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Literatur

Die Dichterin Hilde Domin ist tot

 - 12:55
Hilde Domin, 1909 - 2006 Bild: dpa/dpaweb, FAZ.NET

Die Lyrikerin und Schriftstellerin Hilde Domin ist tot. Wie der S. Fischer Verlag am Donnerstag in Frankfurt mitteilte, starb sie im Alter von 96 Jahren in Heidelberg an den Folgen eines Sturzes.

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Die 1909 in Köln als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts geborene Hilde Domin gilt als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen Deutschlands. Sie verfaßte aber auch Prosastücke: Ihr erster Roman „Das zweite Paradies“ kam 1968 heraus. Seit 1961 wohnte Domin als freie Schriftstellerin in Heidelberg.

Hilde Domin, die zunächst Jura, später Nationalökonomische Theorie, Soziologie und Philosophie studierte, floh während der Nazi-Diktatur mit ihrem Ehemann Erwin Walter Palm um die halbe Welt. In Florenz promovierte sie 1935 über „Pontanus als Vorläufer von Macchiavelli“. Während des Exils in Italien, Großbritannien, der Dominikanischen Republik und den Vereinigten Staaten arbeitete Domin als Übersetzerin, Fotografin und Dozentin. Mitte der fünfziger Jahre, nach 22 Jahren im Exil, kehrte sie zurück, als der Kunsthistoriker Palm einen Lehrstuhl an der Heidelberger Universität annahm.

Die zweite Geburt

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In der Dominikanischen Republik hatte Domin begonnen, als Schriftstellerin zu arbeiten. Auf das Jahr 1951, das Todesjahr ihrer Mutter, hatte sie ihre „zweite Geburt“ datiert - es war der Moment, als sie in Santo Domingo ihr erstes Gedicht verfaßte. In Anlehnung an den Namen der Stadt gab sie sich den Künstlernamen Domin. Innerhalb von zwei Jahren folgten 200 weitere Gedichte. Die Sehnsucht nach der Heimat wurde zum tragenden Motiv ihrer einfühlsamen Lyrik. 1968 veröffentlichte Hilde Domin ihren autobiografisch angelegten Roman „Das zweite Paradies“, der ihre Erfahrungen im Exil widerspiegelt. Es folgten weitere Gedichte und Abhandlungen über Lyrik. Ihre Werke wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt.

„So lange man noch Neugierde in sich hat und staunen kann, ist das Alter egal“, lautetete der Leitspruch Hilde Domins. Die vielfache Literaturpreisträgerin arbeitete noch im hohen Alter an Erinnerungstexten über ihre frühe Kindheit und hielt noch immer bundesweit Lesungen. „Es ist für mich eine Freude und keine Arbeit, daß ich diese Lesungen halten kann“, versichert die Schriftstellerin immer wieder. Ihre Texte wählte sie dabei je nach Stimmung und immer unterschiedlich aus. „Ein Gedicht lese ich aber fast immer vor: 'Abel steht auf'“, erzählte sie. In dem Gedicht macht sie die biblische Tat von Kain rückgängig und gibt ihm eine zweite Chance.

Gefühl und Verstand

„Vielen, auch mir, hat Hilde Domin mit ihrem Schreiben Unterkunft, Zuflucht gewährt“, schrieb ihre Kollegin Ulla Hahn im Juli 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Hilde Domins fünfundneunzigstem Geburtstag. Ihr Werk habe gezeigt, daß es durchaus möglich sei, „Gefühl und analytischen Verstand zu vereinen“.

Die „Rosen der Dominschen Poesie“, schrieb Harald Hartung 1999 in der Frankfurter Allgemeinen, boten „nicht nur Halt für die Dichterin, sondern auch für Tausende von Lesern und Leserinnen. Die Gedichte gingen und gehen von Hand zu Hand. Sie wurden - mit den Worten der Autorin - zu magischen Gebrauchsgegenständen, 'die, wie die Körper der Liebenden, in der Anwendung erst richtig gedeihen'. Sie wurden es, weil sie ästhetische Faszination und moralische Anmutung auf diskrete Weise miteinander verbanden. Domins Gedichtbücher sind Bücher, die leben. Die Auflagen zeigen es auch heute noch.“

Unter anderem wurde Domin mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zuletzt hatte sie im vergangenen November die höchste Auszeichnung der Dominikanischen Republik erhalten, den „Orden del Mérito de Duarte, Sánchez y Mella, en el grado de Commendador“.

Quelle: FAZ.NET
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