Popmusik und Hochkultur

Falscher Preis für den Richtigen

Von Tobias Rüther
 - 15:24

Nichts gegen Dylan. Es ist auch gar nicht wichtig, wie gut oder schlecht man ihn nun findet. Wie einzigartig seine Stimme. Wie ergreifend seine Texte. Wie radikal seine Hinwendung von der akustischen zur elektrischen Gitarre und zu Jesus und wieder zurück. Wie entscheidend seine Rolle als Chronist amerikanischer Verhältnisse und Akteur ihres Wandels. Wie bewundernswert seine Ausdauer, seine Unbestechlichkeit, seine Unbeirrtheit. All das spielt überhaupt keine Rolle, um den Nobelpreis für Literatur an Bob Dylan für einen Fehler zu halten: Und zwar nicht um der Literatur, sondern um der Popmusik willen.

Am Donnerstag hat die Schwedische Akademie nämlich in erster Linie einem Popmusiker einen Literaturpreis verliehen - und damit die Uhr weit zurückgedreht. Sie hat eine Entwicklung rückgängig gemacht, die selbst nur schwer in Gang gekommen war und noch lange nicht am Ende ist - was man spürt, wenn man jetzt all die Texte über Dylan hört und liest und die auf den Jubelruf hinauslaufen, am Donnerstag sei die Popmusik endlich, endlich, endlich im Olymp angekommen. Texte, die mit einem gewaltigen Apparat an literaturgeschichtlichen Referenzen (Ovid) dem Preisträger seinen Platz zuweisen unter den ewigen Sternen der Hochkultur.

Was für ein Missverständnis. Die Popmusik ist dort doch längst angekommen. In Wirklichkeit hat am Donnerstag eine (wie auch immer einzuschätzende) Institution einer kanonisierten und selbstgewissen Kunstform sich dazu herabgelassen, einer viel jüngeren Kunstform eine Auszeichnung aufzuzwingen, die das überhaupt nicht nötig hat - und damit für klare Verhältnisse gesorgt. Und die Ordnung in der Hierarchie bestätigt.

Doch die Popmusik ist eine Kunstform aus eigenem Recht und mit eigenen Regeln. Daran wird dieser Literatur-Nobelpreis 2016 für den amerikanischen Sänger Bob Dylan nichts ändern. Eine falsche Entscheidung bleibt er trotzdem. Eine Entscheidung, die sich zwar unkonventionell gibt, zeitgemäß und ground-breaking - aber ganz im Gegenteil ein Ausdruck von Desinteresse ist, von Unsicherheit und vielleicht sogar von Arroganz. Als wäre Popmusik etwas, das sich noch rückversichern muss.

Man konnte Ähnliches beobachten, als vor ein paar Jahren amerikanische Fernsehserien wie „The Wire“ zu den Romanen von heute erklärt wurden, als Videospiele immer filmischer wurden. Legitimation über Bande.

Wer sich also jetzt für seinen Helden Bob Dylan freut, soll es tun. Wer aber denkt, dass da den Literaturspießern auf der ganzen Welt aber mal so richtig eins ausgewischt wurde; wer glaubt, dass die Schwedische Akademie hier eine alltagsnahe Entscheidung darüber getroffen hat, was alles Literatur sein kann, der täuscht sich. Die Wahl ist elitärer, als sie wirkt.

Popmusik ist Poesie – aber eben nicht nur

Wenn überhaupt, dann hätte Bob Dylan den Nobelpreis für Popmusik verdient. Er ist eine der überragenden Figuren seiner Branche, ob man ihn nun mag oder nicht. Und Dylan wäre auch nicht der oder die Erste, dem oder der man so einen Nobelpreis für Popmusik verleihen könnte: Denn da gibt es ja noch, ohne jede Rangfolge, Joni Mitchell und Morrissey und Paddy McAloon und Aretha Franklin und Peter Hein, Eminem, Françoise Hardy und Bruce Springsteen. Kraftwerk. Sufjan Stevens.

Aber es ist nun einmal der Nobelpreis für Literatur, den Dylan jetzt bekommen hat. Die Akademie beruft sich in ihrer Begründung auf „Poesie“. Sicher. Klar. Natürlich: Eine Zeile wie „You don’t need a weather man / To know which way the wind blows“ aus „Subterranean Homesick Blues“ gehört ins Lesebuch für die Oberstufe wie Enzensbergers „lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: / sie sind genauer.“ Die Frage ist nur, was so ein Vergleich bringt und ob er nicht eher verunklart als zu helfen.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Popmusik ist auch Poesie, ja, sie gehört unbedingt dazu (und dann wieder auch nicht, was man beim Techno merkt, der oft ohne Worte auskommt), es gehören perfekte Zeilen dazu genauso wie phantastischer Quatsch, „Da do ron-ron-ron / da do ron-ron“ oder „I said a hip hop / Hippie to the hippie, / The hip, hip a hop, and you don’t stop, a rock it / To the bang bang boogie, say, up jump the boogie, / To the rhythm of the boogie, the beat“ oder „I would like to salute / the ashes of American Flags / and all the fallen leaves / filling up shopping bags“ oder „Ich kenne das Leben / ich bin im Kino gewesen.“

Aber genauso gehören auch Elemente zur Popmusik, die nicht aus Buchstaben gemacht und gerade deswegen schwer zu beschreiben sind: Melodie. Performance. Tanz - auf der Bühne und davor. Mode. Frisuren. Körperlichkeit überhaupt. Der richtige Moment. Charisma und Schönheitsfehler, die Identifikation erlauben. Als Kim Gordon, früher Bassistin der amerikanischen Band Sonic Youth, einmal gefragt wurde, was ihr Lieblingsinstrument sei, hat sie „Electricity“ geantwortet - besser kann man die unbegrenzten Möglichkeiten der Popmusik nicht auf den Punkt bringen: vielfach verstärkter künstlerischer Ausdruck durch unterschiedliche Leitungen. Popmusik ist in geradezu klassischer Form mehr als die Summe ihrer Teile - aber vor allem besteht sie aus Teilen. Eines davon ist der Text.

Es geht hier nicht darum, Dinge gegeneinander auszuspielen: jung gegen alt, Lederjacke gegen Ohrensessel. Das wäre reaktionär. Diese Gegensätze stammen aus einer anderen Zeit. Es gibt - man muss sich das klarmachen - inzwischen sehr viele siebenundsiebzigjährige Stones-Fans. Und auch Bob Dylan, zwei Jahre jünger, ist ein Beispiel dafür, dass Popmusik keine Altersfrage mehr ist, Popmusik ist Lebenswerk und Lebensunterhalt und lebenslange Lebensrettung, so wie jede Kunst.

Schweden
Bob Dylan erhält Literaturnobelpreis 2016
© dpa, afp

Popmusik muss nicht erst noch erwachsen werden, auch wenn man aus den Interpretationen von Dylans Werk oft den Wunsch herauszuhören glaubt, die Liebe und Leidenschaft, das Flüchtige, Ungefähre und Unernste vor sich selbst rechtfertigen zu müssen. Und der Reichtum der Popmusik ist auch nicht reicher oder farbiger als der von Literatur, bei der man sich die Bilder selbst erzeugt - er ist einfach anders. Aber er ist eben auch einzigartig.

Man muss kein Lateiner sein, so wie die vielen Dylan-Exegeten, die sich jetzt zu Wort melden, um Popmusik eine Kunstform sui generis zu nennen. Was Popmusik alles ist und sein kann, lässt sich aus der laufenden Produktion dieses Jahres gut zeigen, an einem Album wie „Lemonade“ von Beyoncé zum Beispiel, zwölf Songs, aber auch zwölf Kostümwechsel, Gastauftritte, ein Film dazu, lauter Teile einer Summe.

Songtexte werden auf Papier nur weniger

Bob Dylans Haltung auf der Bühne wiederum, die Art, wie er mal so und dann wieder anders singt, zeigt das gleiche Phänomen auf seine Art. Ihn jetzt für seine Texte zu ehren, verkleinert den Mann, wo es ihn doch eigentlich vergrößern will - denn was Dylan macht, was er umsetzt und freisetzt an künstlerischer Energie, speist sich nicht aus Worten allein und geht gleichzeitig weit über sie hinaus.

Und schon schleicht sich, auch in diesen Text, ein Legitimationsdruck ein, den man bei den Exegeten von Bob Dylan oft spüren konnte. Weil sie Dylan zwar für den einen halten - aber an anderen Maß nehmen, um seine Größe zu ermessen. Und zwar an Shakespeare, Homer, Petrarca, Dos Passos, Brecht, Rimbaud, lauter Namen, die man seit Donnerstag lesen konnte. Dylans Texte geben die Einflussphilologie, die da betrieben wird, auch her, genau wie die Texte anderer Songwriter, die von Jochen Distelmeyer beispielsweise - gerade ist eine Studie des Germanisten Till Huber über Distelmeyers Band Blumfeld und die intertextuellen Verfahren erschienen, die im sogenannten Diskurspop im Gange sind.

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Der Nobelpreis für Literatur an Bob Dylan ist Ausdruck von Desinteresse, Unsicherheit und Arroganz.
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Wenn überhaupt, dann hätte Bob Dylan den Nobelpreis für Popmusik verdient.
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Bob Dylan für seine Texte zu ehren, verkleinert den Mann, wo es ihn doch eigentlich vergrößern will.

Was Dylan geschieht - genau gelesen zu werden -, geschieht also nicht nur ihm. Es ist ein naheliegender Weg, dem Rätsel eines popmusikalischen Werks auf den Grund zu gehen, der erste Einstieg: weil Zitate zu entziffern sind, wenn man sie denn erkennen kann. In Popkritiken ist auch deswegen so oft von Texten die Rede, weil alles andere so schwer zu fassen ist. Aber man reißt den Text unweigerlich immer aus dem Zusammenhang. Er ist nie nur Text und wird auf Papier immer nur weniger.

Bob Dylan selbst hat am Donnerstagabend auf einer Bühne gestanden und den Preis mit keinem Wort erwähnt, den er ein paar Stunden zuvor erhalten hat. Er war in Las Vegas, der Welthauptstadt der Performance.

Quelle: F.A.S.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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