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„The Red Strings Club“

Einmal Dystopie auf Eis, bitte

Von Axel Weidemann
 - 18:51
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Es sieht aus wie 1984 und hat doch mehr mit 2084 zu tun, als man es zu Beginn ahnen kann. Denn die Grafik des Videospiels „The Red Strings Club“ (Deconstructeam) ist eine solide zweidimensionale Pixelgrafik, wie sie bereits vor dreißig Jahren eingesetzt wurde. Dieser Retro-schick ist seit geraumer Zeit wieder so angesagt, dass der Umstand allein nichts Besonderes ist. Wobei die Bühne, ebenjene Bar namens „Red Strings Club“, und ihr Personal mit rührender Hingabe ausgestaltet und animiert sind – und das ist ein Effekt, den eben doch nur die Anhäufung zweidimensionaler Pixel erreicht. Pixel verhalten sich hier zum Videospiel wie Vinyl zur Musik. Und auch die ist hier ein ziemlicher Ohrenöffner.

Gleichzeitig ist „The Red Strings Club“ ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass Grafik eben etwas Oberflächliches ist: Dieses Spiel hätte das Zeug zum obligatorischen Gewissenstest für all die Silicon-Valley-Visionäre. Die ewigen Fragen, die sich in Zukunft immer drängender stellen und doch bisher ohne Antwort bleiben – wie sehr wollen wir unseren Geist von der Technik manipulieren lassen? Sollen künstliche Intelligenzen, egal, wie doof sie sind, uns empfehlen was zu tun ist? –, werden dem Spieler hier auf tückische Weise nahegebracht. Denn in dieser gar nicht so weit entfernten und nach Whisky, verschmorten Schaltkreisen und kaltem Zigarettenrauch riechenden Cyberpunk-Light-Zukunft muss sich der Spieler entscheiden, wie er dazu steht. Er wird sich Gedanken machen müssen.

Doch zunächst geht es an die Bar. Dahinter steht Donovan. Dieser mysteriöse, aber höchst sympathische Mann ist nicht nur Bartender, sondern handelt nebenher mit Informationen. In seinem Geschäft ist er eine Legende, was er vornehmlich seinen fast schwarzmagischen Künsten im Mixen von alkoholischen Getränken zu verdanken hat. Und wer nun meint, die alte Leier von der durch gezielte Rauschinduzierung gelockerten Zunge spiele hier eine Rolle, der unterschätzt die hohe Kunst eines fähigen Barmanns. Für Donovan ist die jeweilige Gefühlswelt seiner Kunden und ihre momentane Ausprägung ein offenes Buch: Sitzt dort einer mit einer Mischung aus Reue, Stolz und vorübergehendem Wahnsinn, dann weiß der Barkeeper seine Drinks wie Schlüssel einzusetzen, um den gewünschten emotionalen Zustand zu verstärken und so an die daran gebundenen Informationen zu kommen.

Sein Kumpel und bester Kunde ist ein freischaffender Hacker und Lebemann namens Brandeis, der bereits in einem anderen Spiel aus dem Hause Deconstructeam seinen Auftritt hatte. Sich selbst bezeichnet er als „Freidenker in einem 300-Dollar-Hemd“. Ihn sehen wir im Vorspann zum Spiel im freien Fall entlang einer verspiegelten Glasfassade gen Boden sausen – ohne Fallschirm. Es ist der Anfangs- und Endpunkt eines Spiels, durch das sich mehr als nur ein roter Faden zieht.

Zusammen mit Donovan stößt Brandeis auf die Pläne des Tech-Konzerns „Supercontinent Ltd.“. Sie stolpern quasi in Form des Androiden Akara-184 zur Tür herein. Durch einen „Tauchgang“, den Brandeis in Akaras Speicher unternimmt, erfahren die beiden von psychoaktiven Implantaten, die die Menschheit im Namen einer „psychischen Sozialfürsorge“ durch den Konzern von Gefühlsextremen wie Hass oder Depression befreien will.

Ungeachtet der Tatsache, dass Donovan mit seinen Drinks eine ähnliche Taktik verfolgt, steht für den Informationsmakler und seinen Kumpan schnell fest, dass es sich hierbei um Gehirnwäsche handeln muss. In wechselnden Rollen klickt sich der Spieler nun durch als Bargespräche getarnte Verhöre und Dialoge über das Für und Wider transhumanistischer Träume, die kreative Kraft negativer Emotionen und die üblichen menschlichen Schwächen.

Einer von vielen Clous ist, dass das Spiel den Spieler dahingehend prüft, wie aufmerksam er sich durch die Gespräche geklickt hat. Wenn wir als Donovan einen interessanten Kunden mit Getränken versorgt haben, fragt uns Akara danach in einem Quiz aus, was wir über ihn zu wissen glauben. Stimmen die Antworten des Spielers mit den Berechnungen der personifizierten K.I. überein, bekommen wir von ihr eine Pille, die die jüngsten Erinnerungen löscht, damit wir unsere Bargäste im Zweifel noch einmal befragen können. Doch die Entscheidung in moralischen Fragen wird dem Spieler nicht abgenommen. Denn wie in jedem guten Cyberpunk-Stoff ist nichts, wie es scheint. Entscheidend ist allein die Mischung.

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Spieletrailer„The Red Strings Club“

The Red Strings Club ist für PC, Mac und Linux als Download für 14,99 Euro bei Steam, Humble oder Gog zu haben.

Quelle: F.A.Z.
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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