Deutscher Computerspielpreis

Ein Kessel Bytes

Von Axel Weidemann
 - 20:41

Die ganz großen oder zumindest groß gemeinten Figuren waren nur Nebendarsteller. Das imperiale Oberkommando – Darth Vader, Kylo Ren und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder –, Sylvanas Windrunner, Senua, Aloy, zwei überdimensionale Autobots, Olli Schulz und all die anderen aus der hinreißend aufgebrezelten Cosplay-Truppe – diente als Zierrat, als am Dienstagabend im Münchner Kohlebunker und Kesselhaus in fünfzehn Kategorien der Deutsche Computerspielpreis verliehen wurde. Und weil eine Preisverleihung in Deutschland ohne sie wie Weihnachten ohne Baum wäre, stand Barbara Schöneberger vorn. „Das Kesselhaus war früher voller Kohle. Und, was soll ich sagen, heute Abend ist es wieder so“, sagte sie und hatte Recht, ging es doch insgesamt um 560000 Euro Preisgeld. Politik und Wirtschaft haben, seit 2009 der erste Computerspielpreis (damals mit 385000 Euro Preisgeldern), getragen vom Branchenverband „Game“ und dem Bundesverkehrsministerium, verliehen wurde, begriffen, welches Potential der Computerspielmarkt besitzt.

So erwähnte Markus Söder ebenso wie Lars Klingbeil von der SPD, dass „Games-Förderung“ im Koalitionsvertrag verankert ist. Der Bund fördert, aber Bayern fördert mehr. Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt, erschien per Videoeinspieler im schwarzen „LED-Kleid mit eigenem Instagram-Account“ und befand: „Deutsche Spieleentwickler bringen mit ihrem Know-How die deutsche Kultur voran.“ Und: Der Deutsche Computerspielpreis und Games, das seien „Chefinnen-Sache“, seit Angela Merkel 2017 die Gamescom in Köln eröffnet habe.

Der große, verdutzte und gerührte Gewinner des Abends war dann das Team von „Barrel Roll Games“, Christoph Rienäcker, Nils Ohlig, Tina Heitmann und Lukas Köhne, mit ihrem Online-Versteck-Spiel „Witch it“. Sie gewannen in der Kategorie „Bestes Deutsches Spiel“, „Bestes Jugendspiel“ und „Bestes internationales Mehrspielerspiel“. 185000 Euro Preisgeld und hunderttausend Euro in „Medialeistungen“ gehen an das Hamburger Studio. Und obgleich man es der hanseatischen Spieleschmiede gönnt, fragt sich doch, wie die 54 Mitglieder umfassende Jury ihre Entscheidungen angesichts einer scheinbar wahllos zusammengewürfelten Vorauswahl trifft. Schon die Nominierungen: Ein Spiel wie „Witch It“, bei dem ein Team von Spielern sich in Form von Gegenständen in einer virtuellen Welt versteckt, während ein anderes Team sie aufspürt, in der Kategorie „Beste Innovation“ zu nominieren (Gewinner Trotzkind/Exit Adventures mit „Huxley“), ist fragwürdig. Das gibt es nämlich als „Prop Hunt“-Modus auch schon andernorts.

Und dass „Witch It“ sich dann auch noch als „Bestes internationales Mehrspielerspiel“ gegen Konkurrenten wie „Splatoon“ oder „Monster Hunter: World“ durchsetzt, ist unverhältnismäßig. Wenn man schon auf Teufel komm raus die Stärke des deutschen „Game-Standorts“ herausstellen will, gelingt das nicht, indem man „liebevoll“ (das Wort des Abends) gestaltete deutsche Seifenkisten mit internationalen Sportboliden vergleicht. Zudem ist die Kategorie „Bestes Internationales Spiel“ mit Titeln, die mit dem Standort Deutschland weniger bis nichts zu tun haben, beim Deutschen Computerspielpreis fehl am Platz. Denn so wirkt es, als halte man die deutsche Game-Szene entweder für zu klein für einen solch wichtigen Preis, oder aber die Branche traut ihrem kreativen Potential nicht. Besser, sie täte es.

Quelle: F.A.Z.
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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