ARD-Film „Spätwerk“

Man müsste einen Mord begehen

Von Heike Hupertz
 - 17:59

Für den Dichter Paul Bacher (Henry Hübchen) läuft es gerade richtig schlecht. Obwohl er seit Jahren keine Zeile mehr geschrieben hat, schickt ihn der Verlag auf endlose Lesereise in die Provinz. Deprimierende Hotels, schlimme Küche, geistloses Wortgeklingel. Aber solange vom einstigen Starruhm des Autors noch Bruchstücke übrig sind, müssen sie vermarktet werden. Verleger Wolf (Michael Schenk) klagt schon geraume Zeit über die geringen Absatzzahlen. Von Backlistpflege allein kann er sich nichts kaufen.

Versoffen, geplagt von Schreibblockaden und einem allgemeinen Sinnlosigkeits- und Prostitutionsgefühl, signiert Bacher an langen Abenden Bücher für ein paar versprengte Leserinnen, die ihn zu allem Überfluss übergriffig tadeln für die Kälte seiner letzten Werke. Wie ein Heizdeckenverkäufer auf Butterfahrt werde er über die Dörfer genasführt, wirft der Schriftsteller seiner Lektorin Hannah (Jenny Schily) vor. Nicht einmal auf Gelegenheitssex mit ihr hat er mehr Lust. Die Potenz liegt in jeder Hinsicht danieder. Halbherzig versucht er sich mit der wesentlich jüngeren Teresa (Patrycia Ziolkowska) nach einer Lesung zu verabreden, wird aufdringlich und schroff zurückgewiesen. Nur die Flasche bleibt als Trost. Mehr Selbstekel geht kaum.

Frevel über Frevel

Und dann kommt in dieser erstaunlichen, moralisch mehrdeutig gestalteten und ganz wunderbar von Johann Feindt gefilmten Ausnahmefernsehnovelle ein veritabler Falke daher. Daniel (Jordan Dwyer), den der Film „Spätwerk“ von Karl-Heinz Käfer (Buch) und Andreas Kleinert (Regie) als allererste Figur einführt, um ihn bald darauf in mehreren Anläufen von der Bildfläche verschwinden zu lassen, zieht als Tramper über die Lande. Der volltrunkene Bacher liest ihn nachts an einer einsamen Tankstelle auf, vielmehr drängt er sich als Passagier auf. Enervierend bläst er seinem Fahrer mit Wortgeschwurbel die Ohren voll, erzählt naiv von seiner Gewohnheit, Seiten von Büchern herauszureißen, sobald er sie gelesen hat. Für manche Bibliophile mag so etwas Grund genug sein, Daniel alles Üble zu wünschen. Frevel häuft sich für den Sprachkünstler auf Frevel. Beim Versuch, des Dichters Abbild aufs Smartphone zu bannen, kommt es zum Handgemenge. Kein Bild soll er sich machen von Paul Bacher. Ein Rauswurf, einmal zurückgesetzt wegen des vergessenen Rucksacks, und Daniel liegt schwer verletzt unterm Auto. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit oder, so mag man im Verlauf des Films ins Grübeln kommen, vielleicht doch eine klitzekleine Absicht, ein Moment des unbändigen Hasses auf die Unbeschwertheit des jungen Mannes?

Statt den Versehrten zu retten, zieht ihn Bacher aus dem Blickfeld in den Wald. Sucht ihn, könnte ihn immer noch retten. Und lässt ihn umkommen. Camus trifft Martin Walser. Denn nicht nur, dass Bacher im Weiteren der Aufdeckung und Bestrafung immer wieder, manchmal haarscharf entgeht, die Tat wird zur Inspirationsquelle. Ein neues Buch, „Licht am Anfang des Tunnels“, das die Vorgänge haarklein beschreibt, blüht und wächst. Bei Teresa findet er im zweiten Anlauf ein neues Lebensglück. Sogar ein Kind kündigt sich an. Hier und da beißt ihn das Gewissen leicht, aber nicht lang.

Fernsehen für Fortgeschrittene

Während der erste Teil des Films vorwiegend nachts spielt, in kaltes Licht getaucht, verlagern sich die Schauplätze mehr und mehr ins Weite und Offene. Ein Ferienhaus am Meer, seit langem vernachlässigt, wird zum Glücksort. Berückend schön gefilmt, weitet sich ein lichtes Meer, als wäre man am Strand von Algier. Die Buchpräsentation gerät zum Triumph. Dem wieder Erfolgreichen schmeichelt jetzt auch das grelle Blitzlichtgewitter.

Mit „Spätwerk“ haben Karl-Heinz Käfer und Andreas Kleinert, die schon mehrfach zusammengearbeitet haben, eine fiktionale Künstlerbiographie mit moralisch zweifelhaftem Grundsatzesprit und teils brillanten Dialogen geschaffen, die manch einer im Fernsehprogramm nicht mehr erwarten wird. Dramaturgisch nehmen sie oft souverän Umwege und Abkürzungen, die alles andere als „fernsehgerecht“ leicht konsumierbar sind. Gerechtfertigt wird Bachers Tat nicht, es ist eher so, als drücke sie bei ihm einen interessanten geistigen Triggerpunkt. Fast überflüssig zu sagen, dass auch die Musik von Daniel Dickmeis (in einigen Szenen eine bluesangehauchte Jazztrompete) und der Schnitt von Gisela Zick dazu beitragen, um diesen Film zu Fernsehen für Fortgeschrittene zu machen.

Spätwerk läuft am 16. Mai um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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