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Auschwitz-Gedenken in der ARD

Die wahr gewordene Welt eines Albtraums

Von Michael Hanfeld
 - 20:28
Dokumentaristen des Grauens: die Alliierten-Kameramänner Sergeant Harry Okaes und Sergeant William Lawrie Bild: MDR/IWM Film, F.A.Z.

Warum fahren sie nach Auschwitz? Die jungen Leute wissen es nicht alle so genau. Interessant werde es sein, den Horizont erweitern. Und helfen zu verstehen, was geschehen ist. Auch um sich selbst besser zu verstehen, wollen einige dorthin. Angesichts des physischen Orts der Judenvernichtung, der Zeugnisse des industriellen Massenmords, der Entmenschlichung, der perversen medizinischen Experimente, der Brutalität im Einzelnen, der Schicksale von Millionen Menschen, die entmenschlicht wurden und in der Gedenkstätte wieder einen Namen bekommen, spielen die vorab gestellten Fragen nach den Motiven keine Rolle mehr. In Auschwitz verstehe jeder, was der Holocaust bedeutet, was ein Genozid ist, sagt ein Lehrer in der Reportage „Ich fahre nach Auschwitz“, der seine Schüler dorthin begleitet.

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Das Bild, das sich am 27. Januar 1945 den sowjetischen Soldaten bot, die Auschwitz erreichten, wussten die Kameraleute, die die Truppe als Kriegsberichterstatter begleiteten, zunächst gar nicht aufzunehmen. Wie sollten sie das unfassbare Grauen am besten dokumentieren? Die Leichenberge, die Krematorien, deren Schornsteine noch rauchten, die wie Geisterwesen erscheinenden Überlebenden. Den britischen Soldaten, die Bergen-Belsen befreiten, und den Amerikanern, die nach Buchenwald und Dachau kamen, ging es nicht anders.

Sie bezeugten Verbrechen, die so ungeheuerlich waren, dass man Berichte darüber nicht fassen mochte. So hatte etwa die BBC Zweifel an den Schilderungen ihres Reporters Richard Dimbleby aus Bergen-Belsen. „Ich fand mich in der Welt eines Albtraums wieder“, hatte er berichtet. „Tote Körper, manche halb verwest, lagen verstreut auf der Straße und entlang der Bahngleise. Auf jeder Seite der Straße standen braune Holzhütten. Da waren Gesichter an den Fenstern. Die ausgemergelten Gesichter sterbender Frauen, die zu schwach waren, nach draußen zu kommen. Sie drückten ihre Gesichter gegen die Fenster, um das Tageslicht zu sehen, bevor sie starben. Und sie starben, jede Stunde und jede Minute.“

Verhinderte Aufführung - aus Rücksicht auf Deutschland

Der Produzent Sidney Bernstein, den die Briten umgehend losschickten, die Verbrechen in den Konzentrationslagern zu dokumentieren, bat die Kameraleute, die im Krieg schon viel Leid gesehen hatten, auch wenn sie davor zurückscheuten, so nah wie möglich ranzugehen. Sie sollten Bilder mit Beweiskraft und für einen Lehrfilm machen, für einen Film, der zeigt, was Menschen Menschen antun können, was geschieht, wenn in Ideologie gegossener Hass den Firnis der Zivilisation zerreißt. An diesem Film hätten sich nicht nur die Deutschen ein Beispiel nehmen sollen, sondern die ganze Welt.

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Im Herbst 1945 war Bernstein mit den Arbeiten fast fertig. Als Berater hatte er den damals schon berühmten Regisseur Alfred Hitchcock hinzugezogen, der lange, ungeschnittene Einstellungen wählte. Er unterlegte den Film mit Landkarten, um allein dadurch zu zeigen, wie unwahrscheinlich es war, dass kaum jemand etwas von dem Massenmord gewusst haben wollte. Die Menschen wussten es. Sie wollten es nicht wissen, nicht sehen, nicht hören, nicht riechen. Als die britischen Soldaten im April 1945 in das Dorf Belsen kamen, waren sie beeindruckt von der scheinbar perfekten Idylle. Doch dieser Geruch? Es war der Gestank Tausender Leichen, die nur einen Steinwurf entfernt verwesten. Gezeigt wurde der Film, der den Namen „German Concentration Camp Survey“ bekam, nie.

Die Briten fürchteten, es könnte kontraproduktiv sein, den Deutschen, die man bald als Verbündete gegen Stalin brauchte, die in ihrem Namen begangenen Verbrechen derart drastisch vor Augen zu führen. Die Amerikaner gestalteten mit dem Material einen kurzen Lehrfilm, an dessen Produktion Billy Wilder beteiligt war. Von fünfhundert Kinobesuchern blieben bei einer Testvorführung von „Death Mills“ in Würzburg gerade einmal rund 75 im Saal, erinnerte sich Wilder später in einem Interview, das der Regisseur Andre Singer in seinen Dokumentarfilm „Night Will Fall“ aufgenommen hat. Dieser Film über den Holocaust handelt im Jahr 2015 vom Scheitern des Films über den Holocaust im Jahr 1945. Dazwischen liegen siebzig Jahre, in denen die Judenvernichtung Gegenstand unzähliger Dokumentationen und fiktionaler Stücke in Kino und Fernsehen war. Und doch haben wir Bilder wie diese noch nicht gesehen: Aufgenommen in einem Augenblick der Verblüffung und des Entsetzens, dass so etwas möglich ist, von einer Direktheit, bei der man begreift, warum einige der Kameraleute sagen, sie hätten das, was geschah und was sie filmten, gar nicht mit ihrer eigenen Realität in Verbindung setzen können, so unwirklich sei die Grausamkeit gewesen. Die wahr gewordene Welt eines Albtraums, wie der BBC-Reporter sagte.

„Night Will Fall“ setzt Maßstäbe

Die ARD tut gut daran, „Night Will Fall“ ins Zentrum ihres Abends zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor siebzig Jahren zu stellen. Sie beginnt mit einer Reportage, die zeigt, wie das Vermächtnis von Auschwitz heute auf junge Leute wirkt. Sie endet gegen Mitternacht mit einem leider missglückten Versuch, das Grauen weniger in Worte und Bilder, sondern in Musik und Bilder zu fassen. Das wirkt in der Dokumentation „7 Tage . . . Auschwitz - Ein musikalisches Experiment“ leider sehr aufgesetzt und banalisierend, überladen und zugleich ratlos. Hier wollten die Filmemacher, wie sie auch ausführlich erläutern, im Umgang mit Auschwitz und dem Gedenken an die Judenvernichtung einmal etwas ausprobieren. Sie hätten es lieber bleibenlassen sollen.

Der Film des Teams von Sidney Bernstein hingegen setzt, soweit man das nach den in „Night Will Fall“ wiedergegebenen Passagen beurteilen kann, einen Maßstab. Er diente in Auszügen als Beweismaterial bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Er zeigt, was der Holocaust, was ein Genozid bedeutet. Und drückt in seinem Script zugleich eine Hoffnung aus: „Wenn die Welt die Lehre, die uns diese Bilder erteilen, nicht versteht, wird es Nacht werden. Aber wir, die Lebenden, werden, mit Gottes Hilfe, lernen.“ Ob die Welt diese Lehre gezogen hat? Man darf es bezweifeln.

„Ich fahre nach Auschwitz“ läuft heute um 22.45 Uhr; „Night Will Fall“ um 23.30 Uhr und „7 Tage... Auschwitz - Ein musikalisches Experiment“ um 0.45 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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