Managementvokabular

Edutain me

Von Melanie Mühl
 - 11:28

Das Managementvokabular ist reich an Wortschöpfungen. Bei all den scharfsinnigen Kofferwörtern kann es schon mal passieren, dass einem ein Begriff durch die Lappen geht. Irgendwann aber, das lehrt die Vergangenheit, schickt irgendjemand eine Mail, und ruck, zuck ist man wieder auf dem neuesten Stand und am Puls der Zeit. Neulich kam so eine Mail, deren Betreffzeile lautete: „Glamour in der Führungsetage: Neue Visionen für deutsche Firmen und Politiker!“ Nun spricht erst einmal nichts dagegen, dass es auf dem Politik- und Firmenparkett zur Abwechslung weniger zugeknöpft und etwas glamouröser zugeht, Karl-Theodor zu Guttenberg kann diesen Job nicht allein stemmen.

Das entscheidende „Tool“ für einen erfolgversprechenden Führungsstil, ob in Politik oder Wirtschaft, heißt jetzt Edutainment. Das Wort, entnehmen wir der von einer Wirtschaftsberaterin („Edutainerin“) verfassten Mail, „ist die Verschmelzung aus Education und Entertainment. Inhaltlich vereint Edutainment fachliche Weiterbildung mit Unterhaltung.“ Ein Spaßprinzip, das sich auch bei kindgerechter Wissensvermittlung bewährt hat. Wer jetzt ins Grübeln kommen und Phrasendrescherei vermuten sollte, dem wird versichert: „Edutainment ist echt.“ Es beeinflusse direkt die Einstellung („Mindset“) und Fähigkeiten („Skills“) des Menschen. Hilfreich ist zudem, einen Blick in Tolstois „Anna Karenina“ zu werfen und aus dem berühmten ersten Satz die richtigen Schlüsse zu ziehen: „Versuchen Sie die Prinzipien einer glücklichen Familie auf Ihre ,Bürofamilie‘ zu antizipieren, und Sie werden Erfolg haben.“

Auf den mit dem nötigen Edutainment-Knowhow ausgestatteten Chef gemünzt heißt das, dass dieser seine Mitarbeiter aus der Reserve lockt, indem er den Showmaster gibt, die Belegschaft intrinsisch dauermotiviert, häufig lacht, gern groß denkt („Stärken stärken“) und – „Kleider machen Leute!“ – sich ordentlich anzieht („persönlich und mit dem gewissen ,Glamour‘“). Er ist außerdem, das legt der in der Mail bemühte Vergleich mit Melisandre, der schönen Priesterin aus der Serie „Game of Thrones“, nahe, ein Zauberer, der seinen „Führungskräften besondere Fähigkeiten verleiht“. Das zumindest ist mal ein interessanter Gedanke. Magische Kräfte verband man in der realen Welt bislang mit Fernet-Branca, nicht mit Vorgesetzten. Melisandre kann ja so allerhand. Zum Beispiel Tote auferstehen lassen. Oder Schatten binden. Außerdem beherrscht sie einige alchemistische Tricks. Sie verkörpert ein Edutainmentprinzip, dass das Arbeitsleben tatsächlich auflockern könnte. Man müsste sie abwerben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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