk die flächigen Frauenköpfe plötzlich modiglianiartige Züge annehmen, bei König eine erstaunliche, zweieinhalb Meter lange, an einen gigantischen Zahn eines prähistorischen Monsterraubfischs erinnernde Marmorspirale von Alicja Kwade. Am Stand der Galerie Wentrup, deren Mitarbeiter dadurch auffielen, dass sie allesamt minutiös gepflegte Schnurrbärte tragen, werden Arbeiten von David Renggli gezeigt, der auf die Wand malt und darüber die aus Leinwand gefertigte, ebenfalls mit fünfzigerjahrehaften Nierentischformen bemalte Schneefangnetze spannt, was beim Vorbeigehen Op-Art-hafte Effekte erzeugt.

Bei Eigen + Art prangt ein aus Tarnnamen von Militäroperationen zusammengesetztes, haikuhaftes Poem von Olaf Nicolai („Liane Headstrong / Veritas Whirlwind / Plaine Fare“) am Stand, Gagosian hält dagegen mit einer selbst an konkrete Poesie erinnernden Aneinanderreihung der Galeriestandorte: „Gagosian New York Los Angeles San Francisco London Paris Rome Athens Geneva Hong Kong“ steht in großen Lettern unter dem Galerienamen, damit jeder sieht, wo der kommerzielle Hammer hängt. Eine Kunstmesse ist ja wie eine Stadt organisiert, in der die Stände die Häuser sind: Es gibt gute und seltsame Viertel, Westend und Chinatown, und weil eine nur aus Gassen bestehende Stadt ermüdend ist, hatten die Armory-Macher die Idee, die Galeriestraßen mit „Plätzen“ zu unterbrechen, auf denen großformatige Skulpturen und Plastiken untergebracht werden.

Die interessanteste darunter ist Taras Donovans transparent schimmernde Plexiglasdüne, aus Tausenden von eigentlich als Verpackungsmaterial dienenden Plastikröhren zusammengesetzt wurde. Das Werk hat die Grundfläche einen kleinen Hauses und steigt von einer Höhe von drei Zentimetern auf über drei Meter an, schimmert wie der Geist einer futuristischen Architektur, die sich gerade materialisiert, lässt aber auch an die apokalyptischen Massen an Verpackungsmüll denken, der täglich von Amazon um den Globus gejagt wird – die Arbeit ist ein erstes Monument des Online-Retail-Zeitalters, mit dem die Messe den Formen und Phänomenen der Gegenwart so nahe kommt wie selten sonst.

Armory Show. New York, auf den Piers 92 und 94, 12th Avenue und 55th Street, bis 11. März. Samstag von 10 bis 18 Uhr, Sonntag von 10 bis 16 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenArmory ShowDollarNew YorkAmazonasManhattanExpo