Marcel Reich-Ranicki im Bundestag

Es gilt das erlebte Wort

Von Frank Schirrmacher
 - 17:02
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Reichstag, Bundestag, Holocaustgedenktag: Marcel Reich-Ranicki erzählt über einen Tag in seinem Leben. Es ist der 22. Juli 1942, der Beginn der Deportationen der Juden aus dem Warschauer Getto in die Vernichtungslager. Der SS-Sturmbannführer Hermann Höfle, ein Sadist von Rang, leitete die Operation. An diesem Tag erschien er im Getto und formulierte vor den Vertretern des Judenrats unter Walzerklängen die Befehle zur Deportation. Ein damals zweiundzwanzigjähriger Jude bekam den Auftrag, die Anordnungen, die sogleich überall plakatiert werden sollten, ins Polnische zu übersetzen. Dieser Übersetzer war Marcel Reich-Ranicki.

Die Rede zum Holocaustgedenktag im Video
Reich-Ranicki im Bundestag

Vielleicht hat man selbst heute noch nicht den Abstand, um zu begreifen, was es heißt, dass dieser Dolmetscher seines eigenen Todesurteils später zum großen Vermittler deutscher Literatur werden sollte. Man kann ihm nur zuhören, wie er von einem Tag erzählt, der einer jener Tage ist, die nicht Stunden, sondern Jahrzehnte, wahrscheinlich Jahrhunderte währen.

1958 flohen die Reich-Ranickis von Polen nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt lebte Hermann Höfle, der sogar kurzzeitig nach dem Zweiten Weltkrieg für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet hatte, immer noch unbehelligt in Deutschland. Als man ihm vier Jahre später dann doch den Prozess machen wollte, erhängte er sich in seiner Zelle.

Zeitgenossenschaft mit den Tätern

Marcel Reich-Ranickis Leben ist immer wieder geprägt von der Erfahrung einer Zeitgenossenschaft mit den Tätern, weit über den 8.Mai 1945 hinaus. Sie lässt sich nicht damit heilen, dass man auch immer wieder und immer öfter guten Menschen begegnet und schließlich eine ganze Gesellschaft einig zu sein scheint in ihrem moralischen Urteil über das, was geschehen war.

Je zynischer eine Gesellschaft wird, die wichtige politische Reden nur noch als Sonntagsreden wahrnimmt, je abgestumpfter sie auf Bekenntnisse und öffentliche Versprechungen reagiert, desto wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass der Staat dort, wo er öffentlich redet oder reden lässt, im tiefsten Sinne des Wortes Gutes tun kann. Die öffentliche Rede ist fast der einzige Moment, wo das kalte Ungeheuer des Staates dem Bürger seine Seele zeigt.

Wir, junge Redakteure dieser Zeitung, haben das erlebt. Diffus zwar, viel zu unbelehrt und in seiner ganzen Wirkung erst später wirklich begriffen, aber schon damals in seiner emotionalen Wucht unabweisbar. Am 8.Mai 1985 hielt Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede zum Kriegsende. Dass sie wirkungsvoll, ja, historisch werden würde, war sofort klar.

Reden können Menschen befreien

Doch wir hatten Gelegenheit, die Bedeutung öffentlicher Rede mikroskopisch zu studieren. Es war keine Woche später, als Marcel Reich-Ranicki in der Redaktionskonferenz diese Rede nicht nur lobte, wie nur er zu loben versteht. Nein, man spürte an ihm eine geradezu existentielle Erleichterung, keine Erlösung, aber ein wirkliches Aufatmen, und jeder, der mit ihm damals redete, bemerkte, dass Reich-Ranicki wirklich befreit wirkte.

Das will sagen: Reden können Menschen befreien; Reden, die von Repräsentanten des Staates gehalten werden, haben diese Kraft, wenn man sie ihnen nur zutraut. Das war ja nicht nur die Rede des Staatsoberhauptes, die die Verantwortung für die Verbrechen des Dritten Reichs übernahm. Da sprach auch Richard von Weizsäcker, der nur wenige Monate vor Reich-Ranicki in einem anderen Stadtteil Berlins das Abitur gemacht hatte und nun im Namen Deutschlands um Vergebung bat.

Wir kannten die politische Rede in Deutschland in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts allzu oft nur als demagogische Rede. Weizsäckers historisches Wort war damals nicht nur eine Antwort an die Opfer, sondern auch eine an Joseph Goebbels. Die glaubwürdige Rede, so sah man, hat selbst in einer von Marketing- und Reklameslogans überfüllten Welt die Macht, wie eine Handlung zu wirken.

Politik kann so viel, wenn sie nur will

Heute kann man ohne Übertreibung sagen, dass Richard von Weizsäcker mit einer einzigen Rede das getan hat, was nur ein Staatsoberhaupt tun kann: Er hat das Selbstbewusstsein des Staates gestärkt und eine Linie der Unhintergehbarkeit gezogen. Wer das aus der Perspektive des Jahres 2012 sieht, der kann sich nur freuen: Die öffentliche Rede kann zur Hausapotheke einer Gesellschaft werden.

Das heißt aber auch: Politik kann so viel, wenn sie nur will. Natürlich lebt sie im Agon, im Streit, in Interessen und Abhängigkeiten. Aber ihrem Wesen nach lebt sie vom Wort und vom Glauben ans Wort. Nicht Feldherren und Monarchen loben wir heute, sondern bezeichnenderweise gerade die Politiker, die die Menschen, und sei es nur einmal, über die öffentliche Rede erreichten.

Weil das so ist, war Norbert Lammerts Entscheidung, an diesem Freitag Marcel Reich-Ranicki reden zu lassen, viel mehr, als sie scheint. In gewisser Weise ergänzt Reich-Ranickis Rede die Rede des Staatsoberhaupts und Jahrgangsgenossen Richard von Weizsäcker. Und Lammert, der Kleist-Kenner, ist ein Mann, der viel von politischer und literarischer Symbolik versteht.

Wir wurden also an einen Tag im Juli 1942 erinnert, gesprochen an einem Tag, wo die Soldaten der 322. Division der Roten Armee Auschwitz befreit haben, gesprochen von einem Mann, der für Auschwitz bestimmt war, im Beisein eines ehemaligen Staatsoberhaupts, das dafür um Vergebung bat, und in einer Institution, dem Reichstag, wo einst das Ermächtigungsgesetz verabschiedet wurde.

Das klingt in sich unvorstellbar. Aber die Einübung ins Unvorstellbare ist ein wesentlicher Bestandteil politischer Aufklärung. Einen Tag vor dem Gedenktag beschließt der Deutsche Bundestag einen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der rechtsextremistischen Morde. Vielleicht kann eine solche Gedenkstunde nicht mehr leisten als das: zu zeigen, wie hauchdünn die Linie ist, die das, was gestern noch unvorstellbar schien, zur Tatsache macht.

Quelle: F.A.Z.
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