Kunstmarkt
Wiener Galerien

Im langen Schatten der globalen Galerien

Von Nicole Scheyerer/Wien

Wer dieser Tage die Kerstin Engholm Galerie in Wien besucht, findet die großen Glasfenster verhängt. Nach siebzehn Jahren lässt Engholm den Ausstellungsbetrieb ruhen und legt für ein paar Monate eine „Nachdenkpause“ ein. „Wir sind auf der Suche nach neuen Modellen und Strukturen“, hieß es in der offiziellen Mitteilung dazu. Im Gespräch betont die 1965 geborene Tochter des früheren SPD-Politikers Björn Engholm, dass das Geschäftsmodell von Galerien am Rand Europas nicht mehr funktioniere: „Zu viele kämpfen um einen zu kleinen Kuchen.“ Der Schatten global agierender Großgalerien und auf den Primärmarkt drängender Auktionshäuser werde immer länger. Die Galeristin möchte nun vorerst ihren persönlichen Thinktank betreiben und „eine neue Form von Networking andenken, mit der sie ihre Künstler international besser versorgen“ könnte.

Engholms Galerie befindet sich im Freihausviertel, das in den neunziger Jahren noch von Heroinspritzen geprägt war, heute sind es schicke Geschäfte und Lokale. Um das Jahr 2000 herum erlebte die Wiener Kunstszene eine noch nie dagewesene Gründerzeit. Damals entstanden Galerien-Cluster, die der zeitgenössischen Kunstproduktion tolle Schaufenster verschafften und für den Aufschwung vernachlässigter Straßenzüge sorgten. Fast wehmütig erinnert sich Engholm an die ersten Gruppeneröffnungen in der Schleifmühlgasse, die zu den coolsten Events der Stadt zählten. Das vielversprechende Sammlerpotential habe sich aber nicht so gut entwickelt wie erhofft.

„Mehr Käufer, aber nicht mehr Sammler“

Kerstin Engholms ehemaliger Nachbar Andreas Huber wagte sich erst 2005 auf das dünne Eis des Kunstmarkts. Elf Jahre lang baute er junge Positionen, wie den Maler Florian Schmidt, auf und zeigte zu wenig beachtete ältere Künstler, etwa Rudolf Polanszky. Dennoch hat er seine Galerie im vergangenen August geschlossen. Er lege vor allem eine Pause von den hohen Fixkosten ein, sagt Huber, der seinen Beruf nicht an den Nagel hängen will: „Ich wünsche mir mehr Hedonismus und weniger Gehetztsein.“ Immerhin habe er ein Jahr seiner Lebenszeit auf Kunstmessen verbracht. Lange galt die Teilnahme an Messen wie der Art Basel oder der Londoner Frieze, die in Österreich staatlich gefördert wird, als das A und O für den Erfolg heimischer Galerien.

Während die Galerienmeile in der Schleifmühlgasse Federn lassen muss, erstrahlt einen Katzensprung entfernt die Galerie MeyerKainer in der Eschenbachgasse in neuem Glanz. Bei einem Umbau wurden jüngst die hohen Fenster wieder freigelegt. Christian Meyer schaltet die Neonröhren aus und beweist, dass die bunten Gemälde von Martina Steckholzer nun auch bei Tageslicht betrachtet werden können. Im Gespräch wirkt Meyer weniger happy. „Wir haben schon überlegt, ob wir uns den Stress noch weiter antun“, sagt der Galerist, der wie die meisten seiner namhaften Wiener Kollegen schon jenseits der Sechzig ist.

Mit heimischen Größen, wie Franz West und Heimo Zobernig, oder angesagten Newcomern, wie dem gerade auf der Whitney Biennale vertretenen Duo Kaya, im Programm zählen MeyerKainer zu den Wiener Platzhirschen. Dennoch würden viele – auch historische – Faktoren das Geschäft mit der Kunst in Österreich schwermachen: „Die Vertreibung und Ermordung der Juden hat die einstige Sammlerkultur zerstört, und die hat sich bis heute nicht erholt“, beklagt der Galerist, der Ende der siebziger Jahre in New York mit Design des Wiener Secessionismus handelte. „Mehr Käufer, aber nicht mehr Sammler“, lautet Meyers Erfahrung der letzten Jahre. Für die kunstaffinen Freiberufler fehlten steuerliche Anreize, in Kunst zu investieren. Die Galerie als White Cube steht für Meyer aber außer Frage: „Ich sehe keinen anderen Weg, um Künstler langfristig durchzusetzen.“ Im März waren MeyerKainer auf der „Independent Art Fair“ in New York vertreten. Auch die junge Galeristin Lisa Kandlhofer flog übers Wochenende zum Messezirkus an den Hudson, allerdings nur als Zaungast. „Ich würde nächstes Jahr gerne an der Armory Show teilnehmen“, sagt die Einunddreißigjährige, die zu den wenigen Neuzugängen auf dem österreichischen Kunstmarkt zählt. Die Kärntnerin hat in den Vereinigten Staaten Wirtschaft studiert, einige Zeit in Toronto und New York gelebt und schon mit Mitte zwanzig ihren ersten Kunstraum in Wien gestartet.

Eine ganze Künstlergeneration vernachlässigt

Im Herbst 2016 mietete Kandlhofer einen 450 Quadratmeter großen Souterrain-Raum. Als ihr pünktlich zur Eröffnung auch noch der Preis für den besten Stand auf der Kunstmesse „Vienna Contemporary“ verliehen wurde, war die Freude perfekt. Kandlhofer sieht ihre Aufgabe darin, internationale Sammler nach Wien zu holen. Aber auch vor Ort wäre noch sehr viel Potential, davon ist die Selfmadegaleristin überzeugt: „Man muss die Schwellenangst vor der Galerie senken“, meint sie und plant für die Zukunft Konzerte, Künstlergespräche und andere Veranstaltungen. Auch für Kunstlaien anziehend sind die derzeit bei Kandlhofer ausgestellten Fotoarbeiten von Maximilian Prüfer, deren Muster durch die Bewegungen von Insekten zustande gekommen sind.

Der Zauber des Neuen umweht die gerade eröffnete Galerie Zellervan Almsick. Magdalena Zeller und Cornelis van Almsick sind beide studierte Architekten, sie aus Meran und er aus Berlin, die seit fünf Jahren an wechselnden Orten in Wien Ausstellungen organisiert haben. Nun zeigen sie in ihrer ersten eigenen Galerie zwei Positionen figurativer Malerei von Künstlern unter dreißig. Mangels junger Galeristen sei in Wien eine ganze Künstlergeneration vernachlässigt worden, weiß Almsick, der viel mit Absolventen aus Daniel Richters Meisterklasse zusammengearbeitet hat. Gleichzeitig würden Newcomer oft zu hoch bewertet. Bei der Debüt-Schau mit Sophie Gogl und Michael Fanta kosten die teils kleinformatigen Gemälde von 700 bis 3400 Euro.

Aber was unterscheidet die Neu-Galeristen von den alten Hasen? Sicher die Digitalisierung und ihre vielen Kanäle, meinen die Thirtysomethings, für die Künstler als Instagram-Stars etwas Selbstverständliches sind. An der traditionellen Galeriearbeit würde das Internet aber wenig ändern, glaubt Almsick. Es mache zwar vieles einfacher, könne aber das persönliche Gespräch und die Vertrauensbeziehung zwischen Sammler und Galerist nicht ersetzen. Es ist höchste Zeit, dass Schwung in die stagnierende Wiener Galerieszene kommt, denn viele ihrer wichtigen Mitspieler haben schon das Pensionsalter erreicht. Ob die ambitionierten Quereinsteiger auch eine Generation neuer österreichischer Sammler befördern können – zu denen den Etablierten offenbar der Draht fehlt –, wird die Zeit erweisen. Und am Ende ist das Modell Galerie doch nicht so überholt, wie es heute oft den Anschein hat.

Quelle: F.A.Z.
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