Literatur

Imre Kertész über den Holocaust

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Der 1929 in Budapest geborene Schriftsteller Imre Kertész, der Auschwitz und Buchenwald überlebte und spätestens seit seinem „Roman eines Schicksallosen“ zu den bedeutensten Vertretern der Shoah-Literatur zählt, spürt in seinem Essay dem paradoxen Befund nach, dass nur für den Antisemiten „Jude“ ein eindeutiger Begriff ist. Zwar werde man als Jude geboren, doch muss der Schriftsteller sein Judentum wie sein künstlerisches Werk als Aufgabe betrachten.

Ein jüdischer Schriftsteller zu sein setzt dann eine bewusste Entscheidung voraus. Die Frage nach der Sprache, in der das Werk entsteht, sei demgegenüber sekundär, da sie für einen Juden ohnehin zufällig sei und daher nie Muttersprache sein könne. Imre Kertész' Essay entzieht damit dem vielbemühten Klischee von der Sprachheimat als Refugium der Identität die Grundlage. Der Essay ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags, den Kertész auf der letztjährigen, von VW unterstützten „Weltenbürger“-Veranstaltung in Hannover gehalten hat. (F.A.Z.)

Imre Kertész: Ich bin der Spuk

Ich möchte einer Frage auf den Grund gehen, die für für viele Menschen wahrscheinlich gar keine Frage ist. Es handelt sich um die Freiheit der Selbstbestimmung, ganz einfach darum, dass jeder in der Gesellschaft, der er angehört, der sein kann, der er ist. Dass er, egal als wer er geboren ist, zu was er sich erklärt, für was er sich selbst hält, dafür nicht mit Verachtung, mit offener oder sogar durch geheimen behördlichen Konsens gebilligter Diskriminierung bestraft werden darf; andererseits natürlich auch niemand nur aufgrund seiner Herkunft, Überzeugung, Gesinnung oder Persönlichkeit unlautere Vorteile genießen darf. Hier, in der Mitte Europas, erlebt man das offensichtlich als alltägliches und darum völlig selbstverständliches Menschenrecht. Vielleicht versteht man daher nicht, warum darüber überhaupt zu sprechen ist.

Ich glaube jedoch, wenn wir der Frage mit aller Beharrlichkeit auf den Grund gehen, kann sich herausstellen, dass es sich durchaus nicht um eine überflüssige, ja um eine wohl auch in den großen westlichen Demokratien nicht so vollkommen gelöste Frage handelt, wie man beim ersten Hören glauben mag. Zwar ist richtig, dass die Idee der Menschenrechte von der westlichen Zivilisation formuliert worden ist und unerlässlich dazu auch die Begriffe der menschlichen Würde und der persönlichen Freiheitsrechte.

Die verzerrte Sicht des Menschen

Ebendort aber wurzelt auch der Gedanke des totalitären Staates, und es gehörte zum Wesen der diktatorischen Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts, das Individuum hinwegzufegen und die Menschen in riesige kollektive Gatter zu zwängen. An diese Gatter wurden grelle, von jedem sofort erkennbare Namen geheftet, Brandmarkungen oder auffällige Embleme eines Privilegiertenstatus. Ich habe damit nur die beiden extremsten solcher Gatter erwähnt, zwischen denen es noch Dutzende Unterscheidungsnuancen gab. Es ist nicht abzuschätzen, in welchem Ausmaß die Erhebung dieser kollektivistischen Sammelbegriffe zum System und die praktische Umsetzung und Anwendung dieser Systeme die Sicht des Menschen in unserer Zeit verzerrt, sein Verhältnis zu anderen Menschen, ja zu sich selbst vergiftet haben.

In dieser Hinsicht war das kollektive Symbolsystem der Nazis das einfachste, am leichtesten durchschaubare. Die Nazis wollten bestimmte Völker ausrotten, andere dagegen, wie Zuchtvieh, vermehren. In der kommunistischen Diktatur war die Situation komplizierter. Hier hielten sich die Selektionsoffiziere ständig in den Gattern auf und schickten die Menschen unablässig von einem Gatter in das andere. Ja, es kam sogar vor, dass mitten in der größten Selektion der Selektionsoffizier plötzlich selbst von hinten gegriffen und erbarmungslos in irgendein abstoßendes Gatter gesteckt wurde, in das er gerade noch die anderen gesteckt hatte.

Unverschämte Populisten

Ich habe nicht die Absicht, mich hier allzu weitgehend auf die Analyse diktatorischer Systeme einzulassen, die Diskriminierung und Völkermord zu ihrem Funktionsprinzip erhoben haben. Überdies habe ich nur die beiden extremsten Diktaturen des 20. Jahrhunderts angeführt und bin mit meinen Beispielen in Europa geblieben. Obgleich wir natürlich wissen, daß es kollektive Diskriminierung auch in nichteuropäischen Formen gibt und sich in Europa selbst auch gemäßigte Varianten der beiden genannten Beispiele finden. Eine effizient wirksame, trotzdem aber, sagen wir: zivile Diskriminierung, der gegenüber jede Behörde machtlos ist und die von verharmlosend populistisch genannten Politikern mit so legerer Unverschämtheit missbraucht wird.

Und dann existiert - besonders in den postkommunistischen Staaten Osteuropas - eine halboffiziell gebilligte, sogar geförderte Diskriminierung, die offiziell aber geleugnet wird. Unlängst hat auch eine indische Schriftstellerin, Urwashi Butalia, über ihre Erfahrungen berichtet. Von ihr konnten wir lernen, was mit einem Volk geschieht, wenn die Politik plötzlich eine Kluft aufreißt zwischen Menschen, die ein ähnliches Schicksal haben, ein und dieselbe Sprache sprechen, in der gleichen Kultur aufgewachsen sind - zwischen Indern und Pakistani; wie religiöser Fanatismus und irrwitziger Nationalismus ihr Leben und Denken verformen. Diese Menschen fanden sich von heute auf morgen in zwei verschiedenen Gattern wieder und wussten auf einmal nichts mehr mit dem bis dahin so soliden Faktum anzufangen, das sie selbst bildeten, ihre eigene eindeutige Identität, ihre bis dahin ungestörte Selbstbestimmung.

Brutale Veränderungen

Derart plötzliche, oftmals brutale Veränderungen haben auch wir, die Europäer, im vergangenen Jahrhundert häufig erlebt - in Ost- oder Mitteleuropa auf alle Fälle mehr als in der westlichen Hälfte des Kontinents. Fügen wir hinzu, dass solche Veränderungen in der Regel mit unersetzbaren kulturellen Verlusten einhergehen. Einstige Zentren kulturellen Lebens, Universitätsstädte, in denen die Menschen drei, vier europäische Sprachen sprachen, verkamen plötzlich zu provinziellen Kleinstädten eines großen Reiches und verschwanden damit einfach von der kulturellen Landkarte Europas. Vielleicht denken wir jetzt alle an Czernowitz, wo Paul Celan herkam, die „Stadt, in der Bücher und Menschen lebten“.

Ich kann meinen Zuhörern hier die Bemerkung nicht ersparen, dass die Deutschen selbst es waren, die, in der Folge ihrer Vorstellungen einer deutschen Weltherrschaft im 20. Jahrhundert, die deutsche Kultur in jenen Vielmillionengebieten vermischter Nationalitäten und vermischter Muttersprachen, die in erster Linie vom Einfluss der deutschen Kultur geprägt gewesen waren, ausrotteten. Sie haben eine Deutsch oder Jiddisch sprechende jüdische Minderheit ausgerottet, die der deutschen Sprache so große Schriftsteller wie Joseph Roth, Franz Kafka oder den gerade genannten Paul Celan geschenkt hat.

Deutsch zu schreiben als Freiheit

Diese Schriftsteller schrieben, oft inmitten einer anderssprachigen nationalen Umgebung, deutsch, weil sie diese Sprache in ihrem Elternhaus gelernt hatten, aber auch, weil sie als Juden, als wurzellose und kosmopolitische Intellektuelle, wie ihre Gegner sie bezeichneten, lieber in den kulturellen Dimensionen einer größeren Sprache dachten. Deutsch zu schreiben, das bedeutete für diese Schriftsteller einst geistige Unabhängigkeit und die Freiheit der Selbstbestimmung. Heute wird die deutsche Kultur aus diesen einst zum Teil - ich betone ausdrücklich: zum Teil - deutsch geprägten Zonen, sagen wir: von der Halbinsel Krim über die Bukowina bis hinauf nach Galizien, nicht länger bereichert, und die einzige Ursache dafür sind die Deutschen selbst. Ich spreche das mit einem gewissen Bedauern aus; warum, darauf werde ich später noch kommen.

Auch das ist jedenfalls ein für das zwanzigste Jahrhundert charakteristisches Phänomen, dass Politik und Kultur nicht nur zu Gegensätzen, sondern zu Feinden füreinander wurden. Das ist keine natürliche Entwicklung, und eine von der Kultur losgelöste Politik, die mittels Gewalt zu uneingeschränkter (und ungehemmter) Alleinherrschaft gelangt ist, kann grauenhafte Zerstörungen anrichten - wenn nicht gerade an Menschenleben und materiellen Gütern, dann in den Seelen der Menschen. Das Instrument der Zerstörung heißt Ideologie. Im 20. Jahrhundert, im schrecklichen Jahrhundert des Verlusts der Werte, ist alles zu Ideologie geworden, was irgendwann einen Wert darstellte. Und das Schlimmste daran ist, dass die moderne Masse, die der Kultur niemals teilhaftig war, die Ideologien als Kultur aufnimmt.

Die Krise des Westens

Dafür mag es zahlreiche Gründe geben, unter denen einer sicher der ist, daß diese Masse just in der Zeit auf den Plan trat, als die westliche Zivilisation sich in einer ihrer tiefsten - wenn nicht der tiefsten - Wertekrise befand; den Zusammenhang von Ursache und Wirkung wollen wir hier nicht weiter hinterfragen. Begnügen wir uns damit, dass es Menschen gab, die, mit Hilfe raffiniert aufgebauter Parteiapparate, die Steuerung und dann den Einsatz dieser Massen übernahmen. Ich glaube, von Thomas Mann stammt das Wort, es genüge, die Masse Volk zu rufen, um sie zu allem bewegen zu können. Dazu aber bedurfte es nicht einmal totalitärer Staatsgewalt, auch autoritäre Regime, wie es die von Franco, Dollfuß oder Miklós Horthy waren, vollbrachten es, Religion, Patriotismus, Bildung - alles zu Politik und die Politik selbst zum Haßinstrument herunterkommen zu lassen.

Hass und Lüge: das waren wahrscheinlich die beiden wichtigsten Komponenten der politischen Erziehung, die der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts erfahren hat. Denken wir nur an die „Haß-Woche“ in Orwells „1984“. „Noch nie ist die Lüge eine so geschichtsprägende Kraft gewesen wie in den letzten dreißig Jahren“, schreibt Sándor Márai 1972. Das gilt besonders für die Länder Mittelosteuropas, die nach dem Ersten Weltkrieg eine starke nationale Empfindlichkeit bekundeten. Mit einem Mal war eine mitteleuropäische Großmacht, die österreichisch-ungarische Monarchie, verschwunden, und die Zerfallsprodukte dieses Staates verseuchten wie Leichengift die an ihrer Statt entstandenen selbständigen Nationalstaaten.

Ich trage noch immer den Stern

Im grausam verstümmelten Ungarn wurde 1920 an Universitäten und Fachhochschulen der Numerus clausus für Minderheiten eingeführt, der fast ausschließlich Juden betraf; 1938 wurde das sogenannte erste Judengesetz erlassen, und 1944 wurde mir der gelbe Stern angeheftet, den ich dort, sinnbildlich gesprochen, bis auf den heutigen Tag nicht wieder abstreifen konnte. Ich gebe zu, es ist ziemlich verblüffend, dass ich mehr als zehn Jahre nach der Auflösung des letzten totalitären Staates in Europa - mehr als zehn Jahre also nach Einführung der Demokratie - zu einem so seltsamen Schluss gelangen muß. Zur Wahrheit gehört, daß es keineswegs leicht war, diese Tatsache zu erkennen, und eine ziemlich große Kraftanstrengung erforderte, ehe es mir gelang, gewisse Phänomene zu deuten. Ein derart peinlicher Zustand ruft anscheinend automatisch Symptome hervor, ohne daß wir das sogleich bemerken.

Man empfindet seine Umgebung beispielsweise auf einmal als Spuk, dabei ist man selbst es, der zu etwas Irrealem, zum Spuk geworden ist. Oder umgekehrt: Man empfindet sich selbst auf einmal als ein fremdes Wesen, dabei hat man sich nur mit der entfremdeten Außenwelt identifiziert. Meine Frau, die als Amerikanerin glücklicherweise solche osteuropäischen Gebrechen nicht kennt, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich, sobald wir ins Ausland fahren, einen regelrechten Persönlichkeitswandel durchmache. In der Fremde bewege ich mich heimisch, daheim fremd. Mit Menschen fremder Zunge spreche ich gelöst, mit meinen Landsleuten angespannt. In der Sozialismus genannten Diktatur war das ein natürlicher Zustand, mit dem ich verhältnismäßig gut zurechtkam; für den demokratischen Rassismus aber muss ich mich erst noch stählen. Zumindest aber ist das Problem, dem ich auf den Grund gegangen bin, eines, das, so glaube ich, nicht nur mein eigenes ist.

Impulse wie Stromschläge

Es geht einfach darum, dass ich in meinem Lebensalltag ununterbrochen auf mir vollkommen fremde Impulse reagieren muss, die mich aus meiner Umgebung wie leichte, die Haut irritierende Stromschläge erreichen. Bildlich gesprochen, muß ich mich ständig kratzen. Wir kennen Montesquieus berühmtes Wort, nach dem er zuerst Mensch und erst dann Franzose sei. Der Rassist - denn nach Auschwitz ist der Antisemitismus nicht mehr nur Antisemitismus - will von mir, dass ich zuerst Jude bin und dann kein Mensch mehr sein kann.

In der ersten Verwirrung sucht man nach Argumenten zur eigenen Verteidigung und ertappt sich dabei, dass man im stillen selbst auf ganz primitive Art spricht und denkt, denn das, wogegen man sich zu verteidigen genötigt ist, ist ja vor allem primitiv. Wenn man in einen Raubtierkäfig gestoßen wird, ist man gezwungen, auf Raubtierart zu kämpfen. Die niedere Denkungsart, gegen die man sich wehrt, führt dazu, dass man am Ende beginnt, auch selbst niedrig von sich selbst zu denken, ja, daß man es gar nicht mehr selbst ist, an den man denkt, sondern ein anderer; in diesem Prozeß wird unsere Persönlichkeit also beschädigt.

Judentum als Aufgabe

Gut bekannt ist die peinlichste Verteidigung einer so beschädigten Persönlichkeit: wenn man am Ende gegenüber unmenschlichen Ideologen die eigene Menschlichkeit beteuert. Und darin liegt etwas Bedauernswertes und zugleich Mitleiderregendes, weil wir ja gerade um unser Menschsein gebracht werden sollen. Nur dass man, hat man die Kategorien der Rassisten erst einmal angenommen, zum Juden geworden ist, der Jude aber, wie wir zuvor gesagt haben, kein Mensch mehr sein kann. Je mehr er dann beteuert, es doch zu sein, um so bemitleidenswerter wird er und um so weniger menschlich. In einer rassistischen Umgebung kann ein Jude nicht nur nicht Mensch sein, er kann auch nicht Jude sein; denn „Jude“ ist allein für die Antisemiten ein eindeutiger Begriff.

Von Edmond Jabès, einem französischen Schriftsteller, stammt das Wort, daß die Schwierigkeit, Jude zu sein, identisch ist mit der Schwierigkeit zu schreiben. Noch nie hat jemand für mich meine eigene Situation so klar formuliert. Und doch sehe ich da einen wichtigen Unterschied. Dass ich Schriftsteller bin, ist das Ergebnis meiner freien Selbstbestimmung, als Jude hingegen bin ich geboren. Um aber mein Schriftstellerdasein und mein Judentum in mir zu einer einzigen Qualität zu verschmelzen, mußte ich mein Judentum genauso betrachten, wie ich die möglichst makellose Ausführung eines Kunstwerks betrachtete: als Aufgabe.

Mein Dasein im helleren Licht

Als Entscheidung für ein erfülltes Dasein oder die Selbstverleugnung. Wähle ich das erfüllte Dasein, wird mir auf einmal alles zum Vorteil. Die Tatsache, daß ich Jude bin, ist am Ende das Resultat meiner eigenen Entscheidung: Nicht nur kann ich nie wieder in eine sogenannte Identitätskrise fallen, sondern im Gegenteil, mein Dasein wird sogar noch in helleres Licht gerückt. Dennoch hatte ich mich mit einigen Fragen auseinanderzusetzen, die gerade die - wenn ich so sagen darf - Singularität meines Judentums aufwarf.

Vor zwei, drei Jahrzehnten noch hätte ich die Frage, für wen ich eigentlich schreibe, für grundfalsch gehalten. Für mich selbst natürlich - hätte die Antwort gelautet und lautet sie im wesentlichen auch heute noch. Inzwischen aber neige ich eher zu der Einsicht, dass bei der Erzeugung dieser „Selbst“ genannten Entität auch die anderen, die Gesellschaft genannte Umgebung eine Rolle gespielt haben. Zumindest teilweise bin ich also doch ein Gefangener meiner Verhältnisse, und das hat auch in meinen geistigen Äußerungen offenkundig Spuren hinterlassen.

Bote des Untergangs

Wenn ich sage: Ich bin ein jüdischer Schriftsteller, habe ich damit noch nicht gesagt, dass ich auch selbst Jude bin. Denn was für ein Jude ist jemand, der keine religiöse Erziehung erhalten hat, der nicht Hebräisch spricht, die Quellenwerke der jüdischen Kultur eigentlich kaum kennt und nicht in Israel, sondern in Europa lebt? Hingegen kann ich sagen, daß ich der Schriftsteller einer anachronistischen Lebensform, der Lebensform der assimilierten Juden bin, Träger und Darsteller dieser Lebensform, Bote ihres unabwendbaren Untergangs.

In dieser Hinsicht spielt die Endlösung eine entscheidende Rolle: Jemand, für den Auschwitz die vordringliche, sogar ausschließliche jüdische Identität bedeutet, ist in einem gewissen Sinn trotzdem nicht als Jude bezeichenbar. Er ist ein „nichtjüdischer Jude“ im Sinne Isaac Deutschers, seine wurzellose europäische Variante, der zu seinem aufgezwungenen Jüdischsein kaum noch irgendeine innere Beziehung findet. Ihm fällt eine große - und vielleicht wichtige - Rolle in der europäischen Kultur zu (sofern es diese noch gibt), an der Geschichte des Judentums nach Auschwitz aber, überhaupt an der Erneuerung des Judentums - und hier muss ich wiederum hinzusetzen: sofern es diese gibt beziehungsweise geben wird - hat er keinen Teil.

Keine Sprache für den Holocaust

Der Schriftsteller des Holocaust ist also in der Tat in einer schwierigen Lage. Ich habe bereits in dem Essay „Die exilierte Sprache“ dargelegt, dass es für den Holocaust keine Sprache gibt und keine Sprache geben kann. Der europäische Überlebende kann seine Leidensgeschichte nur in irgendeiner europäischen Sprache erzählen, doch diese Sprache ist nicht seine Sprache und auch nicht die der Nation, von der er sich die Sprache für seine Erzählung ausgeliehen hat. Besonders trifft das auf Ost- und Mitteleuropa zu, wo als Folge zweier Weltkriege und vor allem des Holocaust die inter- und übernationale Sprache der Völker verlorengegangen ist, die von der Bukowina bis nach Krakau und von Prag bis Fiume dereinst alle sprachen und in der die Schriftsteller zur Ausdrucksfreiheit kamen, die sich in die nationalen Literaturen nicht eingliedern konnten oder wollten.

Ich bin in jenem Essay auch darauf eingegangen, warum diese nationalen Literaturen sowenig Bereitwilligkeit zeigten, die Welterfahrung des Holocaust aufzunehmen, die doch zugleich auch Teil ihrer eigenen geschichtlichen Erfahrungen ist - obzwar freilich mit gerade entgegengesetztem Vorzeichen. Dafür außer gegen die öffentlichen Vertreter des Rassismus gegen irgend jemand anderen Anklage zu führen wäre von Übel - und noch übler, von einem „mit der Muttermilch eingesogenen Antisemitismus“ zu sprechen.

Schwere Verletzungen

Der tradierte Antisemitismus ist zwar ein schweres Erbe, aber er hat keineswegs genetische, sondern ausschließlich historische und historisch-psychologische Ursachen. Diese Nationen haben, gerade in ihrem nationalen Selbstgefühl, schwere Verletzungen erlitten; sie kämpfen in Wirklichkeit schon seit langem nur noch um ihr nacktes Leben, und als ein Mittel dieses Kampfes haben sie eigenartiger-, aber kein bisschen originellerweise leider den Antisemitismus entdeckt.

Oscar Wilde, der im unschuldigen neunzehnten Jahrhundert noch für die Freiheit, ja Freizügigkeit seiner Selbstbestimmung ins Zuchthaus gesperrt wurde, schrieb: „Über dem Tor der antiken Welt stand ,Erkenne dich selbst!' Über dem Tor der modernen Welt wird stehen ,Sei du selbst!'“ Wie wir gesehen haben und tagtäglich erfahren, stellt gerade die moderne Welt dem noch nie gekannte Hindernisse in den Weg. Und dennoch darf unser Streben kein anderes sein als jenes, dem Nietzsche in seinem großen Werk „Ecce homo“ ein ganzes Kapitel widmete: dass man werde, was man ist.

Wir müssen unserem Schicksal folgen

Wir müssen unserem Schicksal folgen, und wir müssen die Konsequenzen ziehen, die sich daraus ergeben, wie bitter sie auch sein mögen. Es kann passieren, daß wir auf dem Weg der freien Selbstbestimmung am Ende nirgendwohin gelangen. Für einen Schriftsteller, der immer der Sprache den Vorzug gibt, in der er schreibt, ist es nicht leicht einzusehen, dass für ihn in Wahrheit eine Sprache wie die andere ist; denn keine ist seine eigene.

Ich gehöre im Grunde zu jener in Osteuropa entstandenen jüdischen Literatur, die nie in der Sprache der jeweiligen nationalen Umgebung geschrieben wurde und auch nie Teil dieser nationalen Literatur war. Von Kafka bis Celan läßt sich die Linie dieser Literatur ziehen, und auch ihre Fortsetzung ist evident, man muß sich nur gründlich in der internationalen Literatur der Emigration umschauen. Diese Literatur erzählt meist von der Ausrottung der europäischen Juden, die Sprache ist zufällig, und egal welche Sprache es ist, nie kann sie Muttersprache sein.

Die Sprache, in der wir sprechen, lebt nur, solange wir reden, wenn wir verstummen, geht auch die Sprache verloren, sofern nicht irgendeine große Sprache sich ihrer erbarmt und sie, wie auf den Gemälden der Pieta, in ihren Schoß aufnimmt. Eine solche Sprache ist heute am ehesten das Deutsche. Aber auch die deutsche Sprache ist nur eine zeitweilige Herberge, vorübergehender Unterschlupf der Obdachlosen. - Es ist eine gute Sache, das zu wissen, es ist gut, sich mit diesem Wissen abzufinden, es ist gut, zu denjenigen zu gehören, die nirgendwo hingehören; es ist gut, sterblich zu sein.

Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm.

Quelle: F.A.Z. vom 14.03. 2002, Feuilleton (Feuilleton), Seite 46
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