Kunstmarkt
Symposium und Sachbuch

Wie Hitler sich als Kunstmäzen aufführte

Von Georg Imdahl

Zu den besonders üblen Bilddokumenten der nationalsozialistischen Kulturpolitik zählen einige Fotografien von Hitler samt Entourage beim Besuch der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ im Juli 1937. Die Feme-Schau wurde in den Räumen des Archäologischen Instituts ausgerichtet – nicht etwa, wie man immer noch in einem Reflex meinen könnte, im heutigen Haus der Kunst. Dort war tags zuvor, am 18. Juli 1937, die „Große Deutsche Kunstausstellung“ eröffnet worden und damit zugleich auch jener Monumentalbau, der nach einem Entwurf des Architekten Paul Ludwig Troost eigens für die Propaganda-Schau erbaut worden war. Auch bei dieser feierlichen Eröffnung erschien Hitler.

Das „Haus der Deutschen Kunst“, wie es ursprünglich hieß, war das Prestigeobjekt der Nationalsozialisten auf dem Gebiet der Kultur schlechthin. Es ersetzte den 1931 abgebrannten Glaspalast, in dem populäre, große Künstlerausstellungen stattgefunden hatten. Um die anstehende Generalsanierung des Hauses der Kunst ist zuletzt eine Debatte entbrannt, namentlich, wie berichtet, um den Plan des Büros David Chipperfield, die Bäume vor der Säulenreihe zu entfernen und diese damit wieder voll sichtbar zu machen. Unterdessen befasst sich am kommenden Dienstag ein Symposium unter anderem mit dem Archiv des Hauses, das sich als außerordentlich ergiebig erwiesen hat, um die ideologische, aber auch die ökonomische Bedeutung der Ausstellungen detaillierter verstehen zu können.

Die Parteispitze als Käuferklientel

Acht Ausgaben erlebte jene „Große Deutsche Kunstausstellung“ bis 1944 – nach Hitlers Verlangen hätte sogar noch 1945 eine solche stattfinden sollen –, seit 1938 wurden sie akribisch in Kontenbüchern dokumentiert. Diese lagerten, wie auch Korrespondenzen und Marginalien aller Art, jahrzehntelang unbemerkt im Keller, bis sie 2004 entdeckt wurden. Als Leiterin des Archivs hat Sabine Brantl in den vergangenen Jahren das „Haus der Kunst als Wirtschaftsunternehmen“ erforscht und, in Zusammenarbeit mit dem Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte und dem Deutschen Historischen Museum Berlin, nicht nur sämtliche teilnehmenden Künstler und ihre Sujets und Gattungen in einem Online-Auftritt aufgearbeitet: Bekannt und veröffentlicht sind auch Preise und Käufer, soweit sie sich zuordnen ließen.

Der Zulauf von 7000 Bewerbungen von 1937 bis 1944 lässt sich demnach nicht nur durch die seit Ausbruch des Kriegs ohnehin immer seltener gewordenen Ausstellungsmöglichkeiten für freie Künstler in Deutschland erklären. Eine Teilnahme an der „Großen Kunstausstellung“ versprach Verkäufe. Von 12 550 ausgestellten Skulpturen, Gemälden und Graphiken fanden denn auch rund 7000 Werke ihre Abnehmer, die Erlöse beliefen sich auf insgesamt neunzehn Millionen Reichsmark. Als hauptsächliche Käuferklientel weisen die Kontenbücher die Parteispitze aus: Allein dreizehn Millionen Reichsmark entfallen auf Minister, Gauleiter, Oberbürgermeister; mehr als die Hälfte davon – mit 6,8 Millionen Reichsmark – gehen auf Hitler persönlich zurück, der 1324 Werke erwarb. Der „Führer“ ging als „mäzenatisches“ Beispiel voran und machte als Sammler der regimetreuen Kunst auch parteiintern Politik. Parteibonzen wie Goebbels, Bormann, Göring, Himmler folgten mit Käufen im Gesamtwert von 1,63 Millionen bis 128 000 Reichsmark. Albert Speer, Architekt und seit 1942 Rüstungsminister, erwarb eine marmorne Aktgruppe „Francesca da Rimini“ von Josef Thorak für 200 000 Reichsmark, die zu den teuersten Werken überhaupt zählte.

„Hitler kaufte von jedem etwas, Stillleben mit Erdbeeren, Landschaften, Aktdarstellungen. Vieles hatte einen betulichen Touch“, sagt Sabine Brantl über die Erwerbungen Hitlers. Nur weniges fand indessen Verwendung wie das 1937 ausgestellte Triptychon „Die Vier Elemente“ von Hitlers Lieblingsmaler Adolf Ziegler, das den Führerbau schmücken sollte. Der Großteil der Käufe in den unteren Preissegmenten landete im Depot.

Völlig isoliert vom internationalen Handel

Befremdliche Fotos sind auch von dem oberstem Juror und Zensor überliefert, auf denen Hitler die auf dem Boden ausgebreiteten Bilder mustert. „Hitler hat sich immer alles vorher angesehen“, so Brantl. Als Kunstrichter duldete er neben sich allenfalls seinen Leibfotografen Heinrich Hoffmann, einen ausgewiesenen PR-Manager seiner Zeit, der mit der Verbreitung von Postkarten und Kunstdrucken ein Vermögen verdiente. Noch zu Zeiten akuter Papierknappheit im Jahr 1944 wurde der Katalog der „Großen Kunstausstellung“ in einer Auflage von 100 000 Stück gedruckt.

Die Künstler bestimmten ihre Preise selbst, mussten sie allerdings von einem „Beauftragten des Führers“ genehmigen lassen und auf Geheiß nach unten korrigieren. Jene neunzig Prozent, die an die Künstler flossen, muten heute ungewöhnlich großzügig an, bewegten sich aber, so Brantl, im damals üblichen Rahmen. Mit der Vielzahl an Verkäufen habe sich ein Markt für deutsche Kunst im „Dritten Reich“ etabliert, doch, gibt die Archivarin zu bedenken, sei Deutschland ansonsten „vom internationalen Handel völlig isoliert“ gewesen: „Die jüdischen Auktionshäuser und Galerien waren liquidiert, verkauft werden konnte nur Kunst, die durch das NS-Regime abgesegnet war.“ Schließlich aber galt auch diese Kunst als wertbeständig; je länger der Krieg dauerte, desto höher stiegen die Preise. Auch Privatleute investierten deshalb in Bilder: „1943 wollte niemand mehr sein Geld in Schatzbriefen anlegen, es gab auch immer weniger Güter zu kaufen – aber Kunst war ja da.“

Auch der Publikumszulauf blieb nach Ausbruch des Kriegs 1939 mit jährlich rund 600 000 Besuchern stabil – wobei nicht alle freiwillig kamen. Die Malerin Maria Lassnig erinnerte sich später, wie sie mit einer Exkursion unter der Devise „Kraft durch Freude“ von Wien aus „nach München hinwaggoniert“ wurde.

Ein persönlicher Günstling Hitlers

Es überrascht nicht wirklich, dass mancher Teilnehmer der „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ sein öffentliches Wirken nach 1945 fortsetzte – nicht nur in prominenten Fällen wie dem des Bildhauers Arno Breker, der noch in den achtziger Jahren repräsentative – private – Aufträge erhielt. Brantl nennt den Maler der Reichsautobahnen, Carl Theodor Protzen, der 1949 die „Ausstellungsleitung e.V.“ im Haus der Kunst mitbegründete und sich sogleich auch in die Teilnehmerliste der „Großen Münchner Kunstausstellung“ eintrug. Der Münchner Akademieprofessor für Monumentalmalerei Hermann Kaspar, der maßgeblich an den Festzügen zu „2000 Jahre deutscher Kultur“ beteiligt war, wurde 1945 aus dem Dienst entlassen, 1957 aber gegen Widerstände wieder eingestellt; an seiner Person entzündeten sich 1968 heftige Studentenproteste.

Sie finde es noch immer „unglaublich“, so Brantl, „dass man eine Person, die mitten im Zentrum gestanden hatte, wieder einstellte. Und wenn man darauf schaut, wer da wen wieder einstellte, werden Netzwerke sichtbar. Erst als diese Netzwerke alterten, änderte sich etwas.“ Nach dem österreichischen Bildhauer Josef Thorak, einem persönlichen Günstling Hitlers, wurde in Salzburg noch 1963 eine Straße benannt. Thorak erregte vor wenigen Jahren hierzulande noch einmal Aufsehen, als sich ein bronzenes Pferd auf einem Schulhof in Ising im Chiemgau als Werk von seiner Hand herausstellte. 1939 hatte es im Zentrum der dritten „Großen Deutschen Kunstausstellung“ gestanden; die Witwe des Bildhauers hatte 1961, nach seinem Tod, damit das Schulgeld für den Sohn bezahlt.

Die eher seltene Gelegenheit, eine repräsentative Auswahl all der chauvinistischen Allegorien, Akte, Idyllen und Frontbilder aus den „Großen Kunstausstellungen“ einmal im Original zu sehen, bietet eine Wanderausstellung zu „Kunst und Politik im Nationalsozialismus“, die in der Bochumer „Situation Kunst“ konzipiert wurde und von diesem Wochenende an im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg geöffnet ist. Mehrere Bilder waren von Hitler angekauft worden, wie das „Im Kampfgebiet des Atlantik“ des Marinemalers Claus Bergen von 1941, die „Arbeitsmaiden, vom Felde heimkehrend“ von Leopold Schmutzler, das „Urteil des Paris“ von Ivo Saliger oder die „Straßen des Führers“ von Carl Theodor Protzen. Als Korrektiv zeigt die Regensburger Ausstellung Werke jener Künstler, die als „entartet“ diffamiert worden waren. „Modernism is now verboten“, bemerkte die „New York Times“ am 25. Juli 1937. Warum die Bäume vor der martialischen Architektur verschwinden sollen, um deren Urzustand wieder aufleben zu lassen, erschließt sich vor dem Hintergrund der Historie nicht.

Quelle: F.A.Z.
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