Kunstmarkt
Ausstellung

Vierzehn Aquarelle für das Mädchen Hana

Von Felicitas Rhan
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Die Geschichte klingt wie aus einem Groschenroman: Junger Künstler zieht mittellos nach Düsseldorf und wird von kunstbegeistertem Ehepaar unterstützt. Künstler und Ehefrau verlieben sich. Der Ehemann ist damit einverstanden, liebt er doch schon seit längerem die Schwester seiner Gattin. Am Ende einigt man sich und verbleibt freundschaftlich.

Dass Otto Dix’ Leben im Ganzen so gar nicht einer heiteren Liebesgeschichte glich, beweisen nicht nur seine veristischen Kriegsdarstellungen, in denen er seine Erfahrungen an der Front im Ersten Weltkrieg verarbeitete, sondern auch die frühen Geldsorgen. Dennoch war das beschriebene Liebesquartett Teil seines Lebens (später sollten noch eine Zweitfrau samt Tochter in Dresden hinzukommen): Otto Dix lernte Martha Koch 1921 als Ehefrau von Dr.Hans Koch kennen, einem angesehenen Arzt und Kunstsammler. Zur Familie Koch gehörten außerdem Sohn Martin, genannt Muggeli, die zwei Jahre jüngere Tochter Hana und besagte Schwester der Ehefrau, Maria. Nach der Trennung der Eltern lebten die beiden Kinder bei Vater und Tante, die zur Stiefmutter avancierte, in Düsseldorf. Martha und Otto Dix, seit 1923 verheiratet, wohnten erst in Dresden und zogen zwei Jahre später nach Berlin um.

Im Rachen des riesigen Walfischs

Der Liebesreigen des Malers spielt eine Rolle, weil es ein bislang unbekanntes Bilderbuch gibt, das Dix um 1925 für die damals fünfjährige Hana Koch schuf. Jetzt wird es zum ersten Mal in der Düsseldorfer Galerie Remmert und Barth gezeigt. Bisher waren nur fünf Bilderbücher von Dix bekannt: Hanas Bruder Martin widmete er 1922 das erste; später malte er noch jeweils eines für seine leiblichen Kinder Nelly, Ursus, Jan und Bettina.Von Hanas Bilderbuch wussten die Galeristen zwar seit den achtziger Jahren; damals hatte ihnen Dix’ Stieftochter eine Seite aus ihrem Buch gezeigt. Aber erst nach Hanas Tod gab ihre Tochter Olga die Erlaubnis, es auszustellen.

Die vierzehn farbigen großformatigen Aquarelle zeigen teils biblische Themen, teils Szenen aus Legenden und Märchen. Auf einem der Blätter kämpft der schmächtige David mit dem überdimensionalen, die ganze Bildfläche einnehmenden Goliath. Auf einer anderen Seite predigt der heilige Antonius seelenruhig einer bunten Vielfalt dichtgedrängter Fische. Die Bremer Stadtmusikanten wirken auf ihrem Blatt so bedrohlich und monströs, wie sie wohl den Räubern in der Hütte vorkommen mussten. Von Jonas ist nur noch der Unterleib zu erkennen, so weit steckt er bereits im Rachen des riesigen Walfischs. Das Titelblatt ist eine farbintensive Komposition aus blondgelockten drallen Putten, die ein riesiges Füllhorn halten, aus dem sich die Zeile „Bilderbuch für Hana“ ergießt. Auf der zweiten Seite sieht man die vier Familienmitglieder – Hans, Maria, Martin und Hana – gekleidet in altertümliche Gewänder als „Ritter Hans an Hohen Randen und seine Familie hoch zu Roß“; im Hintergrund ist Schloss Randegg bei Singen dargestellt, dass Koch 1923 auf Anraten seines Schwiegervaters kaufte.

Den Galeristen Herbert Remmert und Peter Barth ist sehr daran gelegen, dass die vierzehn Aquarelle zusammenbleiben – anders als die übrigen Bilderbücher, deren Einzelblätter längst in alle Welt zerstreut sind. Für 1,5 Millionen Euro soll Hanas Bilderbuch den Besitzer wechseln; Remmert erzählt, dass man mit einem deutschen Museum in Verhandlungen steht.

Passend zu den lebensvollen Darstellungen aus dem Kinderbuch hängen in der Galerie 21 amüsante Tierzeichnungen von Otto Dix, die er mit Bleistift auf die Rückseiten von Verschreibungsformularen der Düsseldorfer Kurklinik „Helios“ zeichnete, die in der Praxis von Dr. Koch lagen. Teils in Kinderschrift, teils wohl in Dix’ Handschrift befinden sich auf den kleinen Blättern auch die Namen der Tiere – von Löwe, Boxer, Hyäne bis zu Riesenschlange, Krokodiltausendfuß und Totenkopfgeier (Preise für die 21 mal 13 Zentimeter großen Blätter von 1200 bis 7000 Euro). Ebenfalls aus dem Nachlass von Hana Koch, genauso marktfrisch wie das Bilderbuch und die Tiere, kommen drei Aquarelle: „Alte Kokotte“ von 1926 (mehr als 300 000 Euro), „Alte Frau“ von 1922 (unter 300 000 Euro) und „Nächtens“ von 1922/23 (bereits verkauft), außerdem ein Porträt, das Otto Dix 1920 von seiner Mutter zeichnete. Der Star jedoch ist Hanas Bilderbuch.

Galerie Remmert und Barth: Otto Dix. Bilderbuch für Hana und andere Trouvaillen, Düsseldorf, noch bis Mitte Januar 2017.

Der Katalog kostet 20 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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