Glosse zu Margaret Thatcher

Punk und Perlenkette

Von Gina Thomas
 - 10:33

Die meisten Pop- und Rocksongs über Margaret Thatcher eignen sich nicht zum Abdruck. Morrissey träumte beispielsweise davon, wie die Premierministerin auf der Guillotine starb. Elvis Costello stellte sich die Freude bei ihrer Grablegung vor. Der Chor in dem Musical „Billy Elliott“ singt „Frohe Weihnachten, Maggie Thatcher, wir feiern heute, weil es deinen Tod einen Tag näher bringt“. Und die Punk-Band Exploited überschüttete sie mit Schimpf und Spott.

Das hat ihr Beraterstab freilich verschwiegen, als er die Premierministerin im Wahljahr 1987 für ein Interview mit der Popzeitschrift „Smash Hits“ vorbereitete, um sie jüngeren Wählern näher zu bringen. Die Zeitschrift hatte anderes im Sinn. Sie entsandte ihren stellvertretenden Chefredakteur Tim Hibbert in die Downing Street, um etwas über die musikalischen Vorlieben der Premierministerin und ihre Einstellung zu Fragen, die jungen Leser interessieren, zu erfahren. Die Einweisung in die Rockszene, die das Thatcher-Archiv gerade freigegeben hat, liest sich heute wie die Parodie eines Wikipedia-Eintrags für Unbedarfte. Die Punk-Bewegung wird als „sehr elementarer Musikstil“ beschrieben, der aus „einem seltsamen Bündel von Anti-Establishment-Darbietungen“ bestehe. Als Beispiele werden die Songs „God Save the Queen“ und „Anarchy in the UK“ der Sex Pistols angeführt. Inzwischen sei die Ära der „technologischen Musik“ angebrochen, die „Computer, Synthesizer und Videos“ verwende, klären die Beamten ihre Chefin auf, die sie vorher gewarnt hatten, sie werde unter Umständen kein Vergnügen an dem Gespräch finden. „Mr. Hibbert könnte oberflächliche Fragen stellen, die mangelndes Verständnis verraten.“ Die Herausforderung liege darin zu zeigen, dass die Premierministerin die Bedürfnisse der Jugend verstehe, obgleich sie nicht zur Pop-Szene gehöre.

Die Beamten haben sowohl Margaret Thatcher als auch den Journalisten unterschätzt. Hibbert berichtete nach dem Gespräch in gutmütig mokantem Ton, wie die „Figur in matronenhaftem weinroten Outfit mit perliger Kette“ von einem goldenen Sessel aufgesprungen sei und ihn mit strahlendem Lächeln begrüßt habe. Lesern, die verdutzt sein mochten, dass die Premierministerin sich auf ein Gespräch mit seiner Zeitschrift eingelassen habe, erklärte Hibbert: „Ganz einfach, sie wollte von der Jugend gewählt werden.“ So mühevoll Thatchers Versuch war, Verständnis für die Jugend zu zeigen: Sie biederte sich nicht an. Vielmehr riskierte sie Spott, indem sie sich zu ihren altmodischen Vorlieben bekannte. Hibbert bescheinigte ihr außerdem großes Geschick im Ausweichen vor Fragen, was die Premierministerin „als den Profi ausweist, der sie ist“. Sein Fazit: „Margaret Thatcher ist eine ernsthafte Politikerin und sie sucht eure Stimme.“ Die Premierministerin hat die Wahl gewonnen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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