Literaturnobelpreis für Alice Munro

Es geht ums Ganze, jederzeit

Von Tilman Spreckelsen
 - 09:42

Literarisch betrachtet, ist die Auszeichnung für Alice Munro eine sichere Sache. Seit vielen Jahren zählte die kanadische Autorin mit gutem Grund zum Kreis der Favoriten. Und auch politisch betrachtet, gibt es nur einen heiklen Punkt: Die Nachbarschaft der Kanadierin zu ihren Kollegen in den Vereinigten Staaten. Philip Roth, Thomas Pynchon und Don DeLillo wurden schon wieder übergangen. Doch die Schwedische Akademie hat schon häufiger alle Erwartungen unterlaufen. Und so undurchsichtig die Kriterien für diese Auszeichnung sind, so sehr sah man sich manchmal zur Annahme gezwungen, dass bei der Vergabe auch der Zufall eine Rolle gespielt haben könnte.

Den Anteil des Zufalls an unserem Schicksal hat nämlich niemand besser dargestellt als Alice Munro - vor allem, wenn es um scheiternde Liebesgeschichten geht. Gerade dann, wenn es nach dem unverhofften Anfang schon rasch nach Fügung aussieht, nach einem Schicksal, das sich unweigerlich erfüllen muss, wenn wir nur wollen. „Tricks“, die Titelerzählung aus Alice Munros 2004 erschienenem Buch, mag hier exemplarisch für das schier unauslotbare Werk der Autorin stehen, weil sie auf schmalem Raum alles enthält, was Munros Texte so bedeutend macht: das Raffinement der Handlungskonstruktion, die ihre Konstruiertheit vollständig verbirgt.

Munros Stärken

Die sechsundzwanzigjährige Kanadierin Robin jedenfalls zweifelt in „Tricks“ nicht daran, dass die von reichlich Zufällen herbeigeführte Begegnung mit dem montenegrinischen Zuwanderer Danilo entscheidend für ihr Leben sein wird. Als sie sich nach wenigen Stunden der Bekanntschaft und ein paar Küssen auf dem Bahnhof trennen, verabreden sie ein neues Treffen exakt ein Jahr später. „Es ist wichtig, dass wir uns begegnet sind“, sagt Danilo. Und dass er sie bitte, dasselbe Kleid zu tragen, dieselbe Frisur. Um sicherzugehen, dass er sie auch erkennt.

Mit dem Kleid fangen einen Sommer später die Zufälle wieder an, es kommt nicht rechtzeitig aus der Reinigung, weil das Kind der Angestellten krank ist, auch in Danilos Stadt geht alles wie zufällig schief, und als Robin in seinen Uhrmacherladen kommt, wirft er sie wortlos hinaus. Jahrzehnte später erfährt sie, dass sie sich an diesem Tag beinahe in allem getäuscht hat, vor allem in Danilo. Und dass ihr grünes Kleid auf eine vertrackte Weise dabei die Hauptrolle gespielt hat. Das sind Munros Stärken: die mit klarem Blick beobachteten und niemals vorgeführten Figuren. Die Teilnahme, die unterschwellig bleibt und auf die sich der Leser einlassen kann oder eben nicht. Und das Bewusstsein dafür, dass es in bestimmten literarischen Formen auf die diskrete Vermittlung von Detail und Totale ankommt.

„Diese paar Stunden“, heißt es in „Tricks“ über Robins regelmäßige Zugfahrten zu den Samstagsmatineen des städtischen Theaters, „erfüllten sie mit der Zuversicht, dass das Leben, in das sie zurückkehrte und das für sie nur ein unbefriedigender Notbehelf war, bestimmt nicht von Dauer sein würde und deshalb leicht ertragen werden konnte. Und hinter diesem Leben, hinter allem, leuchtete es hell auf, ganz wie das Sonnenlicht, das durch die Zugfenster zu sehen war.“ Es spricht sehr für Munro, dass völlig in der Schwebe bleibt, ob man die Naivität der so spät erstmals verliebten von Robin belächeln oder ihren unbedingten Willen achten sollte. Die Autorin lässt über die gesamte Geschichte beide Deutungen zu.

Wie der Vater so die Tochter

Geboren wurde Alice Munro am 10. Juli 1931 in der kanadischen Provinz Ontario. Über ihren Vater, den einzigen Sohn eines Farmers, schreibt sie in ihrem familiengeschichtlich grundierten Erzählungsband „Wozu wollen Sie das wissen?“ (2006), er habe sich trotz einer offensichtlichen Begabung, glänzend bestandener Prüfungen und einer ungewöhnlichen Freude am Lesen respektvoll aus der weiterführenden Schule zurückgezogen: „Er war durchaus willens, den Leuten in der Schule das Recht zuzugestehen, eine fremde Sprache oder Logik zu verwenden. Er bat sie nicht darum, sich für ihn verständlich auszudrücken. Er besaß einen gewissen Stolz, der wie Bescheidenheit wirken mochte, ihn ängstlich und empfindlich machte, jederzeit bereit, sich zurückzuziehen. Ich kenne das sehr gut.“

Seine älteste Tochter Alice erhielt mit achtzehn ein Stipendium für die University of Western Ontario zugesprochen, wo sie zwei Jahre lang Journalismus studierte und dann, ähnlich wie seinerzeit ihr Vater, die Sache sein ließ. Als Studentin veröffentlichte sie ihre ersten Kurzgeschichten, eine literarische Form, bei der sie im Wesentlichen bis heute geblieben ist. Sie heiratete, bekam Kinder, arbeitete in der Buchhandlung ihres Mannes, schrieb weiter und publizierte, nachdem sie den Löwenanteil ihrer Texte vernichtet hatte, 1968 ihr erstes Buch. Es enthält fünfzehn Erzählungen, die das strenge Auge der Autorin gelten ließ, (darunter ein furioses Kabinettstück mit dem Titel „Das Büro“ über eine Schriftstellerin und die Schikanen ihres kontrollsüchtigen Vermieters) und ist unter dem Titel „Tanz der seligen Geister“ 2010 erstmals auf Deutsch erschienen.

Jüngere Kollegen schauen zu ihr auf

Heute ist Munro eine der meistprämierten Autorinnen der Welt, Kollegen wie Jonathan Franzen, Joyce Carol Oates oder Anne Tyler verehren sie, und als ihr 2009 der Man Booker International Prize zuerkannt wurde, war die Zustimmung einhellig. Das gilt nicht zuletzt der Bereitschaft, den Kosmos ihrer Figuren mit jedem Band zu erweitern und tiefer auszuleuchten, Krankheit und Verfall auf das selbstverständlichste mit Aufbruch zu verknüpfen (wie in der 2001 erschienenen Sammlung „Himmel und Hölle“) und dabei allen Beteiligten ihr Geheimnis zu lassen. „Wenn man über wirkliche Menschen schreibt, stößt man ständig auf Widersprüche“, heißt es in „Wozu wollen Sie das wissen?“

So gesehen, sind Munros Protagonisten äußerst lebendig: Eindeutigkeit der geschilderten Person ist bei dieser Autorin am allerwenigsten zu haben, auch wenn wir die gesamte Konstellation der jeweiligen Geschichte oft genug als durchscheinend wahr erleben, in dem Sinn, dass wir keinen Grund haben, eine außerliterarische Realität als diesen Texten überlegen anzusehen.

Es geht ums Ganze, jederzeit. Und natürlich hätten alle das bemerken können, die Figuren ebenso wie wir Leser, hätten wir nur Augen und Ohren. „,Ich sterbe‘, sagte Robin an einem Abend vor Jahren. ,Ich sterbe, wenn das Kleid nicht fertig ist.‘ Das sind die ersten Worte von „Tricks“, die man an dieser Stelle ebenso albern wie rührend finden mag. Munro legt beiläufig Minen und zündet sie mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt. Schon dafür hat sie den Literaturnobelpreis verdient. Für alles andere auch.

Reaktionen zum Nobel für Alice Munro

Orhan Pamuk: „Ich bin sehr einverstanden mit dieser Entscheidung. Jedes Mal, wenn ich etwas von Alice Munro las, habe ich diese Autorin bewundert und mir gesagt: Du solltest noch mehr von ihren Büchern lesen! Und vielleicht solltest Du damit anfangen, selbst Erzählungen zu schreiben . . . Jetzt werde ich aber zuerst einmal losgehen und mir noch einige Bücher von Alice Munro besorgen.“

Orhan Pamuk war Literaturnobelpreisträger im Jahr 2006

Die englischsprachige Welt zeigt sich erfreut über die Vergabe des Literaturnobelpreises an Alice Munro. Salman Rushdie, selbst immer wieder als Kandidat im Gespräch, nannte seine kanadische Kollegin „eine Meisterin der Form“. Margaret Atwood, gleichfalls genannte Anwärterin und Landsfrau von Munro, twitterte:

Hooray! Alice Munro wins 2013 Nobel Prize in Literature http://t.co/jKISiWzh8i

— Margaret E. Atwood (@MargaretAtwood) October 10, 2013


Die Dreiundsiebzigjährige ist mit der zweiundachtzigjährigen Munro befreundet. Der russische Autor Viktor Jerofejew bedauerte gegenüber dieser Zeitung die verpasste Chance für die favorisierte weißrussische Publizistin Swetlana Alexijewitsch: „Es ist aber richtig, dass das Nobelpreiskomitee ein Urteil für die Literatur gefällt hat.“ Von Martin Walser kam auf der Buchmesse nur ein knapper Satz: „Null - ich kenne sie nicht.“

F.A.Z.

Auf Deutsch lieferbare Bücher von Alice Munro

* „Was ich Dir schon immer sagen wollte“. Dreizehn Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Dörlemann Verlag, Zürich 2012. 384 S., geb., 23,90 .

* „Zu viel Glück“. Zehn Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 368 S., geb., 19,95 .

* „Tanz der seligen Geister“. Fünfzehn Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Dörlemann Verlag, Zürich 2010. 384 S., geb., 23,90 .

* „Die Liebe einer Frau“. Drei Erzählungen und ein kurzer Roman. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2011. 224 S., br., 8,95 .

* „Der Traum meiner Mutter“. Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2011. 224 S., br., 8,85 .

* „Himmel und Hölle“. Neun Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012. 544 S., br., 10,- .

* „Wozu wollen Sie das wissen?“ Elf Geschichten aus meiner Familie. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010. 384 S. br., 9,95 .

* „Tricks“. Acht Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2008. 528 S., br., 10,- .

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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