Auktionen bei Grisebach

In Zeiten für Kenner

Von Rose-Maria Gropp
 - 10:00
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Aller Augen richten sich auf die Schöne der Nacht: Es ist Max Beckmanns „Weiblicher Kopf in Blau und Grau – die Ägypterin“; er malte sie 1942 im Amsterdamer Exil (F.A.Z. vom 10.Februar). In einem ungedruckten Tagebucheintrag hat Beckmann selbst die Unbekannte auch als „die Pythia“ bezeichnet, jungfräuliche Priesterin des Orakels von Delphi. Jetzt kommt sie aus dem Nachlass von Erhard Göpel, versehen mit einer Schätzung von 1,5 bis zwei Millionen Euro. Damit führt das kleine Bildnis, mit weitem Abstand, bei Grisebach in Berlin nicht nur die vierzig Losnummern der „Ausgewählten Werke“ am 31.Mai an, sondern die gesamte Auktions-Suite vom 30.Mai bis zum 2.Juni. In sieben Katalogen werden 1560 Lose angeboten mit einer Gesamterwartung von 18,4 bis 25,5 Millionen Euro.

Dass die Werke im Spitzenpreisbereich derzeit knapp sind, gilt nicht nur für die New Yorker Verhältnisse. Dafür gibt es attraktive Angebote, die auf Kennerschaft bauen. Als Losnummer 2 firmiert bei den „Ausgewählten Werken“ Max Liebermanns Pastell auf Papier aus dem Jahr 1900, der winterliche „Blick aus dem Wohnzimmerfenster des Künstlers auf die Straße Unter den Linden“. Das große Blatt ist schicksalhaft mit der Sammlung des Hamburger Getreideimporteurs HenryP. Newman verbunden, der im „Deutschen Reich“ eine wichtige Rolle spielte (Taxe 90.000/120.000 Euro). Käthe Kollwitz’ berührende Kreidezeichnung „Selbstbildnis mit geschlossenen Augen, nach hinten geneigt“ von 1909 verblieb seit ihrem Erwerb 1925 in der Galerie Ferdinand Möller laut Katalog bisher in Familienbesitz (80.000/120.000).

Was die Taxen angeht, folgen auf Beckmanns „Ägypterin“ Gabriele Münters „Kohlgrubenstraße“ in Murnau von 1908 (350.000/450.000), Paula Modersohn-Beckers verschattetes „Mädchen in Dämmerung mit karierter Bluse“ um 1904 (300.000/400.000) und Karl Hofers verträumte „Putzmacherin“ von 1922, die, ursprünglich in der Berliner Galerie Alfred Flechtheim, von Friedrich Hartlaub 1928 in der Mannheimer Kunsthalle in der großen Hofer-Schau ausgestellt war und einst in die Sammlung des Krefelder Industriellen Hermann Lange gehörte (280.000/350.000).

Hoch im Kurs steht eine „Dame mit roter Baskenmütze“

Viele Provenienzen erzählen nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern Historie. Spannend kann es entsprechend bei Gert Heinrich Wollheims „Porträt Heinrich George“ von 1928 werden. Wollheim schiebt den bulligen Leib des Schauspielers, der den Anzug zu sprengen scheint, ins Bild. Otto Dix malte George dann 1932, heute im Kunstmuseum Stuttgart; Beckmann 1935 das „Familienbild Heinrich George“, heute in der Berliner Nationalgalerie. Zuerst im Besitz von Georges Frau, der Schauspielerin Berta Drews, wird das eindrückliche Gemälde, laut Katalog, von einer Berliner Privatsammlung eingeliefert (80.000/120.000).

In der Auktion mit „Moderner Kunst“ am 1.Juni stehen gut 230 Lose an, zu vier- und fünfstelligen Preisen. Spitzenstück ist eine „Dame mit roter Baskenmütze“, die Lotte Laserstein um 1931 in Ölkreide auf Papier festhielt. Das marktfrische Blatt der zurzeit mit ihren Gemälden hoch im Kurs stehenden Künstlerin ist auf starke 50.000 bis 70.000 Euro taxiert. Auffällig ist auch Liebermanns stilistisch etwas befremdliches, kleines und in Öl auf Holz gemaltes „Bildnis der Genia Levine“ von 1924, die mit dem Bankier und Sammler Hans Fürstenberg verheiratet war, der vor den Nationalsozialisten 1936 aus Deutschland fliehen musste; es kommt aus einer amerikanischen Privatsammlung (25.000/35.000).

Von Jeanne Mammen gibt es die genialisch hingeworfene Federzeichnung zweier Frauen, „Reiterinnen“ um 1931, und von Karl Hofer die bezaubernde Bleistiftzeichnung „Tullio“ (8000/12.000); zur Erinnerung: Hofers Gemälde „Der Seminarist“ von 1925, dem sie als Vorlage galt, wurde im Mai 2013 bei Grisebach für 230.000 Euro (200.000/ 300.000) zugeschlagen.

Aufwertung der Zeitgenossen

Die „Zeitgenössische Kunst“ tischt am 1.Juni richtig auf, opulent bestückt mit knapp 190 Losen. Anselm Kiefers „Für Velimir Chlebnikow“ aus einer rheinischen Privatsammlung dominiert dort, mit der Schätzung auf 700.000 bis eine Million Euro. Das Großformat von 2004/05 hätte ebenso gut in die „Ausgewählten Werke“ gepasst. Genau wie das große Nagelbild „Interferenzen“ von 1985 des weiterhin im Auktionsmarkt begehrten Günther Uecker (500.000/700.000) oder der mysteriöse C-Print „Freischwimmer21“ aus dem Jahr 2004 von Wolfgang Tillmans, der seit seiner Erwerbung bei der Galerie Buchholz 2005 in Privathand blieb (250.000/350.000). Die Plazierung solcher Werke demonstriert die Aufwertung der Zeitgenossen bei Grisebach.

Ein ganzer Satz kleinerer Arbeiten von Gerhard Richter findet sich da auch, angeführt vom rund zwei mal zwei Meter messenden „Vorhang“ (100.000/150.000): Richters digitaler Tintenstrahldruck wurde anlässlich seines achtzigsten Geburtstags 2012 von den Freunden der Berliner Nationalgalerie in 25 Exemplaren aufgelegt.

Beherrschend wirken im Ganzen die sechziger bis achtziger Jahre, darunter auch eine frühe 42-teilige Arbeit in Tinte auf Papier „Konstruktionen“ von Hanne Darboven (50.000/70.000). Anrührend, zumal angesichts der Gegenwart, wirkt ein Exemplar (von 5) der grade mal 82 Zentimeter hohen Bronze, die Rainer Fetting 1996 von „Willy Brandt“ schuf (30.000/40.000).

Hunde dienen mehrfach zum Motiv

Allem voran geht, wie üblich, am 30. Mai, die Kunst des 19. Jahrhunderts mit 110 Losen, in gewohnter Anmut. Caspar David Friedrichs durchkomponierte, sanft über Bleistift aquarellierte „Mittelgebirgslandschaft“, um 1828, sollte für die erwarteten 200.000 bis 300.000 Euro gut sein; dem Blatt wünscht man, dass es wohlverwahrt vor ständigem Licht bleiben darf. Richtig rasant ist Adolph Menzels Kreidezeichnung „Schlittschuhläufer“ von 1855/56, beziffert mit 250.000 bis 350.000 Euro; Pastelle Menzels dürfen als rar gelten.

Carl Blechen hat einen „Schornsteinfegerjungen“ in drei Studien in Aquarell und Feder auf braunem Papier festgehalten; das beinah surreale Blatt verlangt 20.000 bis 25.000 Euro. Und Th.Th.Heine setzte den winzigen Mops „Siegfried“ 1921 auf einen riesigen Plüschsessel (20.000/30.000). Das umwerfende Ölgemälde auf Holz wird so sicher einen Liebhaber finden wie Wilhelm Trübners „Hundeportrait“ eines jungen Mischlings (3000/4000).

Gut neunzig Lose bietet die „Orangerie“ am 31.Mai. Durchs Angebot zieht sich das Design der Fünfziger, angefangen bei Dieter Rams samt seinen Entwürfen für die BraunAG. Es gibt allerhand Memorabilia aus Adelsbesitz, wie die Brosche in Tortenform, die der Prinzgemahl Albert seiner königlichen Victoria zum zweiten Geburtstag der Tochter Victoria 1842 dedizierte (12.000/15.000). Manchmal fragt man sich schon: Wer trennt sich denn von einer so charmanten Petitesse? Kurios ist ein Konsoltisch mit Porzellanplatte für Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz – das, wie es heißt, „größte Porzellanmöbel des Barocks, einst im Mannheimer Schloss“ (30.000/40.000). Kann das bitte wieder dorthin zurück?

Es gibt noch Fotografie am 30.Mai – dabei im Angebot, wie Grisebach ankündigt, „die teuerste, jemals auf dem deutschen Auktionsmarkt angebotene“ Fotoarbeit, nämlich ein unbetiteltes Fotogramm von László Moholy-Nagy aus seiner Zeit am Bauhaus in Weimar, ausgestattet mit einer Ansage von 300.000 bis 500.000 Euro – und am 2.Juni die Fundgrube „First Floor“, mit Schätzungen bis 3000 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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