Böhmermanns „Struwwelpeter“

Schere im Kopf

Von Tilman Spreckelsen
 - 21:59

Elternabende machen den wenigsten Teilnehmern Spaß, und der in der Kita „Rattennest“ ist keine Ausnahme. Das liegt nicht nur an den nervigen Eltern, die überdeutlich bestimmte Klischees verkörpern – die Helikoptermutter, die ewig telefonierende Geschäftsfrau, der misstrauische Obrigkeitenfeind und dergleichen mehr –, sondern auch an dem zappeligen Versammlungsleiter, der mit seinem wirren Gerede dafür sorgt, dass sich der Raum rasch wieder leert. Jan Böhmermann gibt ihn, das Team von „Neo Magazin Royale“ verantwortet diese Produktion, die innerhalb dieses Rahmens vier Filmchen zeigt, die lose an den „Struwwelpeter“ Heinrich Hoffmanns angelehnt sind – denn dieses Buch, sagt die Böhmermann-Figur der Rahmenhandlung, werde in der Kita täglich vorgelesen, und die Vorwürfe, Hoffmanns Werk sei doch „voll autoritär und brutal“, wischt er beiseite: „Eure Kinder haben die Freiheit, zu machen, was sie wollen, wenn sie vorher gelernt haben, was sie nicht dürfen“ – und dafür sei eben der „Struwwelpeter“ eine gute Schule.

Tatsächlich ist Hoffmanns „Struwwelpeter“ seit jeher, also seit dem Erscheinungsjahr 1844, eine dankbare Vorlage für ganz unterschiedliche Adaptionen, und wer das Hoffmann gewidmete Museum in Frankfurt besucht, stößt dort auf eine Vielzahl, vom „Struwwelhitler“ über den „Punkerpeter“ bis hin zu Krimis, Spielen oder Schallplatten. Was nun in Böhmermanns Produktion geboten wird, ist auffallend richtungslos. Worum es ihm in den vier Geschichten geht, wird nicht recht klar und auch nicht, was nun genau die „Hans Guck-in-die-Luft“-Episode zur Reichsbürger-Satire qualifiziert oder die Daumenlutscher-Geschichte zum seltsamen Filmchen zum Thema der übereifrigen Mutter, die dann dem gestressten Kind den Schneider mit der großen Schere auf den Hals schickt.

Das alles könnte man vernachlässigen, die uninspirierte Adaption wie das wirre Mäandern, wäre die Sache nur lustig oder erhellend. Funken allerdings schlägt die entsetzlich klischeehafte Konstellation der Beteiligten und ihrer jeweiligen Marotten nicht, so dass die halbe Stunde Sendezeit sehr viel länger wirkt, als sie sein sollte. Und sonderlich witzig ist das auch nicht: „Ich bin keine Bestie, ich will für meinen Jungen nur das Beste“, sagt etwa Konrads Mutter, nachdem sie ihren Sohn durch ständigen Druck erst zum Daumenlutschen getrieben hatte und ihm dann die Daumen abschneiden ließ.

Video starten

Fernsehtrailer„Dr. Böhmermanns Struwwelpeter“

Ähnlich humorig ist das ewige Nachhaken eines besorgten Vaters, ob denn die im Kindergarten gereichten Pastinaken auch gedünstet seien, das Zetern der „Reichsbürger“ und ihre Verschwörungstheorien, die durch den Mappeninhalt des „Hans Guck-in-die-Luft“ bewiesen würden, oder die verpeilten Eltern von Paulinchen, die ihr fröhlich raten, doch im Darknet zu surfen und ein paar Nacktfotos zu verschicken, solange sie nur nicht mit Feuer hantiere.

„Ach, Papa!“, sagen die Kinder des fliegenden Robert, als sie seinen Cannabis-Vorrat entdecken. Ach Gottchen!, denkt man sich mehr als einmal in diesem müden Reigen von Sparwitzen. Und fragt sich, wie es kommen kann, dass hier von der anarchischen Wucht Heinrich Hoffmanns so gar nichts bleibt.

Dr. Böhmermanns Struwwelpeter, 23 Uhr, ZDF

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenNeo Magazin RoyaleZDF