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TV-Kritik: Maischberger

Im sprachpolitischen Stahlgewitter

Von Frank Lübberding
 - 07:18

Marlies Krämer ist mit ihren achtzig Jahren durchaus repräsentativ für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Aufgewachsen in den 1950er-Jahren, verweigerte ihr der Vater die Aufnahme eines Studiums. Sie heiratete in jungen Jahren und bekam vier Kinder. Der Ehemann verstarb 1972. Als junge Witwe musste sie sich wirtschaftlich durchschlagen. Sie nutzte aber die Chancen der Bildungsexpansion in den 1970er Jahren und studierte Soziologie. Später engagierte sie sich in der feministischen Linguistik. Dass in Pässen heute „die Inhaberin“ genannt wird und Tiefdruckgebiete in der Meteorologie nicht allein mit Frauennamen benannt werden, ist ihr Verdienst. „Kyrill“ und „Friederike“ sind das Ergebnis dieser Gleichstellung.

Gestern Abend wurde sie von Sandra Maischberger zum Thema interviewt: „Man wird ja wohl noch sagen dürfen!" Wie diskriminierend ist Sprache?“ Frau Krämer nannte sie unser „wichtigstes Kulturgut.“ Sie prägt „unser Denken, Fühlen, Handeln“, wie sie es formulierte. Der heutige Sprachgebrauch wäre aber von einem „absoluten Patriarchat“ bestimmt, wo Frauen nicht vorkämen. Sie meint damit etwa das Sparkassenformular, wo „der Kunde“ bisher als generisches Maskulinum verwendet wird.

Kater aus dem Sack gelassen

Tatsächlich wurde aber deutlich, warum Frau Krämer gestern Abend ausnahmsweise den Kater aus dem Sack gelassen hat. Wenn wir nämlich im „absoluten Patriarchat“ leben, wie will sie dann die Situation der 1950er-Jahre beschreiben? Als Frauen rechtlich nicht gleichgestellt waren und eine Frau Adenauer als Bundeskanzler undenkbar war? „Absolut“ ist ein sogenanntes „Absolutadjektiv“, somit nicht steigerbar. Die Differenzen zwischen der Situation der Frauen 1958 und 2018 ist mit dieser Beschreibung somit nicht darstellbar. Eine feministische Linguistik findet ihre Grenzen, wenn sie für die Empirie sprachlos bleibt. Es geht Frau Krämer aber auch nicht um die Beschreibung der Wirklichkeit. Für sie ist Sprache der Kampfplatz, um ihre These vom „absoluten Patriarchat“ politisch durchzusetzen.

Womit wir beim Thema wären. Zu Gast waren zwei im sprachpolitischen Stahlgewitter gehärtete Matadore: der Rapper Bushido sowie der frühere ZDF-Moderator und Buchautor Peter Hahne. Außerdem als Matadorin die Journalistin Teresa Bücker. Sie lehnt die Verwendung des generischen Maskulinums ab, selbst wenn sie in einer Aufzählung der Matadore ausdrücklich mitgenannt werden sollte.

Bushido wäre aber empört, sollte man ihn als Matadorin bezeichnen. Der Rapper-Millionär reklamierte die Kunstfreiheit für sich, um Frauen mit wenig schmeichelhaften Begriffen zu kontextualisieren. Zudem hätte niemand eine Ahnung von seiner Gesangskunst. Beleidigungen wären nicht so gemeint, so seine These. Vielmehr verstünden die Jugendlichen seine Texte, die seltsamerweise nicht so gemeint seien, wie sie formuliert sind. Selbst ein Charles Bukowski hätte dieses Argument wahrscheinlich nicht verstanden. Es sekundierte trotzdem Frau Bücker, die ansonsten als Fachfrau für Sprachsensibilität auftrat. Es ging um den berühmten „Negerkönig“ aus dem Werk einer schwedischen Kinderbuchautorin. Das müsse man Kindern nicht vorlesen. Zum Glück liest Frau Bücker im heimischen Kinderzimmer nicht Hannah Arendts Aufsätze über die „Negerfrage“ vor. Dem Bekenntnis zur Sprachsensibilität wollte am Ende sogar Peter Hahne seinen Tribut zollen. Ansonsten ist er zwar ein Verteidiger des sprachpolitisch umstrittenen „Zigeunerschnitzels“, aber der von der Oliver Welke neulich in der „heute show“ an das Kreuz genagelte Osterhase habe seine religiösen Gefühle verletzt.

Sprachpolitische Nahkämpfe mit dem Rapper-Millionär

Dabei formulierte Hahne zwei gute Argumente: Zum einen macht kaum ein Kabarettist vergleichbare Witze über den Islam. Sie befürchten nämlich den mit Hahnes Reaktion nicht vergleichbaren Kontext aus „verletzten Gefühlen“ und möglichen rechtswidrigen Handlungen. Da selektiert man doch lieber seine Religionskritik. Zum anderen scheitert das von Frau Bücker präferierte generische Feminimum an seiner Inkonsequenz. Niemand kommt bisher auf die Idee, von TerroristInnen oder MörderInnen zu sprechen.

Angesichts solcher Widersprüchlichkeit in der jeweiligen Argumentation kam es bei Bushido zu einem bis dahin ungeahnten Reflexionsniveau. Er plädierte dafür, Kunst dürfe nicht alles, wenn die Kunstfreiheit nicht in Gefahr geraten sollte. Dieser Appell galt natürlich nicht für seine eigenen künstlerischen Versuche. Vorher war Frau Krämer schon in sprachpolitische Nahkämpfe mit dem Rapper verwickelt. Da wollte sie wohl auch ein Zeichen setzen. Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ mit der berühmten Zeile „Alle Menschen werden Brüder“ wollte sie unverändert lassen. Gewissermaßen als Mahnmal für die Dummheit des Patriarchats. Natürlich ginge das gar nicht, so ohne Schwestern. Diese Annahme unterschätzt allerdings den wissenschaftlich-technischen Fortschritt: Das wäre theoretisch problemlos zu machen. Nur gibt es einstweilen noch Frauen, die keine Brüder werden wollen, und Männer, die das ebenfalls für eine Fehlentwicklung hielten. Es wäre zudem eine schwere Beeinträchtigung des Geschäftsmodells von Bushido. Das kommt ohne Frauen nicht aus, wenn er sie in seinen Liedern auch nie so nennt.

So tobte die Schlacht um Worte an allen die Republik bewegenden Kriegsschauplätzen. Es ging um den „Echo“ und die beiden dort mit einem Preis ausgezeichneten Künstler. Bushido und Hahne machten jeder auf seine Weise deutlich, warum der Ethik-Beirat des „Echo“ der Herausforderung nicht gewachsen war. Ansonsten dokumentierten die erwähnten Matadorinnen und Matadore die intellektuellen Inkongruenzen, denen die ProtagonistInnen sprachpolitischer Stahlgewitter ausgesetzt sind. Leider blieb ungeklärt, ob nicht ein an das Kreuz genagelter Osterrammler das „absolute Patriarchat“ besser repräsentiert als der arme Osterhase. So mussten hier die Zuschauer versuchen, im Nebel des sprachpolitischen Krieges den Überblick zu behalten. AnhängerInnen der feministischen Linguistik hätten etwa auf die Idee kommen können, ihre Präferenzen bei der Auswahl eines Kreditinstituts von der Ausgestaltung dessen Formularwesens abhängig zu machen. Leider ist diese Form marktwirtschaftlichen Denkens aus der Mode gekommen. Sie wurde nicht angesprochen. Frau Krämer will lieber das„absolute Patriarchat“ durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts in die Schranken weisen.

Rapper-Dialektik

Aber es gab zwei Gäste, die sich dem Schlachtgetümmel entzogen. Es waren der Kabarettist Florian Schröder und die Schauspielerin Annabelle Mandeng. Beide bewahrten ihren gesunden Menschenverstand. Niemand müsse Literatur nachträglich verändern, um ein kritisches Bewusstsein für den Sprachwandel zu bewahren, so das Argument von Mandeng. So war der Begriff „Neger“ ursprünglich keineswegs abwertend gemeint, wird aber trotzdem heute nicht mehr verwendet. Deshalb muss heute niemand Hannah Arendt oder Astrid Lindgren zensieren. Es sollte aber auch niemand den Sohn von Boris Becker einen „Halbneger“ nennen dürfen. Diese Formulierung aus dem Büro des AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier war abwertend gemeint, darin waren sich gestern Abend alle einig. Sie entspricht den Rassegesetzen der Nazis, die diesen Begriff des „Halbjuden“ überhaupt erst zum Rechtsbegriff machten. In Wirklichkeit gibt es weder „Halbjuden“, noch „Halbneger.“ Beides ist eine Erfindung von Rassisten.

Frau Mandeng machte auch den Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland deutlich. Bei uns waren die rassistischen Vorurteile gegen Schwarze nie mit den Rassenkonflikten in den Vereinigten Staaten vergleichbares Problem. Das hatte übrigens einen einfachen Grund: Nach dem Krieg kamen die meisten Deutschen mit Schwarzen erstmals in deren Rolle als amerikanische Soldaten in Berührung. In ihrer Heimat dagegen galten diese immer noch als Nachfahren früherer Sklaven, die in einem System der Rassentrennung leben mussten. Dieser historische Ballast spielte in Deutschland keine Rolle, was viele schwarze GIs in der Nachkriegszeit durchaus als positiv wahrnahmen.

Bushidos Rapper-Dialektik

Im Vergleich dazu versuchte sich Bushido in Rapper-Dialektik. Er verteidigte seine Kollegen Kollegah und Farid Bang, ohne sich deren Position anschließen zu wollen. Zudem hätte er seinerzeit auf seinem Twitter-Account eine Karte Palästinas ohne Israel nur deshalb veröffentlicht, weil „wir anders kein Gehör kriegen.“ Aber solche Provokationen sind wiederum keine, weil sie andauernd nur falsch verstanden werden. Er darf das so sehen, es ist halt nur nicht überzeugend. Schröder zeigte dem Gesangskünstler dann auch seinen Grenzen auf. Er begründete schlüssig, warum es sich bei Kollegah und Farid Bang um Antisemiten handelt.

So blieben gestern Abend zwei Erkenntnisse: Kunst darf fast alles, sogar mit Bushido intellektuelle Bankrotterklärungen abgeben. Und Sprache ist längst zum politischen Schlachtfeld geworden, wo die einen die Schimäre eines „absoluten Patriarchats“ bekämpfen und die anderen mit frauenverachtendem Liedgut ihren Lebensunterhalt bestreiten. Im Vergleich dazu sind sogar „Kyrill“ und „Friederike“ laue Lüftchen. Solche Stürme haben gegenüber dem sprachpolitischen Stahlgewitter einen Vorteil: sie sind vergleichsweise schnell vorbei, dafür aber auch ein ziemlich humorloses Ereignis. Den Vorwurf konnte man dieser Sendung immerhin nicht machen.

Quelle: FAZ.NET
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