Kölner Ergebnisse I

Wenn die Schätzungen auf der Strecke bleiben

Von Felicitas Rhan
 - 10:01

Ernst Ludwig Kirchners melancholisch dreinblickendes „Mädchen im Südwester“ überstrahlte die gesamte Auktion Moderner Kunst bei Lempertz in Köln. Das Spitzenlos, 1912 auf Fehmarn entstanden, reüssierte bei seiner unteren Taxe von 1,3 Millionen Euro (bis 1,5 Millionen). Kirchners fünf Jahre später entstandene „Häuser im Schnee“ (Taxe 500 000/600 000 Euro) wurden nur unter Vorbehalt zugeschlagen, die Nachverhandlungen laufen - ebenso wie für Max Liebermanns Gemälde „Konzert in der Oper“ von 1919 (250 000/300 000). Zum zweitteuersten Werk wurde George Grosz’ farbfrisches Aquarell „Soirée“ von 1922/23 mit 360 000 Euro (250 000/350 000). Unverkauft blieben Auguste Rodins 58 Zentimeter hohe Bronze „Le Minotaure, version à base carrée (faune et nymphe)“ (100 000/120 000) und zwei Arbeiten von Emil Nolde, das Ölgemälde „Der Jäger“ von 1918 (500 000/600 000) und die abstrahierte „Marschlandschaft mit Strohdiemen“, ein Aquarell auf Japanpapier (80 000/100 000).

Am folgenden Tag kamen die Zeitgenossen zum Aufruf. Der Zuschlag bei 550 000 Euro (300 000/500 000) bedeutet einen deutschen Rekordpreis für Josef Albers mit einer „Homage to the Square“ von 1962. Zwei rötliche Kissenbilder, „Farbraumkörper I und II“ von Gotthard Graubner erzielten 470 000 und 340 000 Euro (Taxe je 250 000/350 000). Und Fritz Koenigs 4,5 Meter hohe Bronze „Große Flora D“ von 1924, die bis vor kurzem in der Dortmunder Innenstadt aufgestellt war, reüssierte bei 460 000 Euro, deutlich über ihrer Taxe von 100 000 bis 150 000 Euro. Das Toplos der Veranstaltung, ein Paar Nagelungen von Günter Uecker, „Spirale I und II“ von 1997, wurde unter Vorbehalt für 1,3 Millionen Euro (700 000/1 Million) zugeschlagen, auch hier wird nachverhandelt. Zusammen setzten Moderne und Gegenwartskunst 12,2 Millionen Euro um, erwartet waren dreizehn Millionen.

Übertroffene Erwartungen, unverkaufte Spitzenlose

Bei der Alten Kunst und dem 19. Jahrhundert wurden von den aufgerufenen 332 Losen zwar weniger als die Hälfte vermittelt, der Erlös lag dennoch bei 7,5 Millionen Euro, gegenüber anvisierten 5,7 Millionen. Teuerstes Werk wurde, völlig überraschend, die Ölstudie „Kopf eines bärtigen Mannes“, von der Hand eines unbekannten flämischen Meisters des 17. Jahrhunderts ausgewiesen und auf 5000 bis 6000 Euro taxiert. Die Bieter spekulierten offenbar auf eine prominente Zuschreibung: Denn der Hammer fiel erst bei 315 000 Euro. Die 29 mal 21 Zentimeter große Holztafel in schlechtem Zustand, weil verschmutzt und gebrochen, war von einem rheinischen Privatsammler eingeliefert, der sie 1975 bei Lempertz für 2000 Mark erworben hatte; Käufer sind nun die Kunsthändler Tomasso Brothers aus England.

Auch eine „Passion Christi“ eines niederrheinischen Meisters, um 1490/1500, übertraf mit 260 000 Euro ihre Erwartungen von 70 000 bis 80 000 Euro hoch und geht in Genfer Handel. Dafür blieben die Spitzenlose unverkauft: Die „Weite Landschaft mit Windmühlen“ von Jan Brueghel d. Ä. (260 000/300 000) und eine „Madonna mit Kind“, Juan de Flandes zugeschrieben (120 000/140 000), fanden keine Abnehmer. Ebenso erging es dem Star in der Abteilung 19. Jahrhundert, Ludwig Richters „Ansicht von Bajae in der Bucht von Neapel“ (240 000/260 000), und der schönen „Junge Italienerin“ von Franz Xaver Winterhalter (45 000/60 000).

Die untere Taxe schaffte Friedrich Nerlys violett leuchtende „Winteransicht auf den Canal Grande und Santa Maria della Salute“ mit einem Zuschlag von 180 000 Euro (bis 220 000), während die „Sommerlandschaft mit einem Weg und Gewässer“ von Camille Corot mit 200 000 Euro (150 000/180 000) ihre Obertaxe etwas überstieg; sie geht als teuerstes Los des 19. Jahrhunderts nach China. Bei den Zeichnungen war einem Mailänder Sammler die zehn mal acht Zentimeter kleine Rötelzeichnung „Junger Mann mit Helm“ eines Florentiner Meisters um 1600 am Ende das Hundertfache ihrer Taxe wert: Mit Aufgeld bezahlte der Käufer 80 600 Euro; die Schätzung lag bei 800 bis 900 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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