Galerie-Ausstellung

Was heute gut aussieht, sieht morgen vielleicht nicht mehr gut aus

Von Georg Imdahl
 - 10:08

Michel Majerus war ein Draufgänger. Ein Könner, der leichthändig mit der eigenen Virtuosität spielte, ohne dass diese ihm im Weg gestanden hätte. Er favorisierte ein Prinzip der „maximalen Raumausnutzung“ in einer Wandmalerei, die bloß monumental zu nennen verharmlosend wäre. In Erinnerung bleibt sein Auftritt bei der Ausstellung „German Open“ im Jahr 1999: Die bunt-fröhliche Schau wurde damals als deutsche Antwort auf die britische Schockausstellung „Sensation“ im Hamburger Bahnhof in Berlin aufgenommen. Was bei den Londonern rebellisch und krass aufgemacht war, kam auf deutscher Seite wie ein Kindergeburtstag rüber. Der Luxemburger Michel Majerus (1967 bis 2002) setzte der Schau die Krone auf, indem er auf der riesigen Stirnwand des Kunstmuseums Wolfsburg in dicken Lettern sein Motto prangen ließ: „What looks good today, may not look good tomorrow. Now’s the time“. Also – wann, wenn nicht jetzt?

Die Entleerung von Sinn war immer gewollt. Sie zielte auf die Überfrachtung mit Interpretation und Bedeutungshuberei – wie in einem Riesenbild aus dem Jahr 1997: „dieser einzelfall an konstruktion ist insofern ein schlüsselbild, als er das irrationale, nämlich der gewohnten räumlichen rationalität widersprechende raumgefüge der nachfolgenden abstrakten bilder fast didaktisch ankündigt.“ Es macht sich noch immer gut, was die Berliner Galerie Neugerriemschneider aus den Jahren 1997 bis 2002 da zusammenführt. Eine Besucherin bezeichnet es flapsig als „Jungenskunst“; an der Bemerkung ist etwas dran. Die acht Großformate sind prahlerisch, lautsprecherisch und verschwenderisch. Als Majerus auftrumpfte und die Trivialkultur der Gegenwart feierte – mit Tron, den Space Invaders und den Simpsons, mit Pathfinder, Super Mario und Zitaten des Musiksenders Viva –, da schien es all die Krisen heutiger Tage noch nicht zu geben: Bankenkrise, Flüchtlingskrise, Populismus, Demokratieverlust. Dreister Optimismus lärmt in einem gigantischen Turnschuh, der dem Betrachter die Sohle zeigt. Wie Spielgeld setzte Majerus die Insignien von Konsum und Kapitalismus in seinen Aluminium-Bildern ein, auf die sich die Auswahl in der Galerie beschränkt. Sie sind digital gedruckt, lackiert, über Eck und auf dem Fußboden ausgebreitet.

Nun sind Sportschuhe fraglos noch immer eine enorm wichtige Angelegenheit im Look des globalen Alltags, aus heutiger Sicht aber wirken die Werke schon ein bisschen nostalgisch. Majerus hatte die Appropriation Art der achtziger Jahre noch einmal konsequent für seine eigenen Bildwelten ausgeschöpft und damit den Diskurs der Malerei – vor allem der deutschen – im jungen Millennium als Schlüsselfigur geprägt. Wie kein anderer seiner Generation verband er in seinem Medium eine leidenschaftliche Aneignung moderner Malerei mit gezielter Banalität des Sujets.

In den Arbeiten bei Neugerriemschneider mixt Majerus zwei Avantgarden der sechziger Jahre, die sich eigentlich wenig zu sagen hatten: Pop und Minimal. In seinem eigenen Sprachgebrauch hatte Majerus gern auch mal auf der Leinwand „gerichtert“, zog Farbspuren also wie Gerhard Richter mit dem Rakel, oder er pflegte die „Ab-Ex“-Geste des Abstrakten Expressionismus New Yorker Prägung. Bei seinen jetzt versammelten Werken hingegen bleiben die Oberflächen glatt und anonym – eben cool. (Preise bis zu 500 000 Euro)

Quelle: F.A.Z.
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