Toplose im Jahr 2011

Asiatische Kunst hängt die Alten Meister ab

Von Rose-Maria Gropp
 - 05:10

Was direkt auffällt im Vergleich zum Vorjahr: Kein einziger veritabler Alter Meister mehr rangiert jetzt in der Spitzengruppe. Im Jahr 2010 standen dort noch drei, nämlich ein erstaunlich teuer gewordener „Nachfolger“ Pieter Bruegels d. Ä., ein vielfiguriger Lucas Cranach d. J. und eine Landschaft Jan Brueghels d. Ä. Dafür haben sich die hochpreisigen Asiatika auf zwei Objekte verdoppelt, die beide für jeweils eine Million Euro zugeschlagen wurden (5a und 5b). Wie wenig Erfahrungswerte es bislang dafür gibt, zeigen die im Verhältnis zum Ergebnis extrem niedrigen Taxen.

Jedenfalls macht Nagel in Stuttgart mit solchen Losen sein Glück; der Umsatz des Hauses liegt bei 48 Millionen Euro. Mit zwei anders, auf je eigene Art exotischen Gemälden schreibt sich das Kölner Haus Van Ham in die Annalen ein. Dort reüssierte, einmal mehr, ein Gemälde des javanischen Malers Raden Saleh, mit starken 1,6 Millionen Euro (2). Von eigenem Reiz ist Franz Pforrs Bildchen „Nächtliche Heimkehr“, das bis auf 740.000 Euro avancierte (10). Der Käufer des kleinen Nazareners werde, so heißt es bei Van Ham, in etwa einem Jahr an die Öffentlichkeit treten; bis auf weiteres kann die Vermutung eines amerikanischen Museums als neuer Eigentümer gelten. Insgesamt setzte Van Ham 26 Millionen Euro um.

Ein Pechstein mit zwei Seiten

Der diesjährige Auktions-Vogel wurde bei Ketterer in München abgeschossen: Zum Hammerpreis von 2,9 Millionen Euro ging dort eine von Max Pechstein doppelseitig bemalte Leinwand über den Tisch (1). Ihre ursprüngliche Vorderseite - ein Aktbild mit seiner späterer Frau Charlotte Kaprolat und einem, so heißt er im Titel, Inder - machte Pechstein offenbar bald zur Rückseite, zugunsten eines prächtigen Stilllebens vor einem Spiegel, das wohl unter dem Eindruck einer Cézanne-Ausstellung bei Paul Cassirer in Berlin entstand. Der aktuelle Geschmack mag das kühne Akt-Duo wieder als Schauseite bevorzugen. Jedenfalls ließ ein im Saal bietender, unbekannter Sammler aus dem deutschsprachigen Raum internationale Konkurrenz hinter sich, was ihn mit Aufgeld 3,5 Millionen Euro gekostet hat.

Überhaupt kann Ketterer - das Haus stellte übrigens auch schon 2010 mit einem eher untypischen „Kinderköpfchen“ Kirchners aus dem Jahr 1906 das deutsche Spitzenlos bei 1,45 Millionen Euro - sehr zufrieden sein: mit einem vermeldeten Gesamtumsatz von 29 Millionen Euro, dem bislang besten Geschäftsergebnis der von München und Hamburg aus agierenden Firma.

Ein Berliner Kirchner-Rekord

Unübersehbar dominiert die Berliner Villa Grisebach die Top Ten dieses Jahres - mit allein sechs Plazierungen (2010 waren es nur zwei) -, und mit einem Erlös von 55,4 Millionen Euro konnte Bernd Schultz, der Chef der Villa, zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum den höchsten Umsatz in der Geschichte des Hauses verkünden. Gleich drei Zuschläge von einer Million und darüber trugen dazu bei, ihnen voran charakteristisch glühende „Sonnenblumen im Abendlicht“ von Nolde mit den mindestens erwarteten 1,2 Millionen Euro (3). Zwischen eben Nolde, Beckmann (5c), Kandinsky (4), Fontana (8) und Nay (9) am bemerkenswertesten sind freilich die 920.000 Euro, die für Kirchners „Violinistin“ (6) in Berlin geboten wurden - das Aufgeld eingerechnet also deutlich oberhalb der Eine-Million-Grenze -, die der Schweizer Handel dafür bezahlte.

Das ist der bisher höchste Auktionspreis für einen Kirchner der dreißiger Jahre. Das Kunsthaus Lempertz in Köln muss sich diesmal mit nur einer Position der deutschen Top Ten begnügen (2010 waren es noch fünf Plätze): Dort sitzt die prächtige Meissener Porzellan-Löwin (7) für 900.000 Euro. Für 2011 meldet Lempertz insgesamt 49,2 Millionen Euro.

Schwer einzuschätzen ist, in welchem Maße und ob überhaupt die abenteuerliche Fälscher-Affäre um Wolfgang Beltracchi und seine Bande, die mit den nie existiert habenden Sammlungen „Werner Jägers“ und „Wilhelm Knops“ - und bestimmt nicht nur unter diesen Etiketten, wie mittlerweile feststeht - flächendeckend für Aufruhr sorgte, Auswirkungen auf den deutschen Auktionsmarkt zeitigte. Wenn dem so gewesen sein sollte, dann sind diese Schatten lang und tief, und sie manifestieren sich augenscheinlich nicht an der Oberfläche der Preise im Top-Segment.

Obgleich, zum Beispiel, Pechstein zum Repertoire Beltracchis zählt - unrühmlich bekannt geworden ist der „Liegende Akt mit Katze“ à la Pechstein mit „Jägers“-Provenienz, den 2003 Lempertz für 430.000 Euro versteigerte -, kann das einem Werk von seiner Hand mit lupenreinem Pedigrée offensichtlich nichts anhaben. Eines jedoch ist sicher: Der Fälschungsskandal hat die Praktiken des gierigen (Auktions-)Handels ins Zwielicht gerissen - und damit auch solche Experten, die finanziell in Handel und Vermittlung involviert sind.

Endlich markieren die drei Werke, die sich den Rang 5 teilen, eine neue Dimension im Ranking: In Deutschland ist damit die Summe von einer Million Euro (ohne Aufgeld) als gewissermaßen Mittelfeld im Hochpreisbereich etabliert. Daraus eine Tendenz abzuleiten ist freilich verfrüht. Zu sehr hängen solche Summen von der international heiß umkämpften Angebotslage ab, genauso wie von der Anzahl finanzkräftiger Interessenten, die sich gegenseitig in den Versteigerungen hochtreiben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria (rmg)
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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