Hitzefrei-Programm bei der ARD

Der Sommer, der nicht zum Aushalten war

Von Hans Hütt
 - 20:18
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Die Sommerpause war in diesem Jahr bei der ARD etwas länger als der Sommer. Moderatorin Anne Will dehnte sie – mit einer Unterbrechung – auf zwölf Wochen aus. Politisch war ja auch nix los. Zehn Wochen gab es keinen neuen „Tatort“, dafür Wiederholungen im Exzess. Der amerikanische Autor Thomas Pynchon hat in dem Roman „Vineland“ aus davongekommenen kalifornischen Hippies eine Gruppe von Menschen geschaffen, die er die „Thanatoiden“ nannte. Ihre gesamte Kommunikation folgte nurmehr den Skripten der beliebtesten TV-Seifenopern der frühen siebziger Jahre. Im Geiste dieses Vorbilds formt das deutsche Fernsehen sein Publikum um. Die tägliche Ödnis sei unsere vorletzte Ölung.

Die Radioreformer der achtziger Jahre, die die Idee des „Durchhörens“ zur Programmmaxime erhoben hatten, finden in den Wiederholungsdramaturgen der ARD würdige Nachfolger. Um keinen Preis der Welt darf der Albtraum des unbedingten Dranbleibens durch ein Aufwachen unterbrochen werden. Die Programmplaner adressieren ihr Publikum so, als habe es sich demütig zu ergeben. Pardon ist nicht vorgesehen.

Mit Commissario Brunetti in den Sekundenschlaf

Wer so disponiert, braucht sich nicht darüber zu wundern, dass es zu sekundären Ausfällen kommt, die in psychiatrischen Notfallambulanzen auch als Wallander-Schock bekannt sind. Dabei handelt es sich um Fälle, die im Wiederholungsexzess dieses Sommers einen Mittsommermord Kurt Wallanders versäumt haben. Nicht zu vergessen die Fälle von Donna-Leon-Narkolepsie, bei denen jedes Wort, das so ähnlich wie Commissario Brunetti klingt, Sekundenschlafepisoden auslöst.

Das rigorose Zuhausesein des deutschen Fernsehens wird begleittherapeutisch besonders eindrücklich durch Regionalkrimis genährt. Selbst in Istanbul sprechen die Ermittler ein Bosporusbayerisch zum Davonlaufen. Ich habe mir in der Zeit vom 19. bis zum 25. August die Kante gegeben und mir vorzustellen versucht, was dieser Feldversuch aus mir gemacht haben würde. Der Feldversuch begann am 19. August um halb sechs Uhr morgens bei der ARD mit Willi, der mir die Mode erklärt, und endete am Freitag darauf mit der gefühlt millionsten Wiederholung des Paarduells, das den Familien Pilawa und Plasberg das prekäre Einkommen verzuckert.

Von den Grundrechenarten ist in der Programmplanung der ARD für diesen Sommer nur das Zusammenzählen übrig geblieben. Und und und ergibt und. Dieser Undergang, das ist der Trick, bezeugt eine Selbstüberredungskunst, die so tut, als sei ihr Schwachsinn im Weltmaßstab konkurrenzlos. Die Dröhnungskrönung des ersten Tages gibt es bei der ARD mit „Wer weiß denn sowas XXL“. Wie viel Nonsens, der als Wissen falsch etikettiert wird, erlaubt ein ungenannter guter Zweck, dem 50.000 Euro winken? Der Nachrichtenkanal Phoenix versorgte – als Sedativ-Gegengift – sein Publikum um halb sieben Uhr morgens mit einer Erinnerung an den Gabelverbieger Uri Geller.

Wer sich auf all dies eingelassen hat, weiß einen Service der ARD besonders zu schätzen. Das ist die Option, sich in der elektronischen Programmvorschau „ähnliche Sendungen“ anzeigen zu lassen. Die Dosis macht das Gift. Bei Graf Yoster („Kultserie“) listet die Übersicht der ARD vom 19. August bis zum 9. Oktober 153 ähnliche Sendungen auf, also drei täglich. Der Stupor des Dranbleibens verhärtet nicht nur den unteren Lendenwirbelbereich des Publikums.

Besondere Aufmerksamkeit verdient in dieser Rückschau die Frage, welches Regionalfenster der ARD im Wettbewerb um das ödeste Angebot die Nase weit vorn hat. Das Ergebnis ist ernüchternd. Wer bisher Vorurteile etwa gegenüber einer tendenziellen DDR-Seligkeit des MDR gehegt haben mag, kommt um den Befund eines Foto-Finishs nicht herum. Sie starten alle zu früh und enden alle zu spät. Längst haben sie alle jede Erinnerung an die Flaggschiffrolle der dritten Programme erfolgreich gelöscht.

Nur ja nicht zu tief in irgendein Thema eintauchen

Die Paarduell-Produktion von Jörg Pilawa und Frank Plasberg ist eigens zu würdigen. Die Übersicht ähnlicher Sendungen der ARD verspricht vom 18. August bis zum 9. September 137 ähnliche Sendungen, täglich mehr als sechs, die die Idee des Wissens im simulierten Wettbewerb verhöhnen. Allein in dieser Sendewoche gibt es im ARD-Verbund 24 Paarduell-Sendungen.

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In einer Welt, in der sich mehr als fünfzig Millionen Menschen auf die Flucht vor Hunger, Bürgerkriegen und politischer Verfolgung begeben, hat die Wanderung von Tieren den Vorteil, dass sie politisch als unbedrohlich genossen werden kann. Bis zum 8. Oktober gibt es 94 Tiersendungen, fast zwei täglich. Mit drei Regionalkrimis, sechs Quiz- und zwei Tiersendungen ist der tägliche Durchsatz komplett, gäbe es von montags bis freitags nicht auch noch das „Morgenmagazin“, anstaltsintern gerne „Moma“ genannt, das erst richtig wirkt, wenn der Ton auf Überlautstärke und der Schirm aufs Extrem vergrößert wird. Die unerschütterliche gute Laune einer beliebten Moderatorin wird nur durch die Oberflächlichkeit übertroffen, mit der sie zwischen Gewinnspielen (um „Moma“-Jubiläumstassen), dem Vorlesen von Zeitungsüberschriften und Interviews hin- und herwechselt, und dabei das Gebot befolgt, nur ja nicht zu tief in irgendein Thema einzutauchen.

Tatort-Wiederholungen zum Mitsingen

So entsteht vor dem inneren Auge des Beobachters ein Bild von der Welt, das das Fernsehpublikum in die Bewohner eines Demenzerwartungsheims verwandelt. Zwei Syndrome werden dort erzeugt und therapiert: Überfütterung und Entzug, wenn die Dosis sich nicht mehr steigern lässt. Wie gehen die Fans von Axel Prahl und Jan Josef Liefers damit um, wenn sie den „Tatort“ von 2007 schon zu oft gesehen haben? Singen sie im Chor mit? Werfen sie den Kasten aus dem Fenster? Oder ergeben sie sich klaglos und bedanken sich dafür, dass die Erinnerungskraft unter dem Ansturm der Unterhaltungsfröhlichkeit schließlich tippelschrittchenweise nachlässt?

Als am Montag der vergangenen Woche Frank Plasberg seine erste Talkshow nach der Sommerpause dazu nutzt, die Geschichte von Prinzessin Diana in eine höfische Ergebenheitsadresse zu verwandeln, an der sogar die Familienministerin mitwirkt, ohne schreiend aus dem Studio zu fliehen, fragt sich der fassungslose Zuschauer, was daran noch hart, was fair und was politisch ist. Am Nachmittag dieses Montags hatte die ARD um 14.10 Uhr „Rote Rosen“ gesendet. Das Genre der Familien- und Liebesfilme besetzt im Programmangebot den Königinnenmutterplatz. Bis zum 5. September gibt es 178 weitere Filme dieses Genres.

Eine Stunde vor Mitternacht eröffnen am Montag Ingo Zamperoni und Ronja von Rönne die erste Sendung der ARD zur Wahlsaison. Sie richtet sich an Wählerinnen und Wähler unter dreißig und beschränkt sich auf plakative Fragen. Dramaturgie und Moderation trauen weder dem Publikum noch ihren Gästen in der Kulturbrauerei. Warum machen die eingeladenen Politiker bei so einem Blödsinn mit? Warum nutzen sie die Live-Situation nicht zu einer angemessenen Vergeltung? Ist es vollendete Kumpanei, die sie davon abhält, Feigheit vor dem Publikum da draußen, dem kein einziger Gedanke, der als solcher auch satisfaktionsfähig wäre, mehr zugemutet werden darf?

Der Politik-Kanal Phoenix erzählte an diesem Montagnachmittag in vier Episoden einer ZDF-Serie vom „Auswandern ins Paradies“. Der Eskapismus der Protagonisten lebt von der Sehnsucht nach etwas Neuem, vielleicht aber auch vom Verdruss an dem Bild von der Welt, wie es das deutsche Fernsehen erzeugt.

Am Freitagabend endet die Sauregurkenzeit

Am Dienstagabend schlägt die Doppelstunde des Unterhaltungs-, Arzt-, Tier- und Familienfilms. Von diesem Genre mit allemdrin folgen im ARD-Verbund bis zum 9. Oktober mehr als 150 weitere Filme, die als Unterhaltungsangebot konsequent darauf verzichten, auch nur die Idee von Haltung als möglich erscheinen zu lassen. Am Freitagabend endet diese schale Sommerwoche und damit zugleich die Sauregurkenzeit der ARD mit einer weiteren von dreizehn „Tatort“-Wiederholungen.

Am Samstagabend zeigte die ARD die mit großem Aufwand produzierte Fortsetzung eines Krimis, in dem Nina Kunzendorf mit Sidekick Anke Engelke Gelegenheit bekommen, vor der Kulisse von Kapstadt Thesenpapiere von G-20-Gipfelgegnern in situatives Rollenimprovisieren zu übersetzen. Zu viel hineingepresst, zu wenig dabei herausgekommen. Was für eine Qual, dem Holpern und Stolpern dieser Story zu folgen. Was hätte ein Regisseur wie Dominik Graf aus diesem Stoff (Agrarkonzern, krebserzeugender Pflanzenschutz, Albert-Schweizer-Nachfolger im Kongo) gemacht? Da wollten Redaktion und Produktion zu viel von allem auf einmal, ohne an irgendetwas wirklich zu glauben. Es hätte sonst ja auch nicht gut ins Programm gepasst.

Quelle: F.A.Z.
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