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„Tatort“ aus Köln

Ist Blut schicker als Liebe?

Von Oliver Jungen
 - 18:05
Alles Gute zum Geburtstag? Das gilt im Fall von Laura (Ruby O. Fee) und Adrian (Rick Okon) ganz und gar nicht. Bild: WDR/Martin Menke, F.A.Z.

Oliver Stone, Hollywoods Politrüpel, wurde gar vor Gericht gezerrt. Dabei hatte er die Vorlage von Quentin Tarantino schon umgeschrieben und „Natural Born Killers“ als Karikatur der massenmedialen Verherrlichung von Gewalttaten verstanden wissen wollen. Dennoch schien seine nicht nur bildsprachlich aufregende „Bonnie and Clyde“-Adaption von 1994 zur Identifikation einzuladen. Dazu musste dem Serienmörder-Pärchen nicht einmal die Flucht gelingen (es gibt zwei alternative Enden). In der Gestalt des großen Verbrechers, schrieb schon Walter Benjamin, errege die Gewalt „noch im Unterliegen die Sympathie der Menge gegen das Recht“. Tarantino hat eine ganze Karriere darauf aufgebaut.

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Der „Tatort“ freilich, zumal in seiner Kölner Inkarnation, ist eine altbackene Moralanstalt, die mit Benjamin so wenig anfangen kann wie mit Satire. Auch wenn sich die Episode „Kartenhaus“ aus der Feder des zumindest quantitativen deutschen Drehbuchkönigs Jürgen Werner vom Elternmord bis zum flotten Cabrio mit Motiven aus „Natural Born Killers“ schmückt (und das auch dazusagt), ist die Verlegung des ruhmsüchtigen Liebesaufstands gegen das Recht an den Rhein eine fast schon brutale Erdung dieser Erzählung.

Die Kommissare hetzen nur hinterher

Die Nachwuchsschauspieler mögen in der Regie des jungen Sebastian Ko noch so losgelöst agieren, oftmals mehr tanzen als spielen: Es muss ja doch ermittelt werden, und das mit der gewohnten Ödnis. Dramaturgisch kommt dabei so wenig herum wie taktisch: „Im Moment hetzen wir nur hinterher und sammeln die Leichen ein“, analysiert Knuddelkommissar Schenk (Dietmar Bär) ganz richtig. „Sie lügt, er träumt“, fasst Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt) den Plot zusammen. Eine Zumutung ist die Nebenhandlung um den Assistenten Tobias Reisser (Patrick Abozen), der ein Überfalltrauma verarbeiten darf.

Auch der Kurzschluss der Handlung mit einer sozialkitschigen Oben-unten-Fabel entzieht dem Räuberpärchenmärchen einen guten Teil seiner subversiven Energie. Die Tochter aus absurd edlen Verhältnissen (Ruby O. Fee) ist ein so verboten dummes Ding, dass man ihre Charakterisierung nur als populistischen Reichenspott ansehen kann. Laura hat keine Freunde und wohnt mit leicht verstörter Mutter und einem Schwiegervater, der sie missbraucht haben soll, in einer Hahnwald-Villa. Ihr hochintelligenter Freund Adrian (Rick Okon) hingegen stammt aus dem kaputtesten Milieu, das die Stadt aufzuweisen hat: aus der in den Siebzigern auf freiem Feld errichteten No-go-Area Kölnberg. Der verrottende Hochhauskomplex für knapp viertausend Personen aus sechzig Nationen wird längst von Prostitution, Rattenplagen und Kriminalität geprägt. Vor zwei Jahren wurde eine verweste Leiche aus dem neunten Stock geworfen; im vergangenen Jahr schoss eine Rockergruppe eine Frau und ihre beiden Söhne nieder; zuletzt wurde eine Kita aufgegeben, weil schwere Gegenstände die Oberlichter der Tagesstätte durchschlugen.

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Der Grill fliegt vom Balkon

Im Film wuppt die Mutter des Täters (Bettina Stucky) irgendwann einen gusseisernen Grill über die Balkonbrüstung, über die schon ihr anderer Sohn sowie ihr Mann ins Jenseits entschwunden sind - wer eine fernsehübliche Familientragödie ahnt, liegt goldrichtig. Wenigstens das mit der Müllentsorgung aber ist authentisch. Außerdem ist die Hartz-IV-Wohnung so schön kaputt hergerichtet (Achtziger-Jahre-Glasvitrine, grüne Strukturtapete, ein Albtraum von Couchtisch), wie die Nobelvilla schick wirkt und die Königssuite des Flughafenhotels geschmacklos exquisit.

Und da sind wir beim lobenswerten Part dieses „Tatorts“: seiner Ästhetik. So gut wie in diesen Luftaufnahmen sah der Kölnberg lange nicht mehr aus. Die an Intensität kaum zu überbietende Schlusssequenz zu den Klängen von „Wonderful Life“ hat filmische Größe, und auch der Einstieg ist so stark wie grausam. Er zeigt den mehrere Anläufe benötigenden Mord Adrians an Lauras Schwiegervater, während diese im Zimmer zu lauter Musik tanzt („When the Rain Begins to Fall“) und die Mutter im Auto Puccini hört („Un bel di vedremo“ natürlich, wartend auf den Mann). Die Liebenden verlassen die Szene - Laura hat nichts mitbekommen -, aber wie ein Kartenhaus fällt ihre Traumwelt bald in sich zusammen.

Stylish (fürwahr ein Duden-Wort) ist nicht immer verkehrt. Noch schöner wäre es gewesen, hätte sich diese Pop-Infusion auf die frittiert anmutenden Ermittler übertragen, die Dienst nach Vorschrift schieben. In der Vorlage hat man wohl zu hoch gegriffen, aber für anderthalb Stunden weltferne Entspannung in stimmiger Atmosphäre ist das Publikum vielleicht ganz dankbar nach der ergreifend guten, nah an der Flüchtlings-Realität gebauten Episode der Vorwoche. Zuletzt - zum Teufel mit Tarantino und Stone - siegt sogar die Moral.

Der Tatort: Kartenhaus läuft am Sonntag, 28. Februar, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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