Literatur

Der Tod und der Lesungsreisende: Houellebecq in Deutschland

Von Fridtjof Küchemann
 - 15:13

Michel Houellebecq lehnt am Bühnenpodest, die Ellenbogen knapp unter Schulterhöhe bequem auf den Bühnenboden gestützt, und sieht rauchend zu, wie sich die Ränge füllen. 300 bis 400 Leute werden es schon sein an diesem Abend. Ein Fotograf hockt auf der Bühne, um über Houellebecq hinweg das Publikum zu fotografieren. Man ist sich einig: Der Auftritt des französischen Autors im Bockenheimer Depot in Frankfurt, ist ein Ereignis.

Auch Houellebecqs Auftritte in der vergangenen Woche in Köln, Hamburg, München und Wien waren Ereignisse - in Stuttgart wird es nicht anders sein. In allen Städten hat Houellebecq mit der Lesung aus seinem gerade in deutscher Übersetzung erschienenen dritten Roman "Plattform" ein Publikum angezogen, das für die örtlichen Literaturhäuser nicht zu bewältigen war. Sie mussten in Hörsäle der Universitäten, in Theater oder Konzertsäle ausweichen.

"Bewundernswert stillos"

Die Sitznachbarn tauschen südfranzösische Urlaubserinnerungen aus und bemerken, heute Abend säßen ja auffallend viele junge Frauen im Publikum. Houellebecq ist auf die Bühne gekommen. Er zieht seinen Parka aus, hängt ihn über die Stuhllehne, setzt sich. Erst als der Übersetzer und Moderator des Abends, Uli Wittmann, sowie die Gastgeberin, Maria Gazetti vom Frankfurter Literaturhaus, die Bühne betreten, kommt Applaus auf. Auch Houellebecq selbst richtet eine Kamera ins Publikum. Er lächelt.

Maria Gazetti erwähnt, dass Houellebecq sein deutsches Publikum gefällt. Es würde an den Stellen lachen, über die sich die Franzosen empörten. Die Gastgeberin spricht von Houellebecqs "bewundernswerter Stillosigkeit".

Betont unbetont

Houellebecq liest unbewegt, er sieht selten ins Buch, noch seltener ins Publikum. Meist spricht er vor sich hin, und sein Blick geht ins Leere. Langsam gewinnt der Autor an Präsenz, liest etwas schneller, streicht sich dabei immer wieder mit der Hand über den Rand des Ohres, kratzt sich den Nacken oder stützt kurz die Wange in die Hand. Dann übernimmt sein Übersetzer Uli Wittmann.

Natürlich liegt es daran, dass die Wenigsten dem französischen Vortrag des Autors folgen konnten, wenn das Publikum der Originalpassage fast regungslos zuhört, während die deutsche Lesung einzelne zum Lachen bringt. Während Houellebecq allerdings betonungslos und scheinbar desinteressiert spricht, legt sich Wittmann ganz schön ins Zeug: "Sie hatte schöne Brüste, die geile Sau", liest der Übersetzer nicht ohne Nachdruck, das Publikum lacht. "Ich starrte die beiden Schnepfen sehr aufmerksam an, um sie für immer zu vergessen." Lachen.

Provokation des Desinteresses

Was ist daran so komisch? Das Publikum amüsiert die ausgestellte Coolness dieser Sätze, die Verachtung, die aus ihnen spricht. Wittmann liest in der Pose des Abgebrühten, er klingt wie die Detektive mancher Groschenhefte, die im Halbdunkel ihres Büros auf ihre Klienten warten und ihre Fälle selbst erzählen. Houellebecqs Pose allerdings ist eine andere: Er ist der regungslose Provokateur, der Tabus Brechende, der sich an diesen Tabus und seinem Bruch gänzlich uninteressiert gibt. Das ist der eigentlich spannende Moment dieses Abends: Wittmann kann der Selbstinszenierung Houellebecqs nicht folgen. Er setzt sich ab im Spiel der Posen - auf Kosten der Apathie des Textes.

Während Wittmann liest und das Publikum lacht, scheint Houellebecq zu überlegen, an welcher Stelle sein Übersetzer gerade ist. Einige Lacher scheinen ihm zu billig zu sein, andere nimmt er in fast jungenhafter Vorfreude vorweg. Zuweilen lässt er sich vom Lachen des Publikums anstecken, zuweilen hebt er amüsiert-abschätzig die Augenbraue. Apathie ist die größtmögliche Form der Entspannung. Die meiste Zeit gibt sich Houellebecq schon ziemlich entspannt.

"Wollen Sie Hoffnung geben?"

Nach der Lesung die üblichen Fragen der üblichen Verdächtigen. Einer will zwei Dinge wissen: Ob Houellebecq nicht auch langsam finde, dass er sich wiederhole? Und ob er - "Plattform" erzähle immerhin Momente des Glücks - Hoffnung geben wolle? "Es ist einfacher," gibt der Autor zurück, "auf die zweite Frage zu antworten: Nein." Bei der anderen Antwort wird er ausführlicher: Was die Themen angehe, habe er nicht das Gefühl, sich zu wiederholen. In den Figuren schon. Immer dann, wenn er am Ende eines Buches das Gefühl hat, einen Charakter noch nicht erzählt zu haben.

Welche Bedeutung der Tod für ihn habe, wird gefragt. "Ich weiß mit meinen Figuren nichts mehr anzufangen," antwortet Houellebecq. "Deshalb töte ich sie. Es ist nicht so tiefschürfend, wie Sie glauben." Und - das ist das Spiel des Michel Houellebecq - keiner wird ihm glauben. So wie die Literaturkritik den Provokateur einen "großen Moralisten" nennt, sucht das Publikum den Sinn jenseits der Banalität dieser Antwort. Allein.

Michel Houellebecq: Plattform, Roman, 340 S., gebunden, DuMont, Köln 2002, EUR 24,- / DM 46,94

Quelle: @kue
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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