Dichtung und Neurochirurgie

Herztöne

Von Hubert Spiegel
 - 13:30

Uh uh ih yeah, oh oh! Uh, oh yeah! (Herbert Grönemeyer).

Am morgigen Sonntag vor fünfzig Jahren, dem 3. Dezember 1967, gelang dem südafrikanischen Chirurgen Christiaan Barnard die weltweit erste Herztransplantation. Der Patient, der dreiundfünfzigjährige Gemüsehändler Louis Washkansky, lebte achtzehn Tage lang mit dem Herzen eines anderen Menschen. Es gehörte der fünfundzwanzigjährigen Bankangestellten Denise Ann Darvall, die bei einem Verkehrsunfall tödliche Hirnverletzungen erlitten hatte. Washkansky starb an einer Lungenentzündung, die er sich zuzog, weil die Ärzte sein Immunsystem weitgehend lahmgelegt hatten, um eine Abstoßung des fremden Organs zu verhindern. Seit der Entwicklung des Immunsuppressivums Cyclosporin A im Jahr 1981 gehören Herztransplantationen weltweit zum Standardoperationsspektrum vieler Kliniken. Das ist allgemein bekannt.

Nur unsere Barden, Dichter, Singer/Songwriter haben es offenbar mal wieder nicht mitbekommen: „Uh uh ih yeah, oh oh! Uh, oh yeah / Gib mir mein Herz zurück / Du brauchst meine Liebe nicht / Gib mir mein Herz zurück / Bevor es auseinander bricht“, singt Herbert Grönemeyer. Und was schniefnuschelt Udo Lindenberg ins Mikro? „Ein Herz kann man nicht reparier’n, niemand weiß wie das geht / Es ist meistens zu spät“. Klaus Lage (Tausendmal transplantiert / tausendmal ist nix passiert) müsste es eigentlich auch besser wissen.

Wie wird die lyrische Zunft reagieren, wenn nun in den nächsten Wochen der italienische Neurochirurg Sergio Canavero seine Ankündigung wahr macht und die erste Kopftransplantation in der Geschichte der Menschheit durchführt? Werden die Dichter die Köpfe in den Sand stecken? Durs Grünbeins „Schädelbasislektion“ noch einmal studieren? Bei den alten Griechen nachschlagen? Wie war das noch gleich mit Hydra, Medusa, Onesilos? Gib mir mein Haupt zurück. Niemand weiß, wie das geht, es ist meistens zu spät.

Jan Wagner, diesjähriger Träger des Büchnerpreises, erinnert in einem seiner Gedichte an das von Herodot überlieferte Schicksal des Heerführers Onesilos, dem nach der Schlacht die siegreichen Perser den Kopf abschlugen, um ihn am Stadttor auszustellen. Wagner lässt einen Bienenschwarm sein Nest im leeren Schädel bauen. Der summt im Morgenlicht. Wo einst sich ein Gesicht befand, herrscht nun reges Treiben. Bienengewimmel. Honig, ausgedacht. „Er hatte fast ein Land, als er noch lebte. / Nun lebt in seinem Kopf ein ganzer Staat.“ So endet das Poem auf einen, der vor 2514 Jahren seinen Kopf verlor und nie mehr einen anderen fand. Uh. Oh. Yeah.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert (igl)
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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