„Blockbustaz“ im ZDF

Ein Frosch ohne Humor ist auch nur ein kleiner grüner Haufen

Von Elena Witzeck
 - 21:46

Hat dem deutschen Fernsehen eine Serie gefehlt, die das als „Unterschichtenprogramm“ verschriene Unterhaltungsangebot über die Grenzen von „Supernanny“ und „Bauer sucht Frau“ hinaus bereichert? Eine, die nicht nur voyeuristisch auf Absonderlichkeiten blickt und zum Spotten anregt, sondern von mittendrin erzählt, auf dem Alltag eines arbeitslosen Rappers in einem schmuddeligen Kölner Wohnblock? Wo jeder ein Handy hat, aber keiner Guthaben, und seit 20 Jahren kein Klempner da war? Sie müsste spät gesendet werden, denn es würde um Sex im Fahrstuhl und Intimrasuren gehen, überhaupt würde viel geflucht. Und die Darsteller, sie müssten „real“ sein.

Ja, unbedingt, befanden Zuschauer vor drei Jahren bei in einer Onlinebefragung zum künftigen Fernsehformaten des ZDF-Entwicklungsformats TVLab. Das Ergebnis, die sechsteilige erste Staffel von „Blockbustaz“ unter Regie von Jan Markus Linhof, wurde 2016 bei ZDFneo ausgestrahlt. Jetzt ist die Serie über den von Rapper Eko Fresh gespielten Sol, seine Freunde und den alltäglichen Wahnsinn der Plattenbausiedlung im ZDF-Nachtprogramm zu sehen.

Umschlagplatz für Drogen, Handys und Haustiere

Nun wird Eko Fresh in der Hiphop-Szene nach Ausflügen ins Poppige nicht unbedingt als einer der „realsten“ betrachtet. Aber er ist ein guter Musiker und gar kein so schlechter Schauspieler, und an seiner Seite steht Sascha Reimann, besser bekannt als Ferris MC und Mitglied der Band Deichkind, der Sols Freund Eko spielt. Dessen Pizzeria im Erdgeschoss des Wohnblocks dient als Umschlagplatz für Drogen, Handys und Haustiere, er hat eine Mutter, die ihn als veritablen Hurensohn ausweist und lässt, wie es sich gehört, nichts auf sie kommen, obwohl sie ihn nur einmal im Jahr besucht, wenn sie in Köln Kunden hat.

„Arbeit“, „Eltern“, „Versicherung“ und „Muckibude“ heißen die in sich abgeschlossenen Folgen, die immer wieder an die amerikanischen Serie „Shameless“ erinnern. Sols Freundin Jessica (Joyce Ilg) quält sich mit ihrem Vater (Andreas Hoppe) herum, der das Ersparte der Familie vertrinkt und seinen vierjährigen Sohn beim Spielen verpfändet. Wenn sie ihren Bruder morgens im Bällebad bei Ikea abliefert, nennt sie es Kita. Sol hat auch kein Geld, sieht sich „physelisch“ nicht dazu imstande zu arbeiten, muss sich im Jobcenter aber mit fiesen Mitarbeitern herumschlagen und denkt darüber nach, sich für seine Berufsunfähigkeitsversicherung die Treppe hinunter zu stürzen.

So viel geht schief, dass die Geschichte deprimieren könnte. „Blockbustaz“ aber entscheidet sich gegen den sensiblen Umgang mit dem Leben am Rand der Gesellschaft, den „Shameless“ gewählt hat. Das Comedy-Format und dessen sketchartige Episoden haben für innere Zerrissenheit und Charakterentwicklung nichts übrig. Also wird geflucht und im Stil schuleschwänzender Teenager herumgealbert, bis sich der Zuschauer fragt, warum die Musik bei dieser Besetzung eigentlich keine Rolle spielen durfte. Die starken Szenen liegen dort, wo die sich durchs Leben tricksende Clique auf regelbewusste Beamten trifft, deren Ratschläge und Anweisungen wie aus einer anderen Welt zu kommen scheinen.

Die tieferen Wahrheiten liegen dann eher in den beiläufigen Szenen. Jeder im Wohnblock lebt nach seiner Logik. Zum Geben fehlt die Kraft. Hardy kann seinem verzweifelten Kumpel nur mit den Worten „Ein Frosch ohne Humor ist auch nur ein kleiner grüner Haufen“ Mut zusprechen. Und Sol versucht es mit: „Deine Mutter ist ein Assi. Aber sie ist wenigstens deine Mutter.“ Ganz überzeugend ist das nicht. Aber „real“.

Blockbustaz beginnt im ZDF in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 0.30 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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