Medien
TNT-Serie „4 Blocks“

Mein Clan, mein Block, mein Gesetz

Von Ursula Scheer
© TNT Serie, F.A.Z.

Drecks-Multikulti“, spuckt der Gangster Ali Hamady (Kida Khodr Ramadan) verbal aus, als er auf einem Kontrollgang durch sein Hoheitsgebiet in Neukölln orientalische Straßenmusiker sieht. „Ich hasse diese Dreckshipster, haben den ganzen Bezirk auseinandergenommen“, sagt einer seiner Getreuen, nachdem er einen gewaltfreie Ernährung feilbietenden Bio-Neuankömmling beinahe in seinem Spülbecken ertränkt hat. Wie hätte der bärtige Amerikaner auch ahnen können, dass die Herren vom Hamady-Clan nicht gekommen sind, um vegane Snacks zu kosten. Sie belehren – Muster der Integration – den englischsprachigen Imbissbesitzer: „This is Germany, you must speak German“, dann tauchen sie ihn unter Wasser. Nur eine kleine Warnung. Er stellt jetzt Spielautomaten auf, das Geld geht an den Clan.

Bloß eine Fingerübung für die Familie arabischer Schwerverbrecher, die mit Kokainhandel, Schutzgelderpressung und Prostitution in „4 Blocks“ ein Vermögen gemacht und das Gewaltmonopol an sich gerissen hat. Wer sich ihnen in den Weg stellt, dem brechen sie die Beine, dessen Existenz vernichten sie, auch vor Mord schrecken sie nicht zurück. Die Polizei muss die Täter, um die sich ein Kartell des Schweigens legt, immer wieder laufenlassen. Im Blick des Ermittlers Kutscha (Oliver Masucci) gefriert ohnmächtiger Hass.

Höllentrip durch den Kiez

Kein anderer Sender als ein kleiner Bezahlkanal, der sich um maximalen Konsens, wie ihn das öffentlich-rechtliche Behaglichkeitsfernsehen allzu oft auszeichnet, nicht scheren muss, wäre wohl dieses Wagnis eingegangen: eine deutsche Krimiserie aufzulegen, die nach realen Vorbildern konsequent aus der Perspektive krimineller Ausländer erzählt. Und das mit einer Schonungslosigkeit, wie man sie hierzulande auf dem Schirm noch nicht gesehen hat.

Drei Jahre haben die Drehbuchautoren Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf für den Sechsteiler von TNT auf Recherchen über die Machenschaften arabischer Großfamilien in Berlin verwandt. Marvin Kren, der sich als Regisseur mit Horrorfilmen und dem historischen Mafia-Fernsehkrimi „Mordkommission Berlin 1“ einen Namen gemacht hat, schrieb am Buch mit und setzte es in Szene. Gleich die erste Sequenz schickt den Zuschauer auf einen Trip ins Milieu: Mit dem Mofa der Drogenkuriere Issam und Zeki (Emilio Sakraya und Rauand Taleb), zwei armen Unterteufeln, von denen einer ein altes Deutschlandtrikot und Palästina-Anhänger trägt, geht es zu Deutsch-Rap in den Park. Die satten Bilder sind so schnell montiert wie die Reime; Moritz Schultheiß’ Kameraführung schafft distanzlose Unübersichtlichkeit – auf der Straße, in den Clubs, wo Pole-Tänzerinnen sich in blitzendem Licht an Stangen winden, im Auto mit den Gangstern und wann immer die Gewalt explodiert.

Jederzeit kann es zum Äußersten kommen

Wir sind ganz nah dran, wenn Männer einander mit Fäusten und Eisenstangen halbtot prügeln, das Blut spritzt, als ein Polizist erschossen wird und ein Junkie verreckt. Vor allem aber hat Kren seine Lektionen in Sachen Suspense gelernt. Jederzeit kann es zum Äußersten kommen. Die Mafiamethode, mit Drohungen zu terrorisieren und Macht auszuüben, nur um dann und wann ohne Vorwarnung mit voller Härte zuzuschlagen, ist auch das dramaturgische Prinzip der Miniserie.

Ihren Kern bildet ein Bruderkonflikt: Ali alias Toni Hamady träumt – das einzige Zugeständnis der Serie an Einbürgerungsromantik – von einem deutschen Pass und davon, mit dem blutigen Geld ein sauberes Business aufzubauen. Seine Frau und seine kleine Tochter sollen in Sicherheit und Frieden leben. Doch als die Polizei einen Drogentransport des Clans hochnimmt, der Nachschub fehlt und Rocker im Revier, angeführt von Ruffi (Ronald Zehrfeld), nach der Macht greifen, muss er das Geschäft des Verbrechens wieder an sich reißen. Tonis schärfster Widersacher ist sein Bruder Abbas, verkörpert von dem Rapper Veysel Gelin in seiner ersten Fernsehrolle: ein gewalttätiger Muskelprotz, impulsiv, großkotzig, zu allem fähig – der dann doch wieder weinend um Vergebung bittet. Es geht abwärts mit den Hamadys, so viel ist gewiss, und dass die noch ansatzweise Rechtschaffenheit in sich tragenden Charaktere als Erste zermalmt werden, ist abzusehen.

Sie haben im Kiez das Sagen: Die Herren Hamady mit Anhang
© TNT Serie, F.A.Z.

Sind das also die Berliner „Sopranos“? Anleihen sind unverkennbar, aber wenn man schon Vergleiche ziehen will, mutet „4Blocks“ eher wie eine deutsche Antwort auf die Serienadaption von Roberto Savianos Tatsachenroman „Gomorrha“ an, die am Beispiel des fiktiven, aber realitätsnah gestalteten neapolitanischen Clans der Savastanos vorführt, was Mafiosi sind: keine von „Godfather“-Romantik umwehte Helden, sondern ein verrohter Haufen primitiver Männer, die sich für Götter der Gewalt halten, Millionen umsetzen und aus ihrer Betonsiedlung heraus eine ganze Gesellschaft in den Würgegriff nehmen.

Ein so großes Rad wie die Kollegen aus Italien oder Amerika drehen die Neuköllner freilich nicht, und an die Komplexität der Vorbilder kommen sie nicht heran. Doch auch sie eröffnen den Serienmachern die Möglichkeit, vor der Haustür in eine Parallelgesellschaft einzutauchen, einen Mikrokosmos eigener Regeln, in dem vergleichsweise wenige Figuren existentielle Konflikte bis aufs Blut austragen zwischen Liebe und Verrat, Macht und Loyalität, Gewalt und Erbarmen, Hass und Kontrolle. Das Migrationsthema wird zum Nebenschauplatz, religiöse Konflikte spielen keine Rolle. „4Blocks“ könnte ebenso gut im Rockermilieu oder bei der Russenmafia spielen.

Die zweite Staffel ist schon bestellt

Wie es sich für einen Gangsterkrimi gehört, gibt es einen mutmaßlichen Verräter, der mindestens ein doppeltes Spiel spielt: Vince, den einzigen Deutschen im Bunde, schillernd gespielt von Frederick Lau. Wie in „Gomorrha“ bewegen sich die männlichen Protagonisten durch eine archaische Welt, in der Frauen schweigende Komplizinnen sind. Im luxuriösen Kitschheim der vermeintlichen Nichtverdiener sorgen sie für heile Welt und Nachwuchs. Dort erzählt Papa Gutenachtgeschichten, bevor er den Nächsten massakriert.

„Du musst deinem Mann beistehen, die brauchen uns, so funktioniert das“, sagt Tonis Frau ihrer Schwägerin. Die Serie funktioniert, weil sie kein Interesse an pädagogischen Beschwichtigungen hat, aber auch keines an Dämonisierung, weil Sets und Kostüme passen, sie die richtigen Schauspieler in die richtigen Rollen steckt und trotz Vorhersehbarkeiten genug Volten schlägt, um die Spannung hoch zu halten. Mehr kann man von einer deutschen Serie derzeit kaum erwarten. Welche Richtungen die Figuren einschlagen, bleibt unvorhersehbar. Nur eines ist sicher: Alles bleibt in der Familie. Und eine zweite Staffel ist schon bestellt.

4Blocks beginnt Montag, 21 Uhr, bei TNT Serie.

Quelle: F.A.Z.
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