Boris Becker bei „DAS!“

Der rosa Elefant im Slip

Von Michael Hanfeld
 - 21:13

Kennen Sie das? Sie müssen permanent an etwas denken, an das Sie partout keinen Gedanken verschwenden wollen. Aber sie haben es gehört oder gesehen. Und jetzt ist es da und geht nicht mehr weg. Wie heißt es noch? Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten! Eine miese Anweisung, denn jetzt steht der rosa Elefant an jeder Ecke.

Mein rosa Elefant heißt Boris Becker. Denn er taucht im Augenblick überall auf und hat in seinem Buch „Das Leben ist kein Spiel“ einen Satz geschrieben, den ich nicht mehr los werde: „Stellen wir uns also mal Boris Becker im Slip vor und gehen auf der Landkarte seiner Verletzungen spazieren.“

Drei Farben Rosa

Boris Becker im Slip. Das war's. Das ist er, der rosa Elefant. Sorry, dass ich das jetzt weitergebe. Boris Becker mit siebzehn in kurzen Tennishosen, als er Wimbledon gewann – in Ordnung. Aber der Boris Becker von heute, wie er da und dort stockend aus seinem Buch vorliest? Etwa die Stelle, in der es um die Schläge geht, die er angeblich von seiner Ex-Frau Barbara kassiert hat? Lesung mit einem rosa Elefanten in seiner ganzen Rosaheit. Da wird mir grün und blau.

Und das mit dem Elefanten ist jetzt auch nicht meine persönliche Einbildung. Denn in der Boulevardshow „DAS!“ im NDR-Fernsehen spricht Boris Becker sogar selbst davon – nicht von der Farbe Rosa, wohl aber von der „Elefantenhaut“, die er sich zugelegt habe in all den Jahren, in denen soviel Schlechtes über ihn geschrieben wurde. Und der Elefant vergisst bekanntlich nie. Und schreibt. Und schlägt zurück.

Das Geschäftliche ist die Privatsphäre

Bei „DAS!“ sitzen allerdings gleich zwei Elefanten auf dem roten Sofa. Der Zweite ist Hinnerk Baumgarten, der sich vor ein paar Monaten in eben dieser Sendung durch sein Gespräch mit der Schauspielerin Katja Riemann in die Top Ten der elefantösesten Moderatoren aller Zeiten katapultiert hat. In dem Verständnis, das ihm damals für sein Gegenüber fehlte, geht er bei Boris Becker nun förmlich auf. Sofort respektiert er Beckers „Privatsphäre“, die dieser in seinen wahnsinnig erfolgreichen geschäftlichen Tätigkeiten sieht, über die er nicht reden will. Er investiert, in Immobilien und Technologie, und so. Er hat beste Verbindungen, verkehrt in den besten Kreisen und trifft die Royals. Alles klar?

Nach dem, worüber der einstige Tennis-Star in seinem Buch schreibt, fragt Baumgarten ganz zaghaft von hinten durch die Brust ins Auge in diesem uneigentlichen Johannes-B.-Kerner- oder Markus-Lanz-Stil. „Wie sehr hat Sie dieser Artikel geärgert?“, will Baumgarten zu einer Story aus der „Bunte“ wissen. Was ihm der Sport „an Jugend genommen“ habe, was sein früher Erfolg für seine Familie bedeutete. „Tut das weh, etwas aus der Zeitung über die Tochter zu erfahren?“ (Nein, diese Frage tut weh.) „So ganz einfach ist sie wohl nicht zu handeln?“ (Gemeint ist Angela Ermakowa, die Mutter von Beckers Tochter, mit der er seine Frau betrog, als diese gerade mit dem zweiten Sohn schwanger war.) „Was gibt Ihnen England, was Sie in Deutschland nicht bekommen?“ („Eine gewisse Privatsphäre“, antwortet Becker – zu der wahrscheinlich beiträgt, dass sein Buch, in dem es nur um Privates geht, dort nicht erscheinen soll.) „Wie schwer ist es für Sie, im Umgang mit Frauen herauszufinden, ob es wirklich Gefühle sind oder ob die Frau nur eine Namen will?“ (Sehr schwer.)

„Hinz und Kunz“ haben sein Leben beurteilt

Erst ganz am Ende dieser von Rundfunkgebühren finanzierten Sendung stell Baumgarten die Frage, mit der er hätte beginnen und dann das Gespräch ganz schnell hätte beenden müssen: „Warum muss das jetzt in die Öffentlichkeit?“ Tja, warum? „Hinz und Kunz hat sich das Recht genommen, mein Leben zu beurteilen,“ sagt Boris Becker von Elefant zu Elefant. Das sei „teilweise dégoutant“ gewesen, er habe „die Faxen dicke“, irgendwann sei „mal gut. Das ist mein gutes Recht, das ist mein Leben.“

Genau, das ist sein Leben. Es ist aber auch das Leben derer, über die er schreibt. Vor allem der Frauen. Über die er schreibt. Und die nun genau so gut auf die Pauke hauen könnten, wie es Oliver Pocher in einem Twitter-Gefecht mit Becker im Namen der Mutter seiner drei Kinder, mit der Becker verlobt war und von der sich Pocher inzwischen getrennt hat, getan hat. Wofür der Super-Papi Boris Becker ja eigentlich Verständnis haben müsste. Doch der, so haben wir spätestens nach dieser Sendung verstanden, versteht nur sich selbst, versteht sich als Opfer, versteht sich allen Ernstes als verkanntes „Nationalheiligtum“, als „Britains favorite German“ (was man durchaus für eine Beleidigung halten könnte). Seine Familie, sein Zuhause sind derweil sein „Refugium“, sein „Heiligtum“ (schon wieder), wo er sich „geborgen“ fühlt und buchstäblich „die Hosen runterlassen kann“ (da ist es, das Bild mit dem Slip). Wer mehr wissen, wer seine „Wahrheit“ kennenlernen will, lese das Buch.

„Es war sehr interessant heute Abend mit Ihnen“, sagt Hinnerk Baumgarten am Ende dieser Sendung, die dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt werden müsste, sollte dieses sich dereinst einmal wieder mit dem Begriff „Grundversorgung“ (der öffentlich-rechtlichen Sender mit Bildung, Kultur, Information und Unterhaltung) befassen. Mehr Heuchelei, billiger Machismo und Frauenfeindlichkeit - wie ist Angela Ermakowa wohl zu „handeln“? – in einer Dreiviertelstunde geht nicht. Ein Auftritt á la Boris Becker könnte der „Emma“ Titelgeschichten auf Monate hinaus bescheren, von der „Titanic“ ganz zu schweigen.

„In diesem Familiendrama war ich das …“

Wobei es in Boris Beckers Buch, nach dem zu urteilen, was die „Bild“ in Auszügen verbreitet und er im Fernsehen schon vorgelesen hat, noch eine ganze Reihe Rosa-Elefanten-Sätze zu geben scheint: „In diesem Familiendrama war ich, daran besteht kein Zweifel, das Arschloch.“ Oder: „Ich bin doch kein Dukatenesel.“ Und: „Das absolute Waterloo. In meinem Erinnerungsprotokoll steht: Barbara vollkommen außer sich! Sie brüllte mich an, sprang plötzlich auf und fing an, mich wie von Sinnen zu schlagen.“ Des weiteren: „Sie wollte mich ständig in ihre Angebote einbinden, denn mit Boris Becker sind Foto-Shootings, TV-Auftritte und Interviews natürlich viel wertiger.“ Nicht zu vergessen: „Die Abende, an denen sie mal was gekocht hat, strich ich mir rot im Kalender an, so selten kam das vor. Traurig, aber wahr!“ Zu meinen Favoriten zählt auch: „Aber die Operation war, um mit den Worten von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zu sprechen, alternativlos.“

Der Himmel hängt nun voller rosa Elefanten. Voller Boris Beckers und Hinnerk Baumgartens. Im Slip.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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