Löwenherz-Ausstellung

Haben Gefangene Freunde?

Von Tilamn Spreckelsen
 - 20:50
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Eine Sage vom Rhein geht so: Als der englische König Richard Löwenherz auf der Rückkehr vom Kreuzzug gefangen genommen worden war, machte sich der Barde Blondel auf den Weg, um den Verschwundenen zu finden. Er kam zur Burg Trifels in der Pfalz. An ihren mächtigen Mauern erkannte er, dass sie ein würdiger Ort war, um einen König festzuhalten. Er schlich sich zum Verlies und sang ein Lied, das außer ihm nur Richard kannte. Als von jenseits der Mauer eine zweite Stimme mitsang, wusste Blondel, dass er seinen König gefunden hatte. Vorsorglich hatte er ein reiches Lösegeld mitgebracht, und bald konnte er mit dem freigekauften Richard zurück nach England reisen.

Abgesehen davon, dass Richard Löwenherz 1193 tatsächlich einige Wochen auf Trifels inhaftiert war, stimmt an der Geschichte praktisch nichts. Ihr Kern ist eine mittelenglische Romanze, entstanden um 1260, also sechs Jahrzehnte nach Richards Tod, und sie ist außer an den Trifels auch an andere Orte geknüpft, vor allem an die österreichische Burg Dürnstein. Dabei hätte niemand den Monarchen suchen müssen, seine Gefangenschaft war kein Geheimnis und auch nicht sein jeweiliger Aufenthaltsort, im Gegenteil: Richard war in der Haft von einem kleinen Hofstaat umgeben, er ging aus der Ferne seinen Amtsgeschäften in England und auf dem Kontinent nach, so gut das eben ging, und lebte einigermaßen komfortabel. Allerdings gibt es Berichte, nach denen die Haftbedingungen verschärft wurden, wenn Besucher aus Richards Heimat davon überzeugt werden sollten, das unerhört hohe Lösegeld von 100.000 Mark in Silber endlich aufzubringen.

Trotzdem ist die Blondel-Sage gut erfunden. Sie betont einen Zug Richards, der ihn mit wenigen Monarchen seiner Zeit verbindet: Der Erbe des südfranzösischen Aquitanien, der Heimat der Troubadoure, war an deren Schaffen so interessiert, dass er auch selbst als Autor von Liedern auftrat. Zwei haben sich erhalten, darunter der Klagegesang „Ja nus hons pris ne dira sa raison“. Es schildert die Situation des Gefangenen, der sich von allen verlassen fühlt, weil niemand das Lösegeld aufbringen will: „Nun weiß ich es genau und wahrlich sicher“, singt er, „dass man, ob tot oder gefangen, weder Freunde noch Verwandte hat, da man es an Gold oder Silber für mich fehlen lässt.“ Es gehe ihm übrigens nicht um die eigene Person, sondern um seine Pflichten gegenüber seinen Untertanen. In der Gefangenschaft könne er sie nicht vor den Feinden beschützen: „Es ist kein Wunder, dass es mich im Herzen schmerzt, wenn mein Herr mein Land quält und unterdrückt. Wenn er sich nur unseres Eides erinnern würde, den wir beide uns gegenseitig geleistet haben!“

Kurznachrichten von Richard Löwenherz

Diese Liedzeilen Richards führen in den Kern der politischen Wirren, denen er seine Haft und später seinen Tod auf dem Schlachtfeld verdankte. Denn sein eidbrüchiger „Herr“ ist der französische König Philippe II. Augustus, der aber nur einen kleinen Teil des Landes direkt kontrollierte. Richard war offiziell sein Vasall, weil er auf französischem Boden einen riesigen Besitz geerbt hatte, der von der Bretagne bis an die heutige spanische Grenze reichte. Das komplizierte Verhältnis der beiden Könige, die in jungen Jahren so sehr befreundet gewesen waren, dass sie, wie es in zeitgenössischen Berichten heißt, im selben Bett schliefen, mündete in offene Feindschaft: Während Richards Haft stiftete Philippe II. die französischen Untertanen seines Rivalen zur Aufruhr an, was der ihm nach Kräften heimzahlte, und Richards Tod im Frühjahr 1199 ist eine Folge: Der König starb durch einen Armbrustbolzen, der auf ihn abgefeuert wurde, während er eine abtrünnige Burg im Limousin belagerte.

Eine Ausstellung in Speyer nimmt sich nun des englischen Königs an, untersucht den Mythos, der sich rasch um ihn bildete, fragt nach der Person, der Herkunft, der Ausbildung und den Merkmalen seiner Herrschaft und bettet ihn zugleich in die europäische Geschichte ein. Als roter Faden dient dabei eine Reihe von animierten Karten, die – verteilt über mehrere Ausstellungsräume – Richards Reise ins Heilige Land und zurück veranschaulicht und den König dabei Kurznachrichten zu seinen Erlebnissen schreiben lässt, von der Überfahrt nach Sizilien und Zypern (wo er 1191 seine Verlobte, die Prinzessin Berengaria von Navarra, heiratete) über die Eroberung der Stadt Akkon, die Gefangenschaft und Befreiung Richards bis zur Rheinfahrt Richtung England, wo er seinen Bruder Johann Ohneland in die Schranken wies und schließlich in Winchester ein zweites Mal gekrönt wurde.

Die klare Gliederung der Ausstellung in verschiedene Stationen tut ein Übriges, um die Aufmerksamkeit des Besuchers zu lenken – auch auf Exponate, die nicht immer für sich sprechen. Da sind Kostbarkeiten aus dem Besitz der mit Richard eng befreundeten Welfen wie etwa das Kreuz Heinrichs des Löwen, da sind Handschriften, die als zeitgenössische oder wenig später verfasste Chroniken die Ereignisse aus zum Teil recht unterschiedlichen Perspektiven schildern, und da sind Trouvaillen wie etwa eine reich illustrierte Handschrift des „Lanzelet“ – der deutsche Dichter Ulrich von Zatzikhoven verdankt seinen Stoff, wie er dankbar bekennt, einem englischen Adligen, der auf den Kontinent gereist war, um sich als Geisel für seinen König zu stellen, was sich als literaturgeschichtlich ungeheuer folgenreich erweisen sollte.

Mit der „Magna Carta“ in eine neue Zeit

Tatsächlich war es Richards Familie, die sich das zeitgenössische Artus-Fieber zunutze machte und im Kloster Glastonbury Ausgrabungen veranlasste, die zwei Gräber zutage förderten. Darin lagen König Artus und seine Frau Ginover, wie die Aufschrift eines passend dazu plazierten Kreuzes mitteilte – auch das legendäre Schwert Excalibur sei dort gefunden worden, heißt es, anschließend habe es dann Richard Löwenherz geführt.

Dass die Speyerer Ausstellung einen Steinblock an zentraler Stelle aufstellt, in dem ein Schwert steckt, das sich durch die Besucher sogar ein Stückchen herausziehen lässt, ist als Tribut an den Excalibur-Mythos durchaus legitim. Wesentlich beeindruckender aber sind die vielen authentischen Zeugnisse von einer Herrschaftsauffassung, die sich genau in dieser Epoche zu wandeln beginnt und neben dem Siegeszug der Verwaltung schließlich im Stammland von Richards Bruder und Nachfolger Johann – dem die Illustrationen der Chroniken gern eine schief sitzende Krone verpassen – in die „Magna Carta“ mündet. In Speyer wird diese Urkunde, die umfassende Rechte der vom König Beherrschten verbrieft, in einem Exemplar der zweiten Fassung von 1217 repräsentiert. Wie sehr der Besucher nach allem, was er zuvor gesehen hat, das Dokument nun als Aufbruchssignal in eine neue Zeit wahrnimmt, ist das Resultat einer intelligenten Ausstellungsdidaktik.

Richard Löwenherz. Bis zum 15. April 2018 im Historischen Museum der Pfalz, Speyer. Der vorzügliche Katalog ist im Verlag Schnell und Steiner erschienen und kostet 24,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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