Marcel Reich-Ranicki

Literatur als Lohn und Erweckung

Von Siegfried Lenz
 - 11:41
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Noch während er in Warschau war, wechselten wir hin und wieder einen kurzen Brief. Marcel wollte weniger wissen, wie und wovon ich lebe; was ihn vor allem interessierte: woran ich gerade schrieb. Eine Auskunft darüber schien ihm zu genügen, schien ihm alle Informationen über mich zu ersetzen. „Woran arbeiten Sie gerade?“, eine Schlüsselfrage, die er in späteren Jahren oft wiederholte, auch an dem Tag, als er vor fünfzig Jahren zu uns nach Hamburg kam.

An jenem Sonntag sagte er mir: „Ich bleibe hier.“ Hierbleiben, das war mir sogleich klar, sagt sich nicht leichthin. Für einen wie ihn schließt es mancherlei ein: Trennung, Lossagung von kommunistischer Vormundschaft, Preisgabe gesammelter Zeugnisse eigener Tätigkeit, Abschied von Freunden und, nicht zuletzt, Mut zu neuer Lebensgründung. Ein Kritiker, der in Polen lektoriert und kritisiert, der trotz mancher Hemmnisse unentwegt für die Literatur gewirkt hatte, entschied sich, hierzulande das Gleiche zu tun. Da fragt man sich doch: Was bringt er ein, worauf verlässt er sich, wie weit trägt seine Stimme?

Das Wunder einer Rettung durch Literatur

Damals, vor fünfzig Jahren, wohnten wir nicht weit voneinander entfernt, selbst unter der erstaunlichen Adresse Ubierweg war er leicht erreichbar. Wir trafen uns oft, bei ihm, bei uns, bei Freunden. An langen Erzählabenden erfuhr ich von ihm, dem Zeugen, dem Überlebenden, etwas vom Martyrium im Warschauer Getto, vom armen Leben, vom schnellen Tod; erfuhr aber auch vom Wunder einer Rettung durch Literatur oder vielmehr von erzählter Weltliteratur, die als Honorar genommen wurde für eine waghalsige Lebensrettung.

Ein polnischer Drucker, der ihn und seine Frau verbarg, wurde mit wiedererzählter Literatur entlohnt. Seine Frau war fast immer dabei, Tosia, die geduldigste Zuhörerin, die ich kennengelernt habe. Ihre teilnahmsvolle Art zuzuhören kam mir immer als Ermutigung des Erzählers vor fortzufahren, nur ja fortzufahren.

Seine Urteile wurden geschätzt und bezweifelt

Was seinen Anfang vor fünfzig Jahren begünstigte, habe ich aus der Nähe erfahren. Selbstverständlich war es Marcels außerordentliche Kenntnis der Literatur, aber nicht weniger förderlich erwiesen sich Fleiß und Ausdauer und eine Urteilsfähigkeit, die weithin aufhorchen ließ. Formelhaft gesagt: Dieser Kritiker empfahl sich selbst weiter. Überall da, wo über Literatur gehandelt wurde, wollte man auf seine Stimme nicht verzichten, in Zeitungen ebenso wenig wie im Radio und im Fernsehen („Was machst du gerade?“ – „Ich arbeite“. Und das hundertmal).

Aber auch in anderen Ländern wollte man seine Urteile hören, in Schweden ebenso wie in Amerika und Holland. Und einmal fuhren wir gemeinsam zu einer Tagung der Gruppe 47, bei der man sich interessiert zeigte an den Ad-hoc-Urteilen dieses Kritikers. Seine Urteile wurden geschätzt und bezweifelt, sie wurden bewundert und in Frage gestellt; doch wenn das Echo auch mitunter gespalten war – etwas an ihnen war so bemerkenswert, dass sie weite Beachtung fanden: ihre Entschiedenheit und die Begründung dieser Entschiedenheit. Da gab es kein laues Sowohl-als-auch, da wurden keine Rabatte zum Trost erteilt; Mildtätigkeit und preiswerte Schonung kamen in seinem Spruch nicht vor, stattdessen glänzten sie durch Entschiedenheit und, wenn es sein musste, auch durch Unerbittlichkeit.

Im Fundus menschlicher Erfahrung

Ich seufzte nur einmal betroffen auf, als er mir die Augen über meine Texte öffnete: „Du bist der geborene Sprinter“, urteilte er: „Über die lange Strecke musst Du Dich noch bewähren.“ Jetzt wusste ich, was er von meinen Erzählungen, was er von meinen Romanen hielt.

In all den Jahren unserer Freundschaft habe ich keinen gekannt, dem Literatur so viel bedeutete wie Marcel Reich-Ranicki. Es langweilte ihn erkennbar, wenn über Hausbau, Banküberfälle oder Landschaft gesprochen wurde oder über Weinsorten oder über mein Lieblingsthema, die Fischerei. Als Zeichen seiner Ungeduld begann dann immer ein Fuß zu wippen, oder er stieß eigenartig gequälte Presslaute aus. Das Stichwort „Literatur“ war ein verlässliches Erweckungssignal.

Alles, was in ihr bewahrt ist, der ganze Fundus menschlicher Erfahrung, schien ihm theoretisch zur Verfügung zu stehen, und er erinnerte an dargestellte Verhängnisse und den Traum vom Glück, die noch jedes Leben begleiteten. Klarheit zu gewinnen, das schwebte ihm vor, Klarheit über die eigene Lage.

Das tat er oft und bei vielen Gelegenheiten, selbst in einem städtischen Schwimmbad, zu dessen Besuch ich ihn regelmäßig abholte. Wir machten kein Wettschwimmen; wassertretend sprachen wir über Böll und Andersch und fanden zu dem übereinstimmenden Urteil, dass Koeppen schon wieder einmal und immer noch in seiner Bedeutung unterschätzt wurde.

Nein, ich habe keinen gekannt, dem Literatur so viel bedeutete; er litt, wenn sie ihm als missglückt erschien, und er pries und verteidigte sie, wenn er sich von ihr „getroffen“ fühlte – ein Ausdruck, den er selbst gebrauchte. Vor fünfzig Jahren kam er hierher und hat sich zum Bleiben entschlossen. Dass Literatur durch seine Tätigkeit eine öffentliche Angelegenheit wurde, ist auch ihm zu danken, und ich zögere nicht zu sagen, dass wir alle, die heute schreiben, einen Anwalt gefunden haben, zu dem wir uns beglückwünschen können.

Quelle: F.A.Z.
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