ARD-Film über Glaubenskrise

Und dann habe ich noch das Schnitzel paniert

Von Elena Witzeck
 - 18:46

In Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“, dem Paradebeispiel der Commedia dell’arte, übernimmt ein junger Mann mit Geldproblemen zwei Dienste gleichzeitig und hat fortan schwer damit zu tun, jeden seiner beiden Herren glauben zu lassen, er sei nur ihm ergeben. Der Stoff ist mit seinen dramatischen Szenen, den stereotypen Charakteren und den immer neuen Verwicklungen nach wie vor beliebt, weil er bestens unterhält.

Übertragen auf unsere Zeit, könnte das vielleicht so aussehen: Ein junger Taxifahrer gerät, weil er eine Frau erobern will und das bekanntlich nur mit Geld gelingt, in die Abhängigkeit zweier Herren. Er gibt sich Mühe, die beiden Welten voneinander zu trennen, aber gerade, als sein Rollenspiel aufzugehen scheint, mischt sich ein Sondereinsatzteam der Polizei ein, und die Eskalation gipfelt in der Geburt eines Kindes in seinem Taxi. Das jedenfalls haben die österreichische Produktionsfirma Lotus Film, der Österreichische und der Bayerische Rundfunk aus dem Goldoni-Stoff gemacht. „Herrgott für Anfänger“ heißt das Ergebnis.

Man ahnt es gleich zu Beginn, so wie man überhaupt sehr vieles ahnt. Da setzen sich ein Jude und ein Muslim zu Musa (Deniz Cooper) ins Taxi und diskutieren darüber, wer von ihnen eigentlich früher „da“ war. Seine alte Stammkundin wiederum, die Wirtin Weininger (Erni Mangold), diskutiert mit ihm über religiösen Sinn und Unsinn. Spätestens, als Musa von seinem Freund Yussuf (Tim Seyfi), einem Imam, über die segensreichen Seiten des Glaubens belehrt wird, ist klar, dass die beiden Herren, die er sich aussucht, keine weltlichen sein werden.

Musa kann weder Türkisch noch interessiert er sich für den Koran. Solange er es nur auf französische Fahrgäste abgesehen hat, ist das nicht weiter problematisch. Aber dann tritt kopftuchtragend und von sphärischen Klängen begleitet die Frau seiner Träume auf, Aisha (Zeynep Bozbay), Tochter seines Chefs und auf der Suche nach einem krisenresistenten muslimischen Mann mit Geld, der das Taxiunternehmen retten kann. „Und so ließ ich Allah in mein Leben, damit meine große Liebe eine Chance hatte“, berichtet Musa dem Zuschauer, Minuten bevor seine Stammkundin Weininger stirbt und ihm ihren Besitz mit der Vorgabe vererbt, innerhalb eines Jahres zum katholischen Glauben zu konvertieren. Zur Ausgestaltung dieses gewagten Erzählkonstrukts werden diverse mehr oder weniger bedeutsame Charaktere eingeführt. Einer von ihnen stirbt, kaum, dass man ihn kennengelernt hat. Dem breiten Wiener Dialekt der türkischen Darsteller und einigen überraschenden Momenten ist es zu verdanken, dass sich der Zuschauer eine Weile gut unterhalten fühlt. Verzweifelt sucht Musa in der Gastwirtschaft, in der er die chronisch schlecht gelaunte Wirtin Miri unterstützen muss, nach einem Ort für sein Abendgebet und findet im Keller nur einen Platz mit Blick auf einen aufgehängte Schweinehälfte. Und Miri, die sich selbst Hoffnung auf das Weininger-Erbe gemacht hatte, beichtet dem Pfarrer: „Ich habe gesündigt, fleischlich, und dann habe ich das Schnitzel paniert.“

Aber nach einer Weile wird es anstrengend. In dieser Welt sind Frauen dankbar, wenn ihnen endlich einmal jemand zuhört, und schämen sich, wenn ihnen die Nase läuft. Ein katholischer Pfarrer verlangt selbstverständlich von seiner Gemeinde, dass sie ihn Vater nennt und gibt Sündern ein Dutzend Ave Marias auf. Der Bischoff ist gierig, und der Imam seufzt beim Staubsaugen in der Moschee, Allahs Wege seien unergründlich. Für so viele Klischees können gar nicht genug Witze erfunden werden.

Weil „Herrgott für Anfänger“ aber auf keinen Fall langweilen will, werden sogar die Szenen aufgepeppt, die der Entspannung dienen könnten: Als es Abend wird, schnipst eine geheimnisvolle Hand das Licht über der Stadt aus. James-Bond-artige Bildausschnitte zeigen den Protagonisten auf der Straße, und der wendet sich dem Zuschauer immer wieder erklärend zu – ein Stilmittel, das von seinem sparsamen Einsatz lebt.

Irgendwann zwischen der Erkenntnis, dass die Wiener Polizei Musa als Anführer einer konspirativen Zelle betrachtet, der die örtliche Kirchengemeinde infiltriert, und einer Schlammschlacht, die mit den Worten „Du bist a coole Socke, Miri“ endet, manifestiert sich dann der Wunsch: Bitte etwas weniger von alledem! Zu spät. Für den Widerstreit der Religionen hat dieser Film nicht mehr übrig als die Weisheit, dass die Botschaften doch überall dieselben sind. Aber so gesehen passt er gut in die Tradition der Commedia dell’arte: Was zählt, ist das Spektakel.

Herrgott für Anfänger läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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