Wiener Auktionen

Mund aus Feigen

Von Nicole Scheyerer, Wien
 - 10:00

Das Dorotheum wartet mit etlichen Gemälden aus der Werkstatt von Rubens auf: Bei der Altmeister-Auktion am 17. Oktober gelangt eine Version seines beliebten Motivs des „Jesuskinds mit dem Johannesknaben“ zum Aufruf. Bereits 2011 hat das Dorotheum eine andere Variante zu einem Spitzenpreis vermittelt, damals allerdings mit der Provenienz aus der Adelsfamilie Spinola. Die stärker in Sfumato gehaltene aktuelle Version tritt mit einer Schätzung von 100 000 bis 150 000 Euro an. Unter „Rubens und Werkstatt“ firmiert die mythische Szene „Meleager überreicht Atalante den Schädel des Kalydonischen Ebers“, die einst der Baron Alphonse de Rothschild besaß; es handelt sich um eine Ölstudie zum Gemälde in der Alten Pinakothek in München (Taxe 60 000/ 80 000 Euro). Als Hofmaler porträtierte Rubens den niederländischen Statthalter Erzherzog Albrecht und seine Gattin Isabella Clara Eugenia von Österreich; die vorliegenden Pendants stammen aus einer belgischen Privatsammlung (80 000/120 000). Der „Heilige Paulus“, bei dem es sich um eine Werkstattreplik aus der Apostelserie des Prado handeln dürfte, war während des Zweiten Weltkriegs im Salzbergwerk Altaussee versteckt (30 000/40 000).

Die oberen Taxen jetzt im Herbst reichen zwar nicht über 300 000 Euro hinaus, aber es herrscht kein Mangel an interessanten Losen. Viele Werke gelangen über die Filiale des Hauses in Brüssel nach Wien. „Die Heilige Praxedis“ des wenig bekannten Felice Ficherelli soll die Vorlage einer Kopie bilden, die Vermeer zugeschrieben worden ist: Ein geköpfter Märtyrer bildet den dramatischen Hintergrund der selten aufgegriffenen Heiligenlegende, von der noch zwei andere Versionen Ficherellis bekannt sind. Der Experte Alexander Strasoldo sieht im aktuellen Bild die Urfassung und Grundlage von Vermeers Werk, das heute im National Museum of Western Art in Tokio hängt (150 000/200 000). Eine niederländische Kopie nach italienischem Vorbild stellt die farbenprächtige „Madonna mit Kind und Johannesknaben“ dar, die Cornelis van Cleve oder sein Vater Joos nach Andrea del Sarto geschaffen hat (150 000/250 000). Bei dem Dreiviertelporträt eines Herrn vor einem Fenster, das der Veroneser Antonio Badile 1552 malte, könnte es sich um ein Selbstporträt handeln; das Bildnis gewinnt durch den Ausblick auf einen eigenwillig abstrahierten Stadtplatz (80 000/120 000). In einer schwarzen Tunika statt in einer weißen Toga malte Jusepe de Ribera 1634 den Vorsokratiker Heraklit. Das Bild hatte beachtliche Vorbesitzer, darunter Napoleons Onkel Kardinal Joseph Fesch (200 000/300 000). Zwei Meter hoch ist das Ganzkörperbildnis eines „Edelmanns mit Hund“, das der Porträtist Simon Vouet elegant und lebendig umgesetzt hat. Die Brustplatte und den Stiefelsporn vergoldet, dürfte der Unbekannte einen hohen Rang bekleidet haben; sein Hündchen blickt jedenfalls zu ihm auf (200 000/300 000).

Eine Sinfonie an Fliedertönen

Köstliche Schöpfungen treten uns in den vier Jahreszeitenbildern von Giovanni Paolo Castelli, genannt Lo Spadino, entgegen. Der römische Stilllebenmaler inszeniert darin großartige Kompositfiguren, die er anders als Arcimboldo bis zum Knie und in Aktion darstellt: So hebt die „Allegorie des Herbsts“ mit Pfefferonifingern eine Traube zum Feigenmund (Taxe je 80 000/120 000). Zu winterlichem Vergnügen führt die Sebastian Vrancx zugeschriebene „Karnevalsszene vor der Kipdorpoort in Antwerpen“, unter deren reiche Staffage der Künstler auch eine spielende Commedia-dell’Arte-Truppe mischt (100 000/ 150 000). Ihr Netz einholende Fischer bilden den Vordergrund von Salomon van Ruysdaels Seebild „Flussmündung an einem befestigten Uferwall“ (200 000/ 300 000). Zum Lustwandeln vor der römischen Villa Ludovisi lädt indes der im 18. Jahrhundert wirkende Claude Joseph Vernet ein; das Gemälde könnte die Vorlage für ein Werk in der Eremitage gewesen sein (150 000/200 000). Zwei bislang unpublizierte venezianische Veduten von Giuseppe Bernardino Bison widmen sich nach Canalettos Vorbildern dem Palazzo Ducale und der Riva degli Schiavoni (100 000/150 000).

Auch bei den Losen des 19. Jahrhunderts mischen Italiener mit. Eine wahre Sinfonie an Fliedertönen stellt das 225 Zentimeter hohe Damenporträt „Diane de la Bouchère“ von Vittorio Matteo Corcos dar. Der gefragte Salonkünstler schenkte den Oberflächentexturen der Silbervase und des Hermelins ebenso viel Aufmerksamkeit wie dem Gesicht der Signora (120 000/160 000). „Auf Besuch“ betitelte der Venezianer Rinaldo Giudici eine Kanalszene, in der Gondoliere feine Damen flankieren (80 000/ 120 000). Oswald Achenbach fing 1887 die schöne „Abendstimmung auf der Terrasse einer römischen Villa“ samt Blumenverkäuferin ein (60 000/80 000). Nicolae Ion Grigorescu griff hingegen mit Vorliebe Szenen des rumänischen Landlebens auf, wie bei dem Ölbild „Die Spinnerin“: Der Bukarester Künstler setzt das Mädchen nicht ans Spinnrad, sondern lässt es mit einer Spindel vor braunem Hintergrund lehnen (90 000/110 000).

Mit dem Toplos „Die Kranzljungfer“ bietet das Dorotheum eines der typisch idealisierenden Genrebilder von Ferdinand Georg Waldmüller an. An seinen Bauernsujets begeistern die Licht-Schatten-Komposition, der emotionale Ausdruck und die Liebe zum Detail (200 000/250 000). Eine Felsenküste im Sturm zeigt das typische Kleinformat des russischen Seemalers Ivan Constantinowich Aivazovsky (50 000/70 000).

Bei der Konkurrenz Im Kinsky stehen ebenfalls Alte Meister und das 19. Jahrhundert auf dem Programm, ergänzt von Werken des 20. Jahrhunderts. Das Titellos der Altmeister konnte neu zugeschrieben werden, legte doch die Restaurierung eine Signatur frei: Das zwei Meter hohe Gemälde „Rinaldo und Armida“ tritt nun als Werk des Florentiners Jacopo Vignali, entstanden um 1633/35 an; frisch gereinigt, besticht die Leuchtkraft des Bilds (70 000/140 000). Turbulent geht es in der Szene „Überfall auf eine Karawane“ von Jan Brueghel d.J. zu; der Maler hat den Raubzug nach einem Vorbild seines Vaters rund um einen Wassergraben angesiedelt. Die Komposition des Sohns ist aber in wärmere Töne getaucht und zeigt eher Dynamik als Brutalität (150 000/ 300 000). Der Aquarellist Rudolf von Alt brachte aus dem Süden 1835 eine Innenansicht von Sankt Peter (15 000/30 000) und 1875 einen Blick in den Hof des Dogenpalasts (25 000/50 000) mit. Ein atmosphärisches Bergbild von Edward Theodore Compton von 1920 gibt den Blick auf das Dachsteingebirge frei (45 000/ 90 000).

Quelle: F.A.Z.
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