Kunstmarkt
Ausstellung

Vorbildlicher Schritt in die richtige Richtung

Von Stefan Koldehoff/Lausanne
© Metropolitan Museum , F.A.Z.

Während das einstige Privatmuseum der Sammlung Emil Georg Bührle an der Zollikerstraße geschlossen ist und ihre Werke auf den Umzug in den Anbau ans Kunsthaus Zürich warten, reisen Frans Hals und Ingres, Courbet und Cézanne, Manet und Monet, Gauguin und Van Gogh, Toulouse-Lautrec und Modigliani um die Welt. Manche bereichern Einzelausstellungen in Treviso, Bilbao, Paris und Berlin. Sieben Van Goghs aus der Bührle-Stiftung und Bührle-Privatsammlung sind zurzeit im südfranzösischen Arles zu sehen. Der Hauptteil der Gemälde reist nach dem Auftakt in Köln im kommenden Februar in drei japanische Museen und macht vorher ein halbes Jahr lang Station im Museum Fondation de l’Hermitage in Lausanne.

Während man die Bührle-Bilder kennt, weil sie seit Jahrzehnten in Zürich und anderswo öffentlich zu sehen waren, lohnt diesmal der Katalog die Reise an den Genfer See: Er enthält zum ersten Mal auch Provenienzangaben zu jenen Werken, die nach Bührles Tod nicht Teil der von seiner Familie gegründeten Stiftung wurden, sondern in Privatbesitz blieben oder wieder verkauft wurden. Zum ersten Mal ist damit eine Einschätzung dessen möglich, was die „Sammlung Bührle“ als eine der nach wie vor bedeutendsten privaten Kunstsammlungen der Welt tatsächlich alles umfasst.

Aus dem Besitz von Paul Rosenberg

Was der Unternehmer Bührle von 1936 an, vor allem aber von 1951 bis zu seinem Tod im Jahr 1956 zusammengetragen hat, galt immer schon als spektakulär – war aber auch nie unumstritten. Der gebürtige Pforzheimer erwarb sein Vermögen auch dadurch, dass er die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon Waffen produzieren ließ. Ein Hauptkunde im Zweiten Weltkrieg war die Deutsche Wehrmacht. Mit Hilfe von Lizenzen und Bauplänen produzierten aber auch die Kriegsgegner Deutschlands in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien Oerlikon-Geschütze. Die neunköpfige, international besetzte „Unabhängige Expertenkommission“ (UEK), die bis 2002 die Rolle der Schweiz während des Kriegs untersuchte, kam in ihrem Bericht zu dem Ergebnis, dass Bührles Lieferungen von Flugabwehrkanonen auf Anforderung der Schweizer Regierung an die faschistischen Staaten Deutschland und Italien „nicht kriegsentscheidend und nicht kriegsverlängernd“ gewesen seien. Dennoch profitierte der Unternehmer von diesen Kollaborationen und vom Geld der Nationalsozialisten. Kaum eine Erwähnung der Sammlung Bührle kommt ohne diesen Hinweis aus.

Dreizehn der Kunstwerke, die Bührle vom so erwirtschafteten Vermögen vor allem von 1951 an kaufte, erwiesen sich als NS-Raubkunst, die der Unternehmer nach entsprechenden Urteilen restituieren musste und danach in neun Fällen neu erwarb. Viele der Bilder hatten dem ausgeplünderten und ins Exil getriebenen Kunsthändler Paul Rosenberg gehört. Das Schweizer Bundesgericht kam 1951 zu dem Schluss, dass Bührle beim ursprünglichen Erwerb gutgläubig gehandelt und vom systematischen Kunstraub der Deutschen in Frankreich nichts gewusst habe. Der Makel aber blieb. 167 Gemälde und Pastelle übergaben die Witwe, die Tochter und der Sohn des Sammlers 1960 einer neu gegründeten Stiftung, die später noch erweitert wurde. Zahlreiche weitere Werke blieben in Familienbesitz, andere wurden verkauft. Noch im Mai 1993 verkaufte Dieter Bührle über den New Yorker Kunsthändler Stephen Mazoh Van Goghs „Weizenfeld mit Zypressen“ für damals sensationelle 57 Millionen Dollar an den Verleger Walter H. Annenberg, der es dem Metropolitan Museum of Art in New York schenkte.

Als vor fünfzehn Jahren der Kunsthistoriker Lukas Gloor Direktor der „Stiftung Sammlung E. G. Bührle“ wurde, begann er sehr schnell mit der Provenienzrecherche zu den Werken im Stiftungsbesitz. Emil Georg Bührle selbst hatte – nach der Erfahrung der Raubkunstprozesse – bereits 1948 seinen Privatsekretär Walter Drack damit beauftragt, alle verfügbaren Informationen zu den Werken der Sammlung zusammenzutragen. Viele Kunsthändler verweigerten aber schon damals Informationen. Gloor hat nun zu den Werken der Stiftung ausführliche Provenienzinformationen, die regelmäßig aktualisiert werden, auf die Website der Stiftung gestellt. Unter www.buehrle.ch gibt es auch ein eigenes Kapitel zum Thema Raubkunst. Im Jahr 2010 waren die Bührle-Provenienzen auch Thema einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich.

Verhältnis zum Thema NS-Raubkunstforschung

Bislang bezogen sich alle Angaben aber ausschließlich auf die Werke in der Stiftung Bührle. Der Katalog zur Ausstellung in Lausanne enthält nun erstmals und auf 21 Seiten ein Inventar der gesamten Sammlung. Geordnet nach Ankaufsjahren und beginnend mit dem Erwerb zweier Heckel-Aquarelle aus einer Brücke-Ausstellung in Magdeburg 1920, führt die Liste insgesamt 633 Arbeiten auf. Sie beschreibt über seine Ankäufe einen Sammler, der beinahe täglich Kunst kaufte, ohne dass dahinter unmittelbar eine Systematik zu erkennen wäre. Der Katalog verzeichnet Ankaufsdaten und -preise und die Verkäufer, die in einem Anhang noch einmal erläutert werden. Und er beschreibt den Status der Werke bei Gründung der BührleStiftung 1960: Stiftungsbestand, Privatbesitz oder bereits vorher wieder verkauft. Abbildungen der Werke fehlen leider. Weil aber die jeweiligen Werkverzeichnisse der Künstler genannt werden, lassen sich die Arbeiten trotzdem identifizieren.

Angesichts der wohl bevorstehenden Übernahme von Hunderten Kunstwerken aus dem ehemaligen Besitz des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt durch das Kunstmuseum Bern diskutieren die Schweizer Kunsthäuser und der mächtige Kunsthandel des Landes zurzeit sehr kontrovers über ihr Verhältnis zum Thema NS-Raubkunstforschung. Die Sammlung Bührle gibt in ihrem Katalog zur Ausstellung in Lausanne leise eine ganz andere Antwort: Sie veröffentlicht, was einmal privates Eigentum war oder noch ist. Mit ihrem Einverständnis dazu reagiert die Familie des Sammlers vor dem Umzug ihres Stiftungsbestands ins öffentliche Kunsthaus am Zürcher Heimplatz sicher auch auf eine lange bestehende Forderung der Provenienzforschung. Noch sind die Informationen, die sie veröffentlichen ließ, nur rudimentär. Verpflichtet wäre sie schon allein zu diesem Schritt trotzdem nicht gewesen.

Quelle: F.A.Z.
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